Mit „Lugau City Lights“ hat ein Dokumentarfilm Premiere, der der Wirklichkeit hinter dem Roman „Düsterbusch City Lights“ in Lugau im Elbe-Elster-Kreis nachspürt. Aus dem Romanhelden Anton Kummer wird wieder sein Autor Alexander Kühne. Der wollte in den 80ern die Welt zu sich ins Dorf holen und hat deshalb wilde Punk- und New-Wave-Konzerte organisiert, Tausende Jugendliche aus der ganzen Republik angelockt und war damit wie sein Romanheld zum Entfant terrible – einem Bürgerschreck – für die Obrigkeit und manchen Dorfbewohner geworden. Im RUNDSCHAU-Gespräch erzählt er davon.

Herr Kühne, Sie sind mit dem Filmteam an die Handlungsorte Ihres Romans, der starke autobiografische Züge hat, nach Lugau gegangen – dem Ort Ihrer Kindheit und Jugend. Aus dem Romanhelden Anton Kummer wird wieder der Lugauer Jugendliche Alexander Kühne. Wie haben Sie sich dabei gefühlt?

Kühne Ich habe mich gut gefühlt, aber es war auch sehr ungewohnt. Sonst habe ich ja als Journalist eher hinter der Kamera gestanden und die Fragen gestellt, diesmal war es umgekehrt. Daran muss man sich erst gewöhnen, doch der Regisseur Tim Evers und meine Kollegen der Wilde.Stein Filmproduktion haben es mir leicht gemacht. Ja, und dann steht man plötzlich als Mittfünfziger im Lugauer Saal, in dem man sich fühlt wie damals als junger Mann und durchlebt das, was da in den 80er-Jahren passiert ist, erneut. Es steigt wieder die Freude auf, etwas geschafft zu haben in einem Umfeld, das nicht danach war. Die Freude über die Gemeinschaft, die wir waren und in der wir uns mit manchen Tricks im „Untergrund“ unsere Welt aufgebaut haben. Auch die damals vom Alkohol getriebene Euphorisierung stellt sich ein. Der Film ist sozusagen eine „Entfiktionalisierung“ des Romans und seines Helden. Sonst ist ja auch das eher umgekehrt . . .

Sie begegnen im Film alten Mitstreitern wie Henri Manigk oder Mitgliedern der Bands, die Sie aufs Dorf geholt haben, das bald zum Geheimtipp in der Subkulturszene der DDR geworden war. Solche Dreharbeiten wühlen die Vergangenheit sicher noch einmal anders auf als Familienbesuche bei Ihrem Vater, der in Lugau lebt.

Kühne Ja, es kam auch so manches Verdrängte hoch. So sehr, dass ich auch Zorn gespürt habe. Auf die Repressalien, Gängeleien, die Enge, die Anfeindungen, die ich in den 80er-Jahren erlebt habe. Darauf, dass ich nach den Konzerten durchs Dorf getrieben wurde und mir das, was da manchmal verwüstet wurde, unter die Nase gerieben wurde. Ich wurde für alles verantwortlich gemacht, denn ich war der Letzte, der geblieben war. Alle anderen waren schon weg. Und jetzt, da ich selbst ein Kind habe, begreife ich auch die Ängste meiner Mutter, die sie damals um mich ausgestanden haben muss.

Sie betonen immer, dass es Ihnen mit dem Buch nicht um eine Abrechnung mit der DDR oder deren Obrigkeit geht. Worum geht es Ihnen?

Kühne Die steht jedenfalls nicht im Vordergrund. Kurz nach der Wende habe ich milde auf das, was man mit mir gemacht hat, geblickt und wollte nicht so streng sein. Inzwischen lasse ich auch den Zorn zu und sage klar: Was habt ihr mit uns gemacht? Warum habt ihr uns kriminalisiert? Wir wollten doch nur Party machen! Für mich gab es nur die Konzerte und den Wunsch, die weite Welt in das Dorf zu holen. Denn weg wollte ich, wie mein Anton Kummer, ja auch nicht. Aber vom System hatte ich mich schon abgekoppelt, war nicht mehr erreichbar. Worum es mir geht? Zu zeigen, dass man mit Begeisterung und Neugier an dem Platz, an den man gestellt ist, etwas erreichen kann. Dort sollte man sein Wissen und seine Leidenschaft einbringen. Es ist sozusagen auch ein Manifest gegen die Landflucht. Und ich will auch zeigen, wie unser Leben in der DDR war.

Wenn ich das richtig verstehe, wollen Sie sich Ihre Jugend nicht kleinreden lassen und die für Sie schönen und wichtigen Zeiten nicht im allgemeinen Grau der Geschichtsklitterung untertauchen sehen. Wie ist das Echo auf Ihr Buch?

Kühne Bis auf Einzelne, denen manches zu „sexuell“ war, habe ich fast nur positives Echo, ob in den Bewertungen oder auch im direkten Kontakt. Im linken Bremen gab es mal Gegenwind. Da hat man mir Anbiederung an die BRD unterstellt. Auch im Westen habe man Veranstaltungen anmelden müssen und sei argwöhnisch verfolgt worden, wenn man nicht ins Bild passte. Ich selbst habe nach der Wende erfahren, dass viele in den alten Bundesländern sehr wenig wissen von unserem Leben in der DDR. Auch dagegen wollte ich anschreiben. Zeigen, dass unser Leben durchaus bunt und einfallsreich war. Dafür habe ich viel Zuspruch von Lesern bekommen, die sich wiedergefunden haben. Auch im Westen, weil sie als junge Leute ebenso infrage gestellt wurden und auch die gleiche Musik hörten wie wir. Manche Klischees, wir wären in Mao-Anzügen durch die Gegend gelaufen und hätten hungrig am kargen Brot genagt, haben sie nach der Lesung eher infrage gestellt.

Die Dreharbeiten haben bereits 2017 begonnen.

Kühne Ja, es hat lange gedauert, ehe der Film, den der MDR beauftragt hat, nun einen Sendeplatz bekommen hat in der arte-Reihe „Summer of Freedom“ (Der Film wird Sonntagnacht, 11. August um null Uhr gezeigt/red.)

Dokumentation ist eine mediale Form, Spielfilm eine andere. Gibt es da 30 Jahre nach dem Mauerfall Pläne?

Kühne Es gab da ein paar Gespräche mit kleineren Produktionsfirmen, aber noch nichts Greifbares. Am Magdeburger Theater ist ein Stück mit Musicalelementen aus meinem Buch heraus entstanden. Das wurde gefeiert, besonders von jungen Leuten.

„Düsterbusch City Lights“ war Ihr Erstling, für den Sie aus eigenen Erfahrungen schöpften. Wird es weitere Bücher geben? Woran arbeiten Sie?

Kühne Es wird eine Art Fortsetzung geben. Einen Roman, der sich mit dem ersten Jahr nach der Wende befasst. Arbeitstitel „Düsterbusch City Lights. Neunzich“ oder auch „Anton im Wunderland“. Ich lasse mir diesmal mehr Zeit für die einzelnen Figuren, denn ich muss nicht durch 25 Jahre rasen, konzentriere mich auf 1990. So werden die Personen schärfer gezeichnet, ihr Ankommen in der neuen Welt, ihre Suche, ihre Wege, auch ihr Scheitern. Parallel habe ich noch ein Buch-Projekt, in dem es um die Desillusionierung eines 50-Jährigen geht.

Mit Alexander Kühne
sprach Heidrun Seidel