Von Thomas Klatt

Was wird eigentlich aus den industriellen Landschaften der Lausitz? Wie könnte eine Weiternutzung stillgelegter Fabriken und Brachflächen im Osten Brandenburgs und darüber hinaus aussehen? Mit solchen Fragen beschäftigt sich der Architekt und Landschaftsplaner Lars Scharnholz schon seit vielen Jahren. Seit seiner Gründung arbeitet der promovierte Architekt am INIK, dem Institut für Neue Industriekultur Cottbus. Seit 2011 ist er dort Geschäftsführer. Die Aufgabe des Instituts, das sich aus der Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land (2000–2010) heraus entwickelte, sieht Scharnholz vornehmlich in den Bereichen Forschen, Planen und Bauen. Und das bislang vor allem unter dem Aspekt der Wiederbelebung alter Industriestandorte. Das INIK bietet das ganze Paket: von der Bauforschung und Wirtschaftlichkeitsanalyse bis zur baulichen Umsetzung in allen Leistungsphasen. Ein dem Institut angeschlossener Verlag gehört auch dazu. Wir wollen „eine Denkfabrik sein, die in die Zukunft wirkt und die die Dinge auch umsetzt“, sagt Scharnholz.

Zusammen mit seinem Geschäftspartner Sebastian Hettchen hat Scharnholz inzwischen ein achtköpfiges Team um sich geschart. Darunter Landschaftsplaner, Denkmalpfleger, Kulturwissenschaftler, Architekten und Umweltplaner. Alles Absolventen der Cottbuser Universität. Die zahlreichen Projekte zeigen heute die Bandbreite der INIK-Arbeit. So die Nachnutzung der Furnierhalle in Görlitz, wo im Herbst dieses Jahres Richtfest gefeiert wurde, die Umnutzung der Sendehalle „Europe 1“ im Saarland sowie die Reaktivierung eines alten Umspannwerkes in Berlin-Pankow. Auch die denkmalgerechte Sanierung und Neunutzung der bekannten Borsig-Halle in Eberswalde und die Erweiterung der denkmalgeschützten Theodor-Fontane-Schule in Fürstenwalde sind Teil der INIK-Arbeit.  Für die Kupferhaussiedlung in Eberswalde hat das Institut schon vor vielen Jahren ein touristisches Konzept entwickelt. Dass Scharnholz und das INIK-Team grenzübergreifend arbeiten, ist für den 49-jährigen Architekten und Denkmalpfleger, der unter anderem in Cottbus und Seattle studierte, etwas Selbstverständliches. So nutzt das INIK den deutsch-polnischen Kulturraum der Lausitz als Chance. Im kommenden Jahr steht hierbei das Bauhaus ganz vorne. Dann wird gefeiert. Zum 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum arbeitet das INIK mit dem Brandenburgischen Landesmuseum für Moderne Kunst aktuell an einer Ausstellung zu den Bauten der Weimarer Moderne zwischen Cottbus und Frankfurt (Oder). Hierbei denkt Scharnholz zum Beispiel an Henry van der Veldes „Sanatorium Trebschen“, 100 Kilometer von Frankfurt entfernt, und an das Theater in Grünberg (Zielona Gora) von Oskar Kaufmann aus dem Jahres 1931. Aber zuerst natürlich an die Villa Wolf, die einst auf der anderen Seite der Neiße, im heutigen Gubin, stand. Unter seiner  Mitwirkung wurden im Jahre 2001 Teile des Kellergeschosses freigelegt und vom Museum of Modern Art in New York vermessen.

Die Villa Wolf sei ein wesentlicher Impulsgeber gewesen für die moderne Architektur des 20. Jahrhunderts, so Scharnholz. Mies van der Rohe baute sie von 1925 bis 1927 für die Familie des Gubener Industriellen Erich Wolf. Die Kampfhandlungen des Zweiten Weltkrieges überstand der Bau nicht. In den vergangenen Jahren wurde der Wiederaufbau des Klinkerbaus am Neißehang immer wieder kontrovers diskutiert. Von einem Kopiebau hält Scharnholz jedoch wenig.  „2001 einigten sich die Stadträte von Guben und Gubin per Gemeinschaftsbeschluss auf einen zentralen Ansatz“, so erinnert er. „Mit dem Beschluss ging es ganz bewusst weder um die Rekonstruktion noch die Erhebung des Ortes zu einer archäologischen Ruhestätte. Eine Reihe von massiven Veränderungen bestimmt die Geschichte des Hauses Wolf, und an eben diese Veränderungen sollten wir heute mit einem ganz neuen Ansatz erinnern.“

Etliche Beispiele belegen, so Scharnholz, dass die Region – im heutigen Osten Deutschlands zwischen Schwedt und Görlitz gelegen – Wegbegleiter war für die Moderne: vom Haus Schminke (Hans Scharoun in Löbau) bis hin zu Frankfurt (Oder), wo der Architekt Konrad Wachsmann geboren wurde und er schon zu DDR-Zeiten, nach seiner Überführung aus seiner Zweitheimat USA, auch beigesetzt wurde.

Der Instituts-Chef sieht aber – über das  wissenschaftliche Thema  hinaus – noch einen anderen Aspekt: den Leuten Mut zu machen für die Zukunft, ihnen eine Rückblick anzubieten auf eine Zeit, in der hier Wichtiges, Schönes und Revolutionäres entstand.

Das war auch der Grund, weshalb das Landesmuseum für moderne Kunst den Fachmann angefragt hat, ob er dessen Bauhaus-Projekt nicht unterstützen wolle. „Unbekannte Moderne“ soll es heißen und soll sich mit mehr als zwei Dutzend Projekten in Brandenburg befassen. Dabei werden, so sagt es der Titel, weniger die großen populären Objekte wie die Gewerkschaftsschule in Bernau von Hannes Meyer im Mittelpunkt stehen, sondern eher kleinere, bisher wenig bekannte Architekturen. Mit einem „Reiselesebuch“, das alle wichtigen Informationen enthält, können die Objekte besucht werden. Mit dem Auto, dem Zug oder, wenn möglich, per Fahrrad. Die Villa Wolf ist natürlich dabei, das Theater in Grünberg, der Bismarckturm in Burg im Spreewald und die Bahnhofsanlage mit Wasserturm in Zbaszynek (Woiwodschaft Lebus).

Auch das Haus des Cottbuser Landesmuseums für Moderne Kunst, Ende der 20er-Jahre als Dieselkraftwerk errichtet, gehört zu den markanten Bauten jener Zeit. Im nächsten Jahr soll es verstärkt Anziehungspunkt sein – nicht zuletzt für Gäste, die auch mal eine weitere Reise unternehmen.