Kraftklub in Berlin 2026
: 17.000 feiern trotz Regen beim Konzert in der Wuhlheide

Zwei Abende in der Wuhlheide, zweimal sofort ausverkauft: Warum die Chemnitzer Band Kraftklub so vielen aus dem Herzen spricht.
Von
Gunnar Leue
Berlin
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Festival „Frequency 2026“ - Kraftklub: 20.08.2026, Österreich, St. Pölten: Sänger Felix Kummer von der Band «Kraftklub» steht während eines Konzerts auf der «Space Stage» beim «Frequency 2026» am Donnerstag auf der Bühne. Das Festival findet vom 20. bis 22. August 2026 statt. Foto: Florian Wieser/APA/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Bringt Party und Reflexion zusammen: Sänger Felix Kummer von der Band Kraftklub. So lief ihr Konzert in der Wuhlheide Berlin.

Florian Wieser/APA/dpa
  • Zwei Konzerte in der Wuhlheide waren sofort ausverkauft, jeweils mit 17.000 Fans.
  • Der Song „Ich will nicht nach Berlin“ wurde früh im Set frenetisch gefeiert.
  • Kraftklub verbindet Party und Reflexion – neue Lieder kreisen um Vergänglichkeit.
  • Feature-Gäste fehlten, dafür drehte Zuschauerin Jessi das Glücksrad zu „Scheißindiedisko“.
  • Die Band positioniert sich klar gegen Rassismus und Homophobie und ruft zu Zusammenhalt auf.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der Song kommt bereits an dritter Stelle im Kraftklub-Konzert am Freitagabend (21.8.) in der Parkbühne Wuhlheide und die 17.000 hüpfen und tanzen und singen lauthals den Refrain: „Ich will nicht nach Berlin“. Vor mittlerweile 15 Jahren entstanden, zu einer Zeit, als fast alle Musiker und Musikerinnen, die irgendwie nach oben strebten, nach Berlin gingen.

Dorthin musste man damals, um etwas im Popbiz zu werden. Kraftklub aus Chemnitz, die gerade mit ihrem Debütalbum „Mit K“ zu Shootingstars geworden waren, hatten aber keinen Bock, dem Sog nach in die (Musik)hauptstadt zu erliegen.

Also machten sie aus ihrer Ablehnung eine Tugend, sprich einen Hit. „Ich will nicht nach Berlin“ wurde zu einer Art Hymne für alle, denen der ganze Berlin-Hype auf die Ketten ging und die sich selbst vertrauten, auch in ihrer Heimat Großes auf die Beine stellen zu können.

Das haben sie geschafft, was man auch daran sieht, dass die beiden Parkbühnen-Konzerte (das zweite folgt am Samstag) im Nu ausverkauft waren und die Stimmung von Beginn an – trotz Regen – auf dem Höchstlevel ist. Die vorwiegend jungen Menschen, mit einem leichten Überanteil von Frauen, bejubelten bereits den von einer Konfetti-Kanonade untermalten Opener „Marlboro Mann“ euphorisch.

Aber den Anti-Berlin-Song feiern sie so frenetisch, dass man denken könnte, hier würden die Befragten einer aktuellen FAZ-Umfrage ihrem Votum singend Nachdruck verleihen wollen. In der war ja herausgekommen, dass 46 Prozent der Deutschen auf gar keinen Fall in Berlin wohnen wollen würden und dass die Negativbewertung der Hauptstadt (Kriminalität, Verwahrlosung) besonders im Großraum Berlin exorbitant ist. Insofern ist es durchaus möglich, dass die Chemnitzer Band den Hauptstädtern mit ihrem Song noch mehr aus der Seele spricht als sich selbst.

Die fünf Kraftklub-Männer sind stolze Chemnitzer, wobei sie ihre Heimatstadtliebe gern in den alten DDR-Namen Karl-Marx-Stadt verpacken. Der Titel ihres neuen Albums enthält sogar den alten Stadtnamen. „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ ist freilich kein Abgesang auf die Stadt – die als Europäische Kulturhauptstadt zuletzt viel Renommee gewann –, sondern eine Pointierung eher individueller Gefühle des Haupttexters der Songs, Felix Kummer.

Etliche der neuen Songs, die in der Parkbühne auf der Setlist stehen, drehen sich um Vergänglichkeit im weiteren Sinne, auch um Abschied von persönlichen Phasen und Vorstellungen. Das heißt nicht, dass Kraftklub in ein Trübsal-Loch gefallen wären.

Deichkind-Freund steht bei Konzert in Berlin mit auf der Bühne

Party und Reflexion, beides geht durchaus zusammen. Die Bandmitglieder sind schließlich längst in der Erwachsenenwelt angekommen. „Es kann mal knistern“, sagt Felix Kummer in Bezug auf die Technik im Regen, aber so sei das eben im Leben. „Leben ist echt.“

Das echte Leben bewegt sich songtechnisch bei Kraftklub zwischen Liedern wie „Unsterblich sein“ und „Zeit aus dem Fenster“. Letztere eine Partytechnonummer, an der Deichkind beteiligt war, weshalb ein Deichkind-Freund live gemeinsam mit Felix Kummer singt.

Kraftklub sind ja bekannt dafür, dass sie gern mit befreundeten Musikerkollegen zusammenarbeiten. Bei „Fahr mit mir (4×4)“ hatten sie Tokio Hotel als Feature dabei. In der Wuhlheide tauchen die Kaulitz-Brüder freilich nicht auf. Dafür kommt Zuschauerin Jessi auf die Bühne, um das Glücksrad zu drehen und den frühen Hit „Scheißindiedisko“ zu ziehen.

Der hatte 2010 schon alles, was die Faszination der Kraftklubmusik ausmacht: rotziger, aber eingängiger Indie-Rap-Rock, der in den Lyrics auf Rumgeeiere und Deutschpopsentiment verzichtet. Stattdessen bestechen die Texte durch Bonmot-Qualität, Selbstironie und Klarheit. „Wir haben keinen Bock auf Differenzieren, keinen Bock auf Rassismus, Homophobie“, sagt Felix Kummer, bevor er „Schüsse in die Luft“ anstimmt.

Es helfe nur, sich gegen Faschos zu wehren und sich gegenseitig zu unterstützen. „Seid ihr bereit für Randale?“, ruft er. Gemeint ist natürlich der Song „Randale“, in dem mitnichten zum staatlichen Umsturz aufgerufen wird.

Kraftklub sind keine Verbalradikalinskis und Sprücheklopfer, sie wissen genau, wovon sie reden und singen. Dass ihre Songs zum Mitsingen und -denken einladen („Schief in jedem Chor“, „Songs für Liam“), ist eine große Kunst, die die stolzen Karl-Marx-Städter seit Jahren unter Beweis stellen. Dafür sind sie auch diesmal wieder gern nach Berlin gekommen.