Fotografie in der DDR
: Bilder eines untergegangenen Landes – zu sehen in Cottbus

„An den Rändern taumelt das Glück“ heißt eine Ausstellung im Dieselkraftwerk in Cottbus. Es sind Fotografien aus der späten DDR.
Von
Ida Kretzschmar
Cottbus
Jetzt in der App anhören
Neubrandenburg 1984_Am Tollensesee

Am Tollensesee bei Neubrandenburg fotografierte Harald Kirschner 1984 diese Szene.

Harald Kirschner
  • Die Ausstellung „An den Rändern taumelt das Glück“ zeigt über 360 Fotografien zur späten DDR in Cottbus.
  • Fotografen wie Harald Kirschner und Gerhard Gäbler dokumentieren Alltag und Umbrüche in der DDR.
  • Gezeigt werden Werke von 38 Künstlern, darunter auch internationale Perspektiven.
  • Die Ausstellung läuft bis 11. Mai 2023 im Dieselkraftwerk Cottbus.
  • Skurrile und emotionale Momentaufnahmen bieten vielfältige Einblicke.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Verschlossene Gesichter und heruntergelassene Rollläden zwischen abbröckelnden Fassaden. Punks lümmeln in Leipzig auf der Straße, während Bäuerinnen auf dem Lande müde aber zufrieden vom Feld kommen. Schweißtreibend ist die Arbeit an den Maschinen. Das kleine Glück lauert in Gartenanlagen. Da wird geerntet, gezecht und getanzt. Wenn man nicht gerade irgendwo auf irgendwas wartet! Unterschiedlichste Gefühle wirbeln mit diesen Bildern auf. Endzeitstimmung oder praller Alltag in der DDR?

Es sind Beobachtungen an den Rändern, Zeugnisse aus einem verschwundenen Land, manche in zähen Wochen des Verschwindens festgehalten. Andere in der Umbruchszeit, als vieles, was für alle Ewigkeit zementiert schien, in sich zusammenstürzte. Geradezu symbolisch: Gerhard Gäblers Fotografie einer aufgebrochenen Straße 1990 in Leipzig.

Gerhard Gäbler, Leipzig, 1990, Fine Art Print

Neustart mit Hindernissen: Gerhard Gäbler fotografierte 1990 in Leipzig diese aufgebrochene Straße.

Gerhard Gäbler

Die von Annett Jahn und Ulrike Mönnig entwickelte und in der ACC Galerie in Weimar 2022/2023 erstmals gezeigte Ausstellung „An den Rändern taumelt das Glück. Die späte DDR in der Fotografie“ war die meistbesuchte seit Langem in der Galerie, weiß Carmen Schliebe, Kustodin im Landesmuseum für Moderne Kunst, die selbst eine der umfangreichsten Sammlungen der Autoren- und Autorinnenfotografie in Ostdeutschland bewahrt. Nach Zwischenstation in Berlin ist die Schau nun im Cottbuser Dieselkraftwerk zu sehen.

Da hält Harald Kirschner den Versuch fest, den Verfall zu übertünchen, wenn man sich in Halle-Neustadt zum Feiern zusammenfindet. Margit Emmrichs Kamera trifft junge Leute mit Kind und Kegel eng beieinander auf der Parkbank. Siegfried Wittenburg fängt ein, wie sich dunkle Wolken an der Ostsee über Toilettenhäuschen zusammentürmen. Ulrich Wüst, dessen Bilder in der DDR kaum, aber schon bei der documenta in Kassel ausgestellt wurden, schaut auf das Abseitige, scheinbar Nebensächliche...

Mehr als 360 Fotografien werden in Cottbus gezeigt

Die mehr als 360 Fotografien vorzugsweise in Schwarz-Weiß bieten quer durch die kleine untergegangene Republik verschiedene Perspektiven auf die späte DDR und den tiefgreifenden, auch erschütternden Wandel im Osten Deutschlands.

Im Widerstreit mit dem Vorhersehbaren, dem Verordneten, mit kritischem Blick, aber abseits der Klischees fordern sie zu einer Neubetrachtung heraus. Viele Arbeiten rücken Menschen in den Mittelpunkt mit ihren unterschiedlichsten Sehnsüchten und Erfahrungen. Die Ausstellung versammelt 38 bekannte Fotokünstler, aber auch teils vergessene oder noch wenig beachtete Fotografen, die in der DDR lebten und ihre Spielräume nutzten. Darunter sind auch ausländische Fotografen mit ihrer Sicht von außen, wie Enkhbat Roozon, der zum Studium aus der Mongolei kam.

Anselm Graubner, Bernd Hechler, Staatsbank der DDR, März 1990, Fine Art Print

Anselm Graubner und Bernd Hechler fotografierten im März 1990 in der Staatsbank der DDR.

Anselm Graubner

Die Fotos machen sichtbar, was die offizielle Propaganda auszublenden versuchte. In sehr unterschiedlicher Bildsprache. Es gibt sehr berührende sozial-dokumentarische Aufnahmen, die den Menschen in ihrem vertrauten Alltag ungeschönt nah kommen wie die Fotografien des bei Cottbus lebenden Künstlers Thomas Kläber.

Ungewöhnliche Blickwinkel, verfremdende und provozierende Inszenierungen erlauben vielschichtige Lesarten. Christiane Eisler hat für ihre Diplomarbeit eine Punk-Ikone kopfüber im Sperrmüll fotografiert. Kein Wunder, dass die Arbeit sofort in der Versenkung verschwand, hieß doch einer der Klassiker der Punkband Wutanfall „Leipzig in Trümmern“.

Es gibt auch humorvolle Momente wie ein Pferd vor einem Neubaublock

Es ist keineswegs nur Desillusionierung und Düsternis, die sich hier ausbreitet. Skurrile Situationen wie ein Pferd vor einem Neubaublock, von Gerald Große in Cottbus aufgespürt, sorgen für humorvolle Momente. Ein aus drei Rostlauben zusammengeflicktes Auto weckt Erinnerungen wie auch die in DDR-Tapetenmustern gestalteten „Kopfkörper“ von Claus Bach.

Christina Glanz war bei der größten nicht staatlich gelenkten Demonstration in der Geschichte der DDR am 4. November 1989 und bei nachfolgenden dabei. Es sind vor allem die Frauen, die ihren Kamerablick fesseln. Hier kann man 24 von ihnen ins Gesicht schauen. Und alle Emotionen von damals sind wieder gegenwärtig. Hoffnung und Skepsis, Angst und überschäumender Mut, Träume, die bei der Abwicklung der DDR der neuen Realität weichen.

Und so sind es Diktaturerfahrung, Alltag, Transformation, Verwerfungen, Verletzungen und Adornos Behauptung: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, die Fragen aufwerfen, denen sich in dieser Ausstellung nachspüren lassen. Im Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und Gegenwart gewährt sie faszinierende Einblicke in eine verschwundene Lebenswirklichkeit. Wobei klar wird: Das eine Bild der DDR gibt es nicht. Wie auch nicht nur eine Antwort auf die vieldiskutierte Frage möglich ist: Wie tickt der Osten?

„An den Rändern taumelt das Glück. Die späte DDR in der Fotografie“ bis 11. Mai im BLMK Dieselkraftwerk Cottbus, Uferstraße/Am Amtsteich 15, Di bis So 11 bis 19 Uhr.