Thomas Anders ist für viele untrennbar verbunden mit Modern Talking. Nach der Trennung machte er aber auch solo erfolgreich Karriere. Am 14. Mai ist Anders in der Cottbuser Stadthalle. Dabei ist diesmal aber einiges anders als bei vorherigen Konzerten. Denn Anders singt diesmal nicht auf Englisch, sondern auf Deutsch. Die RUNDSCHAU sprach mit ihm über diese und andere Veränderungen.

Herr Anders, „Das Leben ist jetzt“ heißt die erste Single auf dem aktuellen Album. Wo ist für Sie das Leben jetzt?

Anders Im Hier und Jetzt. Es ist im Grunde ein Synonym dafür, dass wir uns daran erinnern sollen, den Moment zu genießen. Ich habe oft das Gefühl, dass die Menschen das vergessen haben. Viele leben zu sehr in der Vergangenheit ganz nach dem Motto: Früher war alles viel besser. Und diese Menschen glauben, dass in der Zukunft bestimmt etwas Großartiges passieren wird. Denn das Heute ist scheiße. Das kann es nicht sein, wir leben im Hier und Jetzt. Und wenn ich mir nur darüber den Kopf zerbreche, dass es jetzt gerade nicht toll ist, kann ich den Alltag auch nicht genießen. Das Leben ist schwer genug, aber man muss eben selbst dafür sorgen, dass es leichter ist. Düstere und negative Gedanken machen müde und kraftlos. Und deshalb ist das Leben im Jetzt schön.

Das aktuelle Album trägt den Titel „Ewig mit dir“. Im ersten Moment verbindet man den Titel mit einer Frau. An wen denken Sie?

Anders Ich habe den Titel nicht auf eine bestimmte Person bezogen. Ich fand den dazugehörigen Song einfach wunderschön. Es war das erste Lied, das ich für das Album schon im September 2017 aufgenommen hatte. „Ewig mit dir“ ist auf der einen Seite ein Treuebekenntnis. Auf der anderen Seite finde ich das Wort ewig spannend. Ein ganz großes Wort. Das macht es für mich so extrem interessant. Und so kam der Song mit dieser tollen Melodie und dem tollen Text zustande.

Jüngst war zu lesen, dass Sie sich mit dem neuen Album näher an der Königsklasse befinden. Sind Sie also der FC Bayern des Schlagers?

Anders (lacht) Es ist das zweite deutschsprachige Album von mir. Vielleicht ist es nur ein Schlagwort, ich kann das schlecht definieren. Was soll es bedeuten, dass ich in der Königsklasse bin? Mir würde es genügen, wenn ich lesen würde: Es ist ein geiles Album. Das ist nämlich die Sprache vom Hier und Jetzt. Königsklasse hat für mich sehr viel Pathos.

Sie bekennen sich jetzt zum deutschen Gesang und sind damit erfolgreich. Was bedeutet Ihnen das?

Anders Man sollte Erfolg nicht nur an Verkaufszahlen festmachen. Erfolg sollte die Qualität der Musik ausmachen. Wir sind immer getrieben von unserer Kommerzialität. Vom plakativen Erfolg, der sich in den Charts abspielt.

War es Ihnen ein Anliegen, das zweite Album wieder auf Deutsch zu singen? Sie hatten in der Vergangenheit englische Alben veröffentlicht.

Anders Momentan fühle ich mich wohl damit, deutsch zu singen. Ich wehre mich immer ein wenig dagegen, alles absolut zu sehen. Ich bin seit fast 40 Jahren im Musikgeschäft tätig und es haben sich so viele Sachen verändert, ich mich auch. Ich bin natürlich erwachsener und reifer geworden und weiß nicht, was noch kommt. Vielleicht sage ich mir in 20 Jahren, ich muss ein französisches Chanson-Album machen. Das lasse ich mir ganz bewusst offen. Alles, was für mich mit Kreativität zu tun hat, ist für mich faszinierend. Diese Kreativität möchte ich nicht einschränken.

Was ist das Besondere am neuen Album?

Anders Man fühlt das neueste Album immer sehr stark. Ich habe mich zwölf Monate damit beschäftigt und hoffe, dass die neuen Songs ein bisschen Schwere von den Menschen nehmen können. Das entspricht auch meinem Charakter. Ich bin jemand, der sehr positiv und lebensbejahend durchs Leben geht. Manchmal ist es meiner Frau zu viel, aber damit muss sie leben. (schmunzelt) Auch, wenn eine Situation noch so schwierig ist, muss man das Beste daraus machen. Meine Lieder stehen für Unterhaltungsmusik. Ich möchte mit diesem Album nicht die Welt retten. Oder sie verändern. Grundsätzlich soll das Album eine positive Energie aus­strahlen.

Es war zu lesen, dass jede gesungene Note auf dem Album mehr Seriosität ausstrahlt. Waren Sie früher unseriöser?

Anders Nein. Ich glaube, dass damit gemeint ist, dass ich das glaube, was ich singe. Alle Songs der CD gehen über meinen Schreibtisch. Wenn ich ein Lied nicht mag, dann singe ich es auch nicht. Ich versuche, jedem meiner Songs etwas Leben einzuhauchen und Persönlichkeit von mir zu geben. Ich glaube, dass mir das auf „Ewig mit dir“ gelungen ist. Ich bin stolz drauf. Es ist einfach ein gutes Album.

Haben Sie schon mal überlegt, einen Song von Modern Talking auf Deutsch zu singen?

Anders Oh nein. Das fände ich nicht harmonisch. Die Modern-Talking-Songs gibt es nur auf den Konzerten. Meinen eigenen englischen Song „Lunatic Girl“, der nie veröffentlicht wurde, aber bei den Fans ein großer Hit ist, habe ich auf dem letzten Album auf Deutsch gesungen. Die Modern-Talking-Klassiker zu nehmen und einzudeutschen, wäre für mich jedoch keine runde Sache.

In welcher Geschwindigkeit ist Ihr Leben nach dem zweiten Ende von Modern Talking weitergegangen? Der Start der Solokarriere war erst etwas schleppend.

Anders Das stimmt. Wenn man so eine Karriere wie die von Modern Talking erlebt hat, dann ist es nicht einfach zu Ende. Vielleicht für den Moment und für den Act als solchen. Aber für die Fantasie und das Denken der Menschen lebt Modern Talking weiter. Man kann da nicht auf die Bremse treten. Es folgen dann einfach Phasen und Zeiten der Umorientierung. Modern Talking hat mein Leben extrem bestimmt, und der Jahreszyklus war komplett darauf abgestimmt. Nach dem Ende der Band musste ich mich neu finden und einen anderen Weg gehen. Das war eine echte Herausforderung, der ich mich stellen wollte. Und der ich mich immer noch stelle. Sonst hätte ich verloren.

Sind Sie glücklich, dass sich das mit den Jahren alles so gefügt hat?

Anders Natürlich. Ich bin aber auch sehr demütig und dankbar. Mit allen Höhen und Tiefen inklusive Modern Talking bin ich seit fast 40 Jahren in der Branche dabei. Es gibt nicht so viele Künstler, die das von sich behaupten können. Ich habe mal in einem Interview gesagt und bin da selbst über mich erschrocken: Menschen, die so lange auf dieser Welt leben wie ich Musiker bin, haben eine Welt ohne Modern Talking nie erlebt. Mal mehr, mal weniger erfolgreich, ich war immer da.

Wie ist heute Ihr Kontakt zu Dieter Bohlen?

Anders Wir haben ganz selten Kontakt. Aber wir sind uns nicht spinnefeind. So denken leider viele, weil ich ihn damals nach seiner Buch-Veröffentlichung verklagt habe. Aber da wurde einfach nicht die Wahrheit gesagt. Ich hätte nicht prozessieren müssen, aber ich musste mich wehren. Es wurde natürlich nur der Prozess thematisiert. Wir haben selten Kontakt und wenn, dann ganz neutral. Es hat nichts Feindseliges, wenn wir miteinander sprechen oder uns Mails schreiben. Wir waren früher auch nie Freunde. Da kann man mal sehen, was Medien mit einem Image anstellen können. Wir beide waren erfolgreich und weil wir uns auf der Bühne angelächelt haben, dachten alle: Das müssen beste Freunde sein. Als wir uns dann getrennt haben, haben sich zwei Freunde verkracht. Aber das ist nicht richtig, denn zwei Geschäftspartner haben sich verkracht. Das klang natürlich nicht so spannend für die Medien. Mit diesem Rucksack muss ich immer noch leben.

Gibt es eine Lebenserfahrung, die Sie in Ihrem neuen Album verarbeitet haben?

Anders Verarbeiten musste ich nichts. Aber es gibt einen Song, bei dem ich in mich gegangen bin. Es ist der Titel „Hätte, wäre, wenn“. Man versucht immer etwas zu erklären. Hätte ich das nicht gemacht, dann wäre das und das nicht passiert. Wie oft fragen wir uns das? Die Aufforderung ist: Geh‘ doch einfach mal aus dir raus und überlege nicht, was die Konsequenz sein könnte. Das hemmt wahnsinnig und nimmt viel Lebensqualität. Es geht jetzt nicht um große, grundsätzliche Entscheidungen, sondern um tagtägliche Dinge, die man erlebt: Mache ich das jetzt oder mache ich das besser nicht? Das sind keine Lebensentscheidungen, die daran hängen. Eine Textzeile lautet: Vielleicht sollten wir vielleicht nicht so oft sagen. Wenn ich den Text heute noch höre, berührt mich das. Weil ich einfach merke, dass ich auch nur ein Mensch bin, dem das passiert. Vielleicht sollte man da direkter, offener und leichter sein.

Sind Sie ein Vielleicht-Mensch?

Anders Gute Frage. Da fängt dann wieder das Abwägen an. Es gibt Dinge, die man aus dem Bauch heraus viel spontaner entscheiden sollte. Wir hören viel zu wenig auf den Bauch. Wie oft hören wir „Mensch das war doch mein erster Gedanke, aber ich habe es nicht gemacht.“ Wir vertrauen uns nicht mehr. Irgendwie hat unsere Gesellschaft in Zeiten von Fortschritt dieses Grundvertrauen an das Bauchgefühl verloren. Ich kann das nicht von einem Kind erwarten, aber wenn ich so lange auf der Erde bin, muss ich wissen, was mir guttut und was nicht.

Sehen Sie sich eigentlich als Pop- oder als Schlagerikone?

Anders Oje, das ist schwierig. Ich bin viel zu wenig im Schlager drin, um eine Schlagerikone zu sein. Ich habe auch ein Problem damit, wenn man mich eine Legende nennt. Ich bin auch kein Kultstar. Was ist das überhaupt? Das sind solche reißerischen Begriffe, die gerne mal verwendet werden, um jemanden in eine Richtung zu drängen. Jeder, der den Kopf plötzlich drei Mal im Fernsehen hatte, ist plötzlich Kult. Ich denke, ich stehe für Popmusik.

Wie und wo leben Sie?

Anders Ich wohne ganz normal in einem Haus in Koblenz. Ich lasse es mir gut gehen. Im Grunde bin ich ein sehr bequemer Mensch. Und in Koblenz zu leben, hat etwas mit Bequemlichkeit zu tun. Da kenne ich mich aus, da habe ich meine Ruhe. Ich kann entspannt in meine Lokale gehen, werde nicht angequatscht, die Leute kennen mich, ich kann zur Tankstelle fahren, alle sind nett zu mir, alles ist gut. Ich bin so wie ich bin, ich muss mich nicht verstellen, nur, weil ich in der Öffentlichkeit stehe, muss ich nicht den Schalter umlegen, wenn ich ein Interview gebe. Ich bin wirklich bequem. Das drückt auch Koblenz aus. Lebensqualität.

Werden Sie nicht oft auf der Straße angesprochen?

Anders Doch. Aber immer respektvoll. Es gab bei mir auch schon andere Zeiten. Nach der Modern-Talking-Zeit haben die Medien ganz schön viel Gülle über mich ausgeschüttet, das musste ich erst mal verarbeiten. Und deshalb genieße ich mein Leben jetzt sehr. Egal, wo ich bin. Und wenn mich jemand mal nicht nett findet, dann ist das auch okay. Ich kann schließlich auch nicht jeden mögen.

Sind Sie stolz darauf, diesen Wandel geschafft zu haben?

Anders Ich bin stolz, diesen ganzen Wahnsinn im Musikgeschäft normal überstanden zu haben. Die Regeln und Mechanismen der Branche sind krass. Und darin zu überleben, das gelingt nicht vielen über eine so lange Zeit. Es gibt genügend Kollegen, die nicht damit fertig werden.

Sie waren in der Jury der Casting­show X-Factor. Es war ungewöhnlich, Sie neben Sido zu sehen. Wie kam es dazu?

Anders Das macht es doch spannend. Ich wurde von den Machern von X-Factor angesprochen und man sagte mir von Anfang an, dass Sido dabei sein würde. Ich bin immer neugierig und offen für Neues. Als die Staffel zu Ende war, wurde es mir richtig schwer uns Herz. Ich habe Sido als sehr warmherzigen und cleveren Menschen kennengelernt. Wir haben uns immer gegenseitig gefrotzelt. Weil Rapper so eine bestimmte Attitude haben. Wenn ein Kandidat reinkam, wussten wir schon: Rapper oder nicht. Sido war ein toller Kollege. Wir von der Jury hatten während der Dreharbeiten unsere Garderobentüren immer offen, weil wir so eng miteinander waren. Es war toll.

Wird es Teil drei von Modern Talking geben?

Anders Nein. Ich habe bisher immer abgesagt. Wie oft soll man noch an einem Teebeutel lutschen? Wem soll das etwas bringen? Den Fans, die sich das wünschen? Ich denke nicht. Die Fantasie ist immer größer als die Realität.

Mit Thomas Anders
sprach Reinhard Franke