Von Ida Kretzschmar

Dieses Wochenende ist heiß. Es hüllt die Sommernächte in Seide. Wie geschaffen dafür, die Legende vom heißen Sommer auferstehen zu lassen. Und das gleich im Doppelpack. Das Boulevard Theater Dresden präsentiert im Amphitheater der Neuen Bühne Senftenberg ein Stück Osten. Vermischt dabei zwei Defa-Kultfilme: „Die Legende von Paul und Paula“ mit Angelika Domröse und Wilfried Glatzeder sowie „Heißer Sommer“ mit Chris Doerk und Frank Schöbel.

Was macht sie und ihre Hits noch immer so unwiderstehlich? Mehr als 1200 Besucher folgen an beiden Abenden der Einladung, zum 30. Jahrestag des Mauerfalls die größten Amiga-Hits des Ostens zu feiern.

Los geht es allerdings mit einem Westkracher. David Hasselhoff beansprucht ja, mit seinem „Looking for Freedom“ die Mauer eingerissen zu haben. Aber waren das nicht doch eher Songs wie „Als ich fortging“ von Dirk Michaelis mit dem wehmütigen Text von Gisela Stein­eckert? Die Lyrikerin hat vielen großen Osthits, die hier noch einmal kraftvoll zum Leben erweckt werden, ihren unverwechselbaren Atem gegeben.

Nein, was hier „jenseits des Nudossi-Äquators“ passiert, ist kein DDR-Kulturprogramm. Obwohl schon echtes „DDR-Flair zum Reinfühlen“ ausgepackt wird: Badekappe, Brotbüchse, Eierbecher, Blümchenschlafsack mit hohem Wiedererkennungswert, ja sogar Blauhemden. Aber die steckt die Band, die zwecks „musikalischer Zeugungserfahrungen“ zusammengekommen ist, ganz schnell wieder in die Mottenkiste. Man sei schließlich nicht hier, um die DDR zu feiern, sondern den Sound des Ostens, so kündigen die Musiker an, von denen die meisten den Mauerfall als Kind erlebt haben.

Und so ist das Stück auch in der Gegenwart angesiedelt. Amigachef Jörg Stempel hat seinem Sohn John einen Koffer in die Hand gedrückt, aus dem dieser die größten Hits aus der DDR herausfischen soll. John hat dafür seine „musikalischen Waffenbrüder“ zusammengetrommelt, „Richi und die Aktivisten der ersten Note“. So frozzeln die Jungs zunächst herum, während sie sich mit neuen Arrangement und ganz anderen Stimmen an den Liedern ihrer Eltern versuchen.

Schwierige Angelegenheit für solche Jungspunde, ein Lebensgefühl zu covern. „Das geht schon in Ordnung. Natürlich war das was anderes, als ich bei Manne Krug und Günter Fischer im Konzert saߓ, kommentiert ein 60-jähriger Senftenberger. Hier aber gehe es nicht darum, die Stimmen zu imitieren, das hier ist Theater.

„Und doch: Julia Henke, die im Sommer 1989 noch Schauspielstudentin in Rostock war, ist nicht nur stimmlich ganz nah dran an diesem Lebensgefühl. Mit rauer Zärtlichkeit erinnert sie an Rockröhre Tamara Danz, sucht „Asyl im Paradies“ und beschwört mit „Bataillon d‘Amour“ wahre Gänsehautmomente. Auch als Bandmutti in Helga-Hahnemann-Manier erntet sie viel Beifall. Besonders für den Satz: „Ostbrötchen bleibt Ostbrötchen.“

Dennoch wird das Ganze keine Ostalgieshow, auch wenn manch Klamauk mit alten Sachen und Kampfhymnen getrieben wird. Und doch: Es ist ein Rückblick mit Zukunftspotenzial. Denn diese Töne gehören ins gesamtdeutsche Musikgedächtnis, sind sich Darsteller und Zuschauer einig. Zwischen „König der Welt“ und „Alt wie ein Baum“ hat die Rockszene in der DDR eine ganz eigene vielgestaltige Lyrik entwickelt, die Unaussprechliches in großartige Bilder und Balladen verpackt. Noch einmal gehen alle über sieben Brücken, feiern ihre Legenden, die Jugendliebe und den heißen Sommer. Was niemanden hindert, voller Inbrunst am Ende den erfolgreichsten Hit der Amiga-Zeiten zu singen, millionenfach verkauft: „Weihnachten in Familie“ von Aurora Lacasa und Frank Schöbel. Und während die Kerzen brennen und man sich Frieden und viel Glück wünscht, wird es auf einmal noch viel wärmer. So heiß war es nicht immer, oder? Egal. Standing Ovations und jubelnde Einigkeit: Ostbrötchen bleibt Ostbrötchen. Ostmusik bleibt Ostmusik.

Am 21. & 22. Juni, 19.30 Uhr, erklingt letztmalig vor der Sommerpause der Neuen Bühne die Dreigroschenoper von Brecht/Weill im Amphitheater.