Als Landesbühne Südbrandenburg auf Wanderschaft – als Neue Bühne fest verwurzelt in der Senftenberger Region. Die RUNDSCHAU sprach mit dem Intendanten Manuel Soubeyrand über die neue Finanzausstattung durch das Land Brandenburg, gegenwärtige Herausforderungen und Zukunftsmusik.

Manuel Soubeyrand: Was bringt der neue Theater- und Orchesterrahmenvertrag der Neuen Bühne Senftenberg?

Soubeyrand Vor allem Sicherheit. Ich bin sehr froh, dass dieser neue Theatervertrag zustande gekommen ist. Denn als ich herkam, empfand ich es als sehr befremdlich, dass alle drei Jahre neu verhandelt wurde. Das kannte ich aus Baden-Württemberg nicht. Nun habe ich auch in Brandenburg ein weitaus sichereres Gefühl. Dass dies möglich ist, bewegt mich sehr, auch persönlich. Meine allererste Inszenierung habe ich 1993 am Staatstheater Cottbus gemacht, danach ein paar Mal in Frankfurt (Oder) gearbeitet. Ich habe erlebt, wie schwierig in Cottbus die finanzielle Situation wurde und vor allem, wie das Kleist-Theater geschlossen wurde. Ich war heilfroh, dass ich damals aus diesem kulturfeindlichen Brandenburg ins kulturfreundliche Sachsen, nach Chemnitz, abwandern durfte. Und von dort ins noch lauschigere Baden-Württemberg. Zurück in Brandenburg finde ich eine veränderte Kulturlandschaft vor, die ich als viel offener empfinde, zugewandter – auch seitens der Politik. Ich bin als Theater-Dinosaurier der lebende Beweis dafür, dass es besser geworden ist mit der Kultur im Lande.

Und was haben Ihre Mitarbeiter davon?

Soubeyrand Zum ersten Mal dient ein Mehr an Zuschüssen nicht in erster Linie der Kunst, sondern Künstlern und allen Mitarbeitern, die ja immer zugunsten der Kunst zurückgesteckt haben. Über die nächsten zwei Jahre werden wir versuchen, uns dem Flächentarif des öffentlichen Dienstes wieder anzunähern. Ganz wichtig ist aber, dass wir auch die frei verhandelten Bühnenverträge perspektivisch höher ansetzen können und wegkommen von den Mindestgagen. Und ich hoffe auch, dass wir den freien Künstlern, die so schnell in Finanzdiskussionen unberücksichtigt bleiben, ein bisschen mehr Honorar anbieten können. Zum anderen stehen uns auch für Investitionen größere Mittel zur Verfügung. Das Mehr kommt zustande, weil das Land weiterhin 50 Prozent der Finanzierung übernimmt. 30 Prozent kommen aus der Theater-und Orchesterpauschale des Finanzausgleichsgesetzes. Auf die Kommune und den Landkreis entfällt damit nur noch ein Anteil von 20 Prozent. Aber sie haben schon zugesagt: Sie werden ihre Zuschüsse nicht zurückfahren. Auf der anderen Seite sind wir verpflichtet, zu den Zuschüssen noch eine Million Euro selbst zu erwirtschaften. Wir sind fleißig dabei. Als ich mich beworben habe 2012, spielte die Neue Bühne 274 Vorstellungen im Jahr, jetzt sind wir bei 450. Das hat auch damit zu tun: Nach 27 Jahren Stellenabbau haben wir erstmals wieder einen Stellenzuwachs. Das ermöglicht vor allem auch unser Status als Landesbühne.

Kann denn auch die Werkstattsanierung in Schwung gebracht werden, für die lange die Mittel gefehlt haben?

Soubeyrand Ja, der Vertrag gibt uns jetzt auch die Sicherheit, dieses Großunternehmen, das schon sehr lange ansteht, nun endlich angehen zu können. Ein Planungsbüro bereitet jetzt die Ausschreibungen vor, sodass wir hoffen, im Frühjahr 2020 starten zu können. Wir brauchen dafür aber eine siebenstellige Summe, rund fünf Millionen Euro. So bemühen wir uns auch um weitere Förderungen von Bund und Land. Die Sanierung kann nicht mehr aufgeschoben werden. Die Werkstatt aus den frühen 50er-Jahren entspricht nicht mehr den heutigen Arbeitsnormen und Anforderungen. Wir gehen von etwa anderthalb Jahren aus, in denen wir auch flexibel im Spielplan sein müssen. Deshalb bitten wir die Regieteams, frühzeitig ihre Konzepte abzugeben, damit die Werkstätten schon anfangen können zu bauen, weil es Auslagerungen geben wird und Zeiten, in denen sie nichts herstellen können. Eine Herausforderung von vielen. Wir sind ja auch Südbrandenburgs Landesbühne.

Wie gelingt es da, den Aktionsradius weiter auszudehnen?

Soubeyrand Nun, wir haben auch dafür eine ordentliche Summe vom Land für zusätzliches Personal und Gastspiel-Kosten erhalten. Es gibt einen Mitarbeiter, der Orte abklappert, die sich für Theater-Gastspiele eignen. Er hat eher eine theatrale Wüste vorgefunden. Das ist etwas ernüchternd. Es gibt leider nicht sehr viele gute Spielstätten, größere fehlen fast völlig. Die meisten sind nur für kleine Formate geeignet, vergleichbar mit dem Rangfoyer der Neuen Bühne. Das ist die Quadratur des Kreises: Wir müssen einerseits das Spektrum eines Stadttheaters bieten und im Land selbst auch andere Stoffe wie Komödien und Monologstücke, die auf kleinen Bühnen spielbar sind. Wir versuchen, nun beides unter einen Hut zu bringen. Und wir haben bereits gute Erfahrungen, zum Beispiel in Forst und Ortrand, gemacht. Aber das braucht einen langen Atem. Auch den Gemeinden muss es gelingen, leichter an Spielstättenförderungen heranzukommen.

Wie schon durchgesickert ist, wählt die Neue Bühne für das nächste Spektakel eine sehr ungewöhnliche Spielstätte.

Soubeyrand Ja, es geht auf die Gleise. Der Landesverband Ost des Bühnenvereins startet diesmal seine Theatertage in Senftenberg. „Das letzte Kleinod“, eine freie Theatergruppe aus Niedersachsen, kommt mit ihrem Ozeanblauen Zug, um Fontane als Kriegsberichterstatter vorzustellen. Das brachte uns auf die Idee, gleich unser Spektakel auf die breiten Gleise des alten Güterbahnhofs zu verlegen. Und das schon ab 3. August.

Eine interessante Weichenstellung. Wie auch der Theaterwettbewerb „Lausitzen“, der drei Theater aus der Lausitz dichter zusammenrücken lässt. Wo sehen Sie da noch nicht ausgeschöpftes Potenzial?

Soubeyrand Vor allem in der Wahrnehmung. Das Wort Lausitz ist schnell in aller Munde. Aber es ist eher selten im Hinterkopf, dass die Lausitz von Breslau über Görlitz bis Luckau geht. Nun haben wir den seltenen Fall, dass sich drei Theater aus zwei Bundesländern entschieden haben, ein gemeinsames Projekt auf die Beine zu stellen. Die Ausschreibung für Stückideen besagt ja, dass der Stoff immer mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Lausitz zu tun haben muss. Er wird alle zwei Jahre an die Jury, die aus den Vertretern der drei Theater aus Cottbus, Bautzen und Senftenberg, der Domowina und dem Verlagsleiter von Theater der Zeit besteht, ano­nym weitergeleitet. Bei der zweiten Staffel hatten wir das Glück, dass sich hinter der Preisträgeridee der gebürtige Cottbuser Oliver Bukowski verbarg, der für uns schon „Birkenbiegen“ geschrieben hat. Und da wir in dieser zweiten Runde der Veranstalter sind, wird bei uns im April 2020 die Uraufführung stattfinden. Bei „Birkenbiegen“ konnte ich die Inszenierung nicht übernehmen. Diesmal möchte ich das unbedingt. Aus der ersten Runde hatten wir das Preisträgerstück aus Bautzen als Gastspiel im Haus. „Lausitzer Quartiere oder der Russe im Keller“ wird nun auch in Cottbus gezeigt.

Da schwirrt doch noch eine andere Lausitz-Idee herum. Triennale Milano und Ruhrtriennale sind ein Begriff. Aber was hat es mit der Lausitzer Triennale auf sich?

Soubeyrand Mit der Idee, so etwas wie die Ruhrtriennale auch in die Lausitz zu verpflanzen, hat mich Harald Müller, der Leiter vom Verlag Theater der Zeit, angesteckt. Wir sind dann auf die Politik zugegangen, auch im Versuch des Brückenschlags nach Sachsen. Wie an der Ruhr schwebt uns das Spielen an ungewöhnlichen Orten wie verlassene Tagebaue und Brikettfabriken vor. Daran sollen auch Bürger beteiligt werden und alle Kunstgattungen. Erst dachte ich: Diese berühmte Ruhrtriennale mit internationalen Kunstschaffenden, haben wir da nicht zu hochfliegende Träume? Aber auch dort hat man klein angefangen. Mittlerweile ist sie sogar zu einem Wirtschaftsfaktor geworden. Wir haben festgestellt: Wenn es um die Strukturentwicklung in der Lausitz geht, gibt es zwar eine Menge Wirtschafts- und auch Tourismusüberlegungen, Kultur aber bleibt eher außen vor. Dabei geht es doch nicht ohne sie, wenn man zum Beispiel über Tourismus spricht. Insofern wäre so ein Festival, das im Sommer drei Wochen lang eine Landschaft belebt, auch so ein Pflock, der eingeschlagen werden könnte. Einen Gedanken, den ich gern als Impulsgeber verbreiten möchte. Und auch aus Sachsen gibt es da Signale, taucht der Gedanke bereits in etwas anderer Form in einem Wünschekatalog auf. Es ist noch Zukunftsmusik. Mir ist aber wichtig, dass sie schon jetzt gehört wird.


Mit Manuel Soubeyrand
sprach Ida Kretzschmar