Katarina Witt im ZDF: Darum lohnt sich der Film über ihren Comeback-Versuch 1994

Kurz vor ihrem olympischen Auftritt in Lillehammer bleiben Kati Witt (Lavinia Nowak, l.) und Frau Müller (Dagmar Manzel, r.) im Aufzug stecken und ihre Teilnahme droht zu platzen.
ZDF und Stanislav Honzík„Sie sind aus dem Westen, oder?“, fragt Katarina Witt die Journalistin, die sie im Vorfeld ihres Comeback-Versuchs bei den Olympischen Spielen 1994 in Lillehammer höchst inquisitorisch am Rande des Trainings befragt, warum sie sich das noch mal antue und wie denn das damals gewesen sei mit der Stasi und mit ihr. „Dann können Sie das nicht verstehen. Ich fand nicht alles schlecht in der DDR.“ Die Rechnung bekommt sie einige Tage später, als die „Bild“-Zeitung groß titelt: „Katarina Witt - wie war das mit der Stasi?“
Sie hat noch Rechnungen offen - und das Land mit ihr. Mit der „SED-Ziege“, der „Eislaufprinzessin von Honeckers Gnaden“, der „Musterschülerin des Sozialismus“. Katarina Witt kennt sie alle, die abfälligen Bemerkungen. Als sie auf dem Weg in die USA am Flughafen Tegel eine Zeitung kaufen will, bekommt sie sie nochmal serviert: Sie lande doch immer auf der Schokoladenseite, erklärt ihr die Kioskbetreiberin (Anna Thalbach). Dort, wo es sich wirklich lohnt. Worauf Katarina Witt antwortet, sie sei immer wieder auf ihrem Arsch gelandet, und habe sich die Füße blutig getanzt. „Das passiert, wenn man etwas richtig gut machen will.“
Katarina Witt: Film im ZDF – nach der Wende abgemeldet
Davon erzählt der Film „Kati - eine Kür, die bleibt“, den das ZDF am 3. Oktober ausstrahlt und der auch in der Mediathek zu sehen ist. Davon, dass eine es nochmal gut machen will. Und davon, was sich geändert hat in diesen wenigen Jahren zwischen 1989 und 1994. Da tingelt Katarina Witt längst mit Eiskunstlaufshows durch die Welt, hat einen US-amerikanischen Schauspieler als Freund. Und die Eltern zu Hause in Chemnitz wohnen noch im gleichen Plattenbau (gedreht wurde in Prag). Der Vater hat gerade seinen Job verloren, weil er sich weigerte, die Entlassungen seiner Mitarbeiter zu tragen. Und Jutta Müller, die legendäre Trainerin, die die Witt zur zweifachen Olympiameisterin gebracht hatte, sitzt daheim im Wohnzimmer vor dem Fernseher und löst Kreuzworträtsel.
Regisseurin Michaela „Mimi“ Kezele und Drehbauautorin Andrea Stoll haben sich gegen ein klassisches Biopic entschieden und ihren Film auf diese eine Episode konzentriert: den Comeback-Versuch, als Katarina Witt noch einmal bei den Olympischen Spielen in Lillehammer antritt - gegen Konkurrentinnen, die deutlich jünger sind als sie und mit einem Programm, das zu dem Song „Weißt du, wo die Blumen sind“ an das Morden in Sarajevo erinnern soll - wo sie 1984 mit 18 ihre erste Goldmedaille gewann. Einmal sieht man sie schockiert vor einem Fernsehgeschäft in Chemnitz stehenbleiben, als das Bombardement in Sarajevo gezeigt wird. Bis dahin konzentriert sich der Film auf die vielen schweißtreibenden Stunden des Trainings - und auf den Kleinkrieg zwischen Witt und ihrer Trainerin.
Dagmar Manzel spielt Jutta Müller als eiskalte Trainerin
Die beiden geben sich nichts: Die kapriziöse Sportlerin, die längst erwachsen geworden ist und ihren eigenen Kopf hat, und die Trainerin, die nach Ende der DDR tief gefallen ist, von den Kollegen in der Deutschen Eislaufunion kaltgestellt worden ist und nun auch um ihre Reputation kämpft. Dagmar Manzel gibt sie als immer beherrschte, kalte Figur, die mit ihrem Schützling in gegenseitiger Abhängigkeit verbunden ist. Nur einmal wird die Maske brüchig, spürt man die Angst vor dem Abgemeldetsein, muss sie sich bei ihrem Mann Binges (Sylvester Groth) trösten lassen.
Lavinia Nowak hingegen gibt Katarina Witt mit erstaunlicher physischer Ähnlichkeit als nachdenkliche junge Frau, die durch alle Anfeindungen und Niederlagen hinweg zu einer erstaunlichen Souveränität gefunden hat. Nach dem Interview mit der Journalistin will sie es wissen, beantragt Einsicht in ihre Stasi-Akten, konfrontiert Egon Krenz (Alexander Schubert) beim Besuch mit der Überwachung, die sie seit Kindestagen erfuhr. Die echte Katarina Witt war sehr beeindruckt von ihrem Double. „Lavinia spielt ihre Rollen als Schauspielerin immer so, wie ich mich als Eiskunstläuferin empfunden habe“, wird sie zitiert.

Begegnung mit dem Alter Ego: Lavinia Nowak (spielt Kati Witt) und Katarina Witt.
ZDF und Dusan MartinekDarum geht es ihnen beiden: zu zeigen, dass sie nicht verschwunden sind mit Ende der DDR. In die aktuellen Debatten darüber, wie die DDR und die Neunziger zu bewerten seien und was alles falsch gelaufen ist seit 1989, passt dieser differenzierte Film hervorragend. Und natürlich zittert man am Ende mit, wenn der entscheidende Sprung nicht gelingt. Dass die Eltern es sind, die das Stadion zum Applaudieren bringen, mag etwas platt erscheinen. Doch was Siegen in der Niederlage heißt, haben Katarina Witt und Jutta Müller an diesem Tag 1994 in Lillehammer bewiesen.
„Kati - Eine Kür, die bleibt“ läuft am 3.10. um 20.15 Uhr im ZDF und ist jetzt schon in der ZDF-Mediathek zu sehen.


