Am 28. Juni ist Anna Loos ab 20 Uhr im Amphitheater am Senftenberger See zu erleben. Die RUNDSCHAU sprach mit ihr vorab über ihre Flucht aus der DDR, ihr neues Soloalbum und wie sie zu Silly kam. Über die Zukunft mit der Band redet sie nicht.

Auf Ihrem Soloalbum „Werkzeugkasten“ gibt es den Song „Paris“, in dem ein 16 Jahre altes Mädchen davon träumt, ihr Glück fern von zu Haus zu finden. Erzählt dieses Lied Ihre persönliche Geschichte?

Loos Ja. Ich bin in der Stadt Brandenburg aufgewachsen und muss sagen, dass ich eine wirklich schöne Kindheit und Jugend in der DDR verlebt habe. Es ging mir richtig gut, ich hatte und habe eine große, eingeschworene und wunderbare Familie. Wir sind zwar nie groß gereist, aber das war nicht so wichtig. Ich habe meine Ferien bei meiner Oma und meinem Opa auf dem Bauernhof verbracht, wo ich mit den Jugendlichen vom Dorf eine Menge angestellt habe. Das war insgesamt eine coole Zeit – bis zu einem bestimmten Punkt.

Welchem?

Loos Ich war eine sehr gute Schülerin, durfte aber kein Abitur machen. Ich nehme an, das hatte mit meiner Familie zu tun, die unangenehme Berührungspunkte mit der Staatssicherheit hatte. Ich wollte eigentlich Opernsängerin werden. Also habe ich versucht, an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ zu studieren, was aber auch nicht geklappt hat.

Sie wollten deshalb in den Westen fliehen. Hatten Sie damals einen konkreten Lebensplan?

Loos Ich wollte nach meiner Flucht auf jeden Fall mein Abitur machen. Opernsängerin fand ich immer noch interessant, aber eigentlich wusste ich nicht hundertprozentig, was ich will. Bei meiner Entscheidung, aus der DDR abzuhauen, ging es vor allem um mich und meine Zukunftsgedanken. Leider war mir damals ziemlich egal, wie sich meine Eltern dabei fühlen würden. In meinem Kopf war die Sache klar: Es ist mein Leben, ich kann es nicht für meine Eltern führen. Ich bin erwachsen und muss für mein Leben die Verantwortung übernehmen. Ich habe meinen Fluchtplan vor allem deshalb vor meinen Eltern verheimlicht, um sie nicht zu gefährden.

Sie sind 1988 mit Ihrer Freundin in einer abenteuerlichen Flucht über Ungarn in den Westen gelangt. Wie haben Sie es dort erlebt, als ein Jahr später die Fluchtwelle über Ungarn einsetzte?

Loos Ich war bei meiner Tante in Wedel bei Hamburg, sah die Bilder der Massenflucht im Fernsehen und war berührt. Als bald darauf die Mauer fiel, versuchten wir sofort, meine Eltern zu erreichen. Das klappte nicht, aber ein paar Stunden später standen sie in Wedel vor unserer Tür. Sie waren sofort nach der Maueröffnung zu mir gefahren.

War denn bei Ihnen noch das Gefühl aufgekommen, Ihre Eltern durch die heimliche Flucht im Stich gelassen zu haben?

Loos Ja natürlich. Die Flucht war das Schlimmste, was ich meinen Eltern je angetan habe. Als ich sie nach meiner Ankunft im Westen endlich am Telefon erreicht hatte, konnten sie zunächst gar nicht mit mir reden. Ein Wort und sofort kamen bei ihnen die Tränen. Damals wurde mir klar, wie sehr ich ihnen zugesetzt hatte. Wobei mein Vater über mein Abhauen wohl nicht ganz so überrascht war wie meine Mutter. Er sagte später mal, dass ich immer schon durchgezogen hätte, was ich mir in den Kopf gesetzt habe.

„Ich tanze ohne Angst durch die verkehrte Welt“ singen Sie im Silly-Song „Zwischen den Zeilen“. Sich angstfrei in verkehrter Welt zu bewegen, ist nicht jedermanns Ding.

Loos Eine veränderte Welt löst bei vielen Menschen eher Befürchtungen aus, sicher. Aber das Leben ist nun einmal Veränderung. Ich persönlich habe nicht das Gefühl, etwas verloren zu haben, weil ich 17 Jahre im Osten verbracht habe. Im Gegenteil, ich finde es toll, beide Seiten zu kennen. Meine Wurzeln im Osten machen mich bis heute aus, denn ich glaube, ich bin von meinen Eltern mit einer gesunden und ehrlichen Moral ausgestattet worden. Ich weiß zu improvisieren und die Kraft einer Gemeinschaft zu schätzen. In meinem persönlichen Umfeld habe ich ein grundehrliches Miteinander erlebt. Heute bin ich wiede­rum dankbar, in einem privilegierten Land zu leben, mit dessen Pass ich auf der ganzen Welt relativ willkommen bin. Dass sich Menschen aus armen Ländern oder aus Kriegsgebieten auch ein gutes Leben für ihre Familien wünschen, verstehe ich sehr gut. Wenn hier nebenan in Potsdam Bomben runterkämen, die Häuser brennen würden und kein normaler Alltag mehr denkbar wäre, würde ich meine Kinder nehmen und dorthin gehen, wo sie eine Zukunft haben.

Silly waren mit Tamara Danz in der DDR kommerziell extrem erfolgreich, aber zugleich ambitioniert kritisch und für viele Jugendliche relevant. Als die Sängerin starb, brauchte die Band lange für einen Neuanfang. Dann stiegen Sie 2006 ein, wurden aufmerksam beäugt, zumal Sie auch noch in die Kategorie singende Schauspielerin fielen. Wie lange haben Sie sich diesen Schritt überlegt?

Loos Ich habe nicht so sehr darüber nachgedacht, was da auf mich zukommen könnte. Ich spielte gerade die Sally Bowles in „Cabaret“ und wurde von den Bandmitgliedern angesprochen – da war ich natürlich erst einmal erfreut. Ich fand Silly immer toll, ihre Platte „Bataillon d’Amour“ von 1986 war mein erstes gekauftes Album überhaupt. Nach meiner Flucht habe ich Silly dann aber aus den Augen verloren, es kamen andere Einflüsse wie Nirvana oder Siouxsie & e Banshees.

Tamara Danz gilt vielen Silly-Fans bis heute als Ikone. Wie ist es, sich in einer Art posthumer Konkurrenz zur Vorgängerin zu befinden?

Loos Schwierig – und manchmal auch ungerecht. Tatsächlich hatte ich mich vor meinem Eintritt in die Band in keiner Sekunde selbst gefragt: Wird es dich nicht unglaublich nerven, wenn du immer mit Tamara verglichen wirst? Ich habe einfach gedacht, diese geile Band muss weitermachen, ich will und kann und würde es sehr gern tun. Bei unserer ersten gemeinsamen Tour saßen die meisten Zuschauer mit verschränkten Armen im Saal. Das Motto: „Mal gucken, was die so macht.“ Nach ein paar Songs sind die dann aber steilgegangen. Das war unglaublich, wunderbar und gab mir eine große Kraft. Einmal kamen zwei Frauen nach einem Konzert auf mich zu und sagten: „Wir sind eigentlich gekommen, um dich auszubuhen, aber dürfen wir dich umarmen?“ Einerseits fand ich das lustig, andererseits ging mir damals auch durch derartige Erlebnisse auf, wo­rauf ich mich da eingelassen hatte. Egal was man macht, ob man an der Silly-Tradition festklebt, ob man einen eigenen Stil einbringt oder nach Neuerung sucht: Die Band wird immer ihre Geschichte mitnehmen – und das ist gut so.

Auch Ihr Mann Jan Josef Liefers ist Schauspieler und Sänger. Gibt es da eine Art Konkurrenzsituation?

Loos Nein. Wir schauen natürlich, was der andere so macht, und wir sagen uns auch unsere Meinung, wenn uns etwas nicht gefällt. Aber wir beide sind stolz auf den Erfolg des anderen.

Nachdem Sie als 16-Jährige von Paris geträumt hatten, wann sind Sie denn dann eigentlich das erste Mal in die Stadt gereist?

Loos Ungefähr ein halbes Jahr nach meiner Flucht bin ich nach Paris gefahren. Ich fand die Stadt wunderschön, war aber auch ein bisschen geschockt. Weil alles so teuer war. Und ich dort so viele Obdachlose unter den Brücken sah.

Mit Anna Loos
sprach Gunnar Leue