Herr Streidt, Sie waren seit 2008 in Branitz tätig. Hat sich Ihr Pückler-Bild verändert?

Ich wusste wenig über Pücklers Gesamtschaffen. Natürlich kannte ich den Garten- und Landschaftskünstler. Aber mir war nicht bewusst, dass er im 19. Jahrhundert berühmter als Schriftsteller war. Bis heute ist er jemand, mit dem man kämpft, ein Mensch mit Ecken und Kanten, ein Unbequemer, ein Freigeist.

Was tut Branitz für Pückler? Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Wir verstehen uns in Branitz als Zentrum der Pückler-Forschung und haben jedes Jahr  wissenschaftliche Tagungen veranstaltet. Das Ergebnis ist jetzt das Buch „Fürst Pückler. Ein Leben in Bildern“. Auch im Außenbereich tut sich mit dem Cavalierhaus und den Wegesanierungen im Park gerade viel. Der Pleasuregrund steht noch aus, das  wird meinen Nachfolger beschäftigen. Im Schloss haben wir im Mai die neue Dauerausstellung eröffnet, sie heißt „Fürst Pückler. Ein Europäer in Branitz“.

Inwieweit ist Pückler Europäer?

Er dachte kulturell, nicht national. Er war  in der Aristokratie verortet, aber er wusste gleichzeitig, dass diese Welt untergehen wird. Pückler stand an der Schwelle zur Moderne, ist aber nicht rübergegangen. Was seine Gartengestaltung angeht, war er sehr modern – zum Beispiel im Versuch, Branitz mit der aufstrebenden Industriestadt Cottbus zu verbinden. Er hat früh Umweltbewusstsein entwickelt, war quasi ein erster Grüner. Nur die Eisenbahn wollte er an seinem Park nicht haben, auch wenn er großer Eisenbahn-Fan war.

Gerade wurde Fontanes 200. Geburtstag groß gefeiert – wäre Pückler nicht die interessantere Leitfigur für Brandenburg?

Ich glaube, es ist ungeheuer wichtig, dass man solche Figuren hat. Aber eine Identität darauf aufzubauen, halte ich für kühn. Geschichte zu kennen, ist wichtig, wenn man die Gegenwart interpretieren will. Aber man muss die Figuren in der Zeit sehen. Zum Beispiel die Sklaven, die Pückler aus Ägypten mitgebracht hat, das war damals üblich. Heute würde man das als Kolonialismus kritisieren. Auch sein Frauenbild kann man hinterfragen – das ist übrigens bei Fontane ähnlich.

Sie haben die Wohnräume im Schloss bewusst inszeniert, mit Hilfe eines Filmausstatters. Da gab es Diskussionen, ob man museal so vorgehen darf…

Ich positioniere mich da ganz eindeutig. Sie können Ausstellungen sehr puristisch machen, nur mit Originalstücken. Wir haben die Wohnräume als Pücklers Lebenswelt restauriert und zum Teil auch rekonstruiert, damit sind wir bis auf das Musikzimmer jetzt fertig. Jetzt kann man durch Räume gehen, die Pückler atmen. In der Dauerausstellung zeigen wir die Originalstücke aus der Sammlung, die wir von der Familie als Dauerleihgabe bekomme
haben.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Familie? Bei den Hohenzollern ist das derzeit Gegenstand großen Streits…

An die Familie Pückler ist im Zuge des Ausgleichs 1994 umfangreiches Schlossinventar restituiert worden, aber anders als andere Altbesitzer haben sie entschieden: „Wir lassen das Gesamtkonvolut für die Allgemeinheit zugänglich“. Wir müssen auch kein Entgeld zahlen, sondern haben es übernommen, die Dinge als Gesamterbe zu pflegen.  Ich sehe darin ein richtig gutes Beispiel der Zusammenarbeit von privaten Eigentümern und öffentlichen Kulturerbestätten.

Seit diesem Jahr ist Branitz eine Landesstiftung. Was hat sich dadurch geändert?

Es ist Grundlage für alle weiteren Entwicklungen, dass das Land Brandenburg jetzt Verantwortung übernommen hat, auch in der Finanzierung, und die Stadt Cottbus trotzdem im Boot bleibt. Es gab bislang immer ein strukturelles Defizit – die Stadt hatte getan, was sie konnte, aber es reichte eben nicht.

Sie haben sich für ein Weltkulturerbe Branitz eingesetzt. Wünschen Sie sich stärkere Unterstützung durch die Bundesregierung?

Das ist eine Aufgabe, die ansteht. Branitz ist auf der Liste der national bedeutsamen Kulturstätten und kann sich auch über eine jährliche Förderung des Bundes freuen, das ist aber eine Projektförderung. Was wir brauchen, ist eine institutionelle Förderung. Die Kollegen in Muskau stehen auf der Unesco-Welterbeliste. Auch für Branitz wäre das nach den Entwicklungen der letzten Jahre gerechtfertigt.

Sie haben Modellfunktion, was das Thema Klimawandel und historische Parkanlagen angeht. Was wird da unternommen?

Das ist ein Riesenthema. Wir haben uns zum Glück seit Jahren vorbereitet, indem wir die alte Pückler‘sche Baumschule revitalisiert und dort mit genetischem Material von Altbäumen Nachfolger gezogen haben. Aber durch die extremen Sommer 2018 und 2019 sind wir auch betroffen, wir haben 200 Bäume, vor allem Eichen und Buchen, die schwer geschädigt sind.

Wie sieht es mit dem Umland aus? Wie schützen Sie den Park vor Veränderungen?

Natürlich gilt es jegliche Pläne für Bebauungen im Bereich des Außenparks abzuwehren. Es gibt einen Investor, der dort bauen will, aber die Stadt Cottbus ist da ganz bei uns. Unweit vom Branitzer Park entsteht mit dem „Ostsee“ eine neue Kulturlandschaft, die wir gern mit Branitz verbinden wollen. Die Aufgabe der nächsten Jahre wird sein, das in ein Gesamtkonzept zu bringen, deshalb haben wir  uns sehr gefreut, dass sich die Stadt um die Buga 2033 beworben hat.  Das ist eine Riesenchance für die Region.