Der Fotograf Maurizio Camagna gerät ins Schwärmen. Verstehen könne das in seiner italienischen Heimat kaum jemand. Zu unbekannt ist dort das, was Camagna vor die Linse holt – sozialistische Architektur. „Wir haben so etwas in Italien nicht“, sagt der Fotograf.

Regelmäßiger Gast im Osten

Seit Jahren reist er regelmäßig durch Osteuropa und sucht nach Motiven, die die vermeintliche Schönheit von Plattenbauten, von Zwischenbauten, von dem, was in der Lausitz so alltäglich ist, transportieren. Nein – er mache nicht nur Fotos, er wolle die Menschen auch dazu bewegen, die Orte selbst zu besuchen, sich eigene Eindrücke zu verschaffen.
51°45'16.848" N 14°20'37.308" E – zu Camagnas Bildern gehört daher stets auch ein GPS-Code. Wer diesem folgt, landet etwa am Planetarium in Cottbus, ein anderer weist den Weg zu einem Plattenbau in der Werbener Straße, wieder ein anderer nach Peitz, an die Cottbuser Stadtmauer, ins Wendische Viertel.
Für das ostdeutsche Auge sucht Camagna ausgerechnet nach den Orten, die so gar nicht widerspiegeln, wie historisch reich und pittoresk die Lausitz sein kann. Und mehr noch: Camagna dreht die Farben ordentlich herunter. „Ich versuche, die Originalfarben zu erreichen“, sagt er. Sanierte Plattenbauten mit grellen Farben – für ihn sind das Schandflecke.

Keine glänzenden Dachziegel

In fast allen Ländern gebe es Vorschriften, die glänzende Dachziegel, grelle Fassadenfarben verbieten würden. Im Osten – auch jenseits von Cottbus – leuchten viele Häuser dagegen um die Wette. Und disqualifizieren sich im Kampf um die Gunst von Camagnas Linse. Je ursprünglicher, desto besser.
Es sind nicht nur die Formen der alten Architektur, die den Fotografen aus Italien so faszinieren, auch die oft unscheinbare Kunst am Bau hat es ihm angetan. Den „Sorbischen Hochzeitszug“ in der Klosterstraße hat Camagna ebenso dokumentiert wie das Mosaik „Cottbuser Bauernmarkt“ am Stadttor. Er sucht dann nach weiteren Informationen, etwa zum Urheber der Wandmalerei im Innern des ehemaligen VEB Textil-Kombinats in der Schwela-Straße oder dem der Fassadengestaltung am Haus, in dem „Jimmy’s Diner“ seinen Sitz hat.
„Ich habe es bis jetzt nicht geschafft, Deutsch zu lernen“, sagt Camagna. Bei seinen Recherchen würde das aber helfen. Zuerst habe er gedacht, überall spreche man Englisch, doch je weiter ostwärts er reist, desto weniger sei das der Fall. „Aber Deutsch ist eine schwere Sprache“, sagt er. Und er sei schließlich nicht mehr der Jüngste. 57 Jahre ist Camagna alt, hat allerdings noch einen beachtlich vollen Plan, bis er sich irgendwann zur Ruhe setzen wird.

Maurizio Camagna hat viel vor

2000 Gebäude wolle er noch fotografieren – allein für seine Sammlung von Fotografien aus dem Osten Europas. Ob er das schaffen wird? Camagna zweifelt. Auch daran, wie seine Möglichkeiten sind, seine Fotografien auszustellen. „Ich sollte meine eigenen Bilder nicht so toll finden, tue ich aber“, sagt er und schwärmt von großen Drucken, die seine Fotos imposant und beeindruckend werden lassen. In Dresden habe er ein Großformat drucken lassen, sei selbst völlig beeindruckt gewesen – von den Details, dem Gefühl beim Betrachten.
So groß wird der Dom-Verlag seine Bilder nicht zeigen können. Trotzdem: Im Herbst dieses Jahres erscheint dort eine Ausgabe mit dem Titel „Vom seriellen Plattenbau zur komplexen Großsiedlung“. 28 Fotografien des Italieners werden in den beiden Bänden zu sehen sein.