Filmfestival Cottbus 2025
: Filmfest endet mit Preisregen für Ivona Juka

Mutig, emotional und schonungslos: Ivona Juka überzeugt beim Filmfestival Cottbus mit einem Werk, das Homophobie thematisiert und tief bewegt. Was sonst noch prämiert wurde.
Von
Barbara Breuer
Cottbus
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Filmfestival 2025 Preisverleihung: Redaktionsleiterin Angela Boll (m.) übergab den Publikumspreis an Regisseurin Ivona Juka (r) und an Produzentin Anita Juka (l)

Filmfestival Cottbus: Feierliche Preisverleihung am Samstagabend im Piccolo Theater

Regisseurin Ivona Juka ist die große Gewinnerin des 35. FilmFestival Cottbus. Ihr Film „BEAUTIFUL EVENING, BEAUTIFUL DAY“ (HR/PL/CA/CY/BA, 2024, 137 Min) gewann sowohl den mit 15.000 EUR dotierten Hauptpreis als bester Film als auch den von der Lausitzer Rundschau gestifteten und mit 3.000 Euro dotierten Publikumspreis.

Publikumspreis an „Beautiful Evening, Beautiful Day“: LR-Redaktionsleiterin Angela Boll (m.) übergab den Publikumspreis an Regisseurin Ivona Juka (r) und an Produzentin Anita Juka (l) im Piccolo Theater Regisseurin Ivona Juka ist die große Gewinnerin des 35. FilmFestival Cottbus. Ihr Film gewann sowohl den mit 15.000 EUR dotierten Hauptpreis als bester Film als auch den von der Lausitzer Rundschau gestifteten und mit 3.000 Euro dotierten Publikumspreis.

Michael Helbig
  • Ivona Juka gewinnt Haupt- und Publikumspreis beim 35. FilmFestival Cottbus mit „Beautiful Evening, Beautiful Day“.
  • Film thematisiert Homophobie im Nachkriegsjugoslawien und überzeugt durch emotionale und schonungslose Erzählweise.
  • Emir Hadžihafizbegović erhält Schauspielpreis für seine authentische Darstellung im Film.
  • Goran Stankovic gewinnt Regiepreis für „Our Father“ über Suchttherapie in einem serbischen Kloster.
  • „Wrooklyn Zoo“ von Krzysztof Skonieczny erhält FIPRESCI-Preis für moderne Romeo-und-Julia-Geschichte.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Existenzielle Krisen leise anzudeuten, Charaktere schemenhaft zu umreißen und mehrdeutig zu sein – das hatten in diesem Jahr einige Produktionen auf dem Cottbuser Filmfestival gemein. So manche wurden nach den Vorführungen im Foyer, in Kneipen oder Restaurants weiter diskutiert. Denn zu Recht ist auch im Arthouse-Kino künstlerische Freiheit ein hohes Gut. Doch manchmal geht sie Zweckehen ein mit fehlendem Mut, mangelnden Visionen – und lässt die Zuschauer danach etwas ratlos zurück.

Anders die kroatisch-montenegrinischen Filmemacherin Ivona Juka: Sie bleibt glücklicherweise lieber Single, genießt ihre Schaffenskraft und hält ohne Abstriche an ihren künstlerischen Ideen fest. Das zahlt sich aus. Für ihren mutigen Beitrag „Beautiful evening, beautiful day“ hat die Jury sie mit der gläsernen Lubina verbunden mit 15.000 Euro für den besten Film ausgezeichnet. Auch der von der Lausitzer Rundschau gestiftete Publikumspreis in Höhe von 3000 Euro ging an den Film.

Partisanen drehen Film über einen Soldaten

Darin erzählt die 50-Jährige von Lovo und Nenad. Der aus bürgerlichen Verhältnissen stammende Regisseur und sein Drehbuchautor waren Partisanen und sind seit Jahren heimlich ein glückliches Paar. Nach Ende des zweiten Weltkrieges drehen sie in den sozialistisch-staatlichen Filmstudios die Geschichte eines jugoslawischen Soldaten, der das Land Richtung Italien verlassen will. Aber das passt den Genossen nicht, genauso wenig wie die sexuelle Orientierung der gesamten Filmcrew.

Emir, der Leiter der Behörde für Agitation und Propaganda, soll sie fortan sabotieren. Doch je mehr Zeit er mit den Männern verbringt, desto mehr bröckelt das ihm aufoktroyierte Feindbild. Als Lovo und Nenad durch Emir auf der Gefängnisinsel „Goli Otok“ landen, die für ihren extrem brutalen Umgang mit Schwulen bekannt ist, muss der vorbildliche Sozialist Emir sich für eine Seite entscheiden…

Herausragend verkörpert Darsteller Emir Hadžihafizbegović die gleichnamige Figur. Die Jury lobt ihn für eine Performance, die „mutig in ihrer Unsicherheit, kraftvoll in ihrer Zurückhaltung und unvergesslich in ihrer Authentizität" ist. Dafür erhielt er den mit 5.000 Euro dotierten Preis für eine herausragende darstellerische Einzelleistung.

Nicht nur er als Darsteller, sondern auch Ivona Jukas gesamter Film stach zwischen den diesjährigen Wettbewerbsbeiträgen ob seiner Stilsicherheit und Kraft deutlich hervor: Sie brachte bewusst physische, psychische und sexualisierte Gewalt in Schwarzweiß auf die große Leinwand. Für einige Zuschauer sprengte das die Grenzen des Erträglichen. Die Jury aber sah sich „zutiefst bewegt von der emotionalen Wucht dieses Films und seiner mutigen, kompromisslosen Erzählweise.“

Inspiriert hat die Regisseurin ein homosexuelles Familienmitglied, das im Jugoslawien der Nachkriegszeit öffentlich sehr vorsichtig sein musste. „Diese Menschen durften nicht frei leben, arbeiten und lieben“, sagt sie und bedauert, dass Homophobie vielerorts wieder auf dem Vormarsch ist und dem Thema damit große Aktualität verleiht.

Auch der Publikumspreis geht an den Film

Das Publikum in der Lausitz hat das Schicksal dieser Männer ebenfalls berührt: Sie wählten den kunstvoll gedrehten Film zu ihrem Favoriten, der männliche Körper feiert und sich mit einem düsteren Kapitel der Geschichte auseinandersetzt. Redaktionsleiterin Angela Boll überreichte die Auszeichnung bei der Preisverleihung im Piccolo Theater in Cottbus.

In der Gegenwart spielt indes die serbische Produktion, für die Goran Stankovic den Spezialpreis für die beste Regie bekam: Mit „Our father“ gewährt er einen filmisch schlichten dafür emotional umso fesselnderen Einblick in ein serbisch-orthodoxes Kloster. Dort sollen Suchtmittelabhängige von Drogen loskommen. Das benediktinische Motto „Ora et labora“ – „Bete und arbeite“ – ergänzt der leitende Pater Branko um brutale Züchtigungen, um die ihm Anvertrauten auf den richtigen Weg zu bringen. Bis ein Video davon viral geht… Die Jury sagt: „Durch die Regie werden wir unmittelbar in die Körper der Figuren versetzt: Wir spüren ihren Schmerz, ihre Nähe, ihren Kampf. Dieses Werk gewährt uns Zugang zu Leid und Hoffnung zugleich mit großer Integrität und tiefem menschlichem Mitgefühl.“

Romeo und Julia im heutigen Polen: „Wrooklyn Zoo“

Das freche filmische Gegenstück dazu ist „Wrooklyn Zoo“ des Polen Krzysztof Skonieczny. Er schöpft aus den Vollen, nutzt schnelle Schnitte, splittet die Leiwand, lässt eine Posterfigur lebendig werden und erzählt so eine zeitlose Romeo-und-Julia-Geschichte in ultramodernem Gewand: Skater-König Kosa, der sich liebevoll um seinen Opa kümmert, der ihn großgezogen hat, verliebt sich dabei in die Romni Zora. Gejagt von den örtlichen Skinheads, auf einen Preis beim kommenden Skater-Wettkampf hoffend, muss Kosa im Laufe des Films einen schweren Verlust verkraften und dabei erwachsen werden. Die internationale Filmkritikervereinigung FIPRESCI zeichnete dieses kraftvoll-verspielte Werk aus, weil es „eine schwierige Vergangenheit durchstreift, zu einer geteilten Gegenwart spricht und wertvolle Impulse für eine bessere Zukunft liefert.“