Filmfestival Cottbus 2023: Begrüßung auf Sorbisch – so war die Eröffnung im Staatstheater

Ganz im Zeichen der Sorben steht die Eröffnung des 33. Filmfestivals Cottbus im Staatstheater. Hanka und Ignac sind die Protagonisten in Grit Lemkes Dokumentarfilm „Bei uns heißt sie Hanka“. Die 33. Auflage des Festivals des osteuropäischen Films mit dem diesjährigen Schwerpunkt Kasachstan wird am Abend eröffnet und läuft bis zum 12. November. In acht Spielstätten werden rund 150 Filme aus 40 Ländern zu sehen sein.
Patrick Pleul/dpaDas geht gar nicht, findet Regisseurin Grit Lemke, dass bei der Eröffnung des Filmfestivals in Cottbus nicht auf Sorbisch begrüßt wird - und holt das auf der Bühne gleich selbst nach. Moderator Attila Weidemann kommt gehörig ins Schwimmen, als er plötzlich zwischen Niedersorbisch und Obersorbisch vermitteln soll. Und Ignac Wjesela, einer der Protagonisten des Eröffnungsfilms „Bei uns heißt sie Hanka“, liefert wohl die schönste Begrüßung, wenn er schwungvoll auf Obersorbisch das 33. Filmfestival Cottbus für eröffnet erklärt.
Dass das Filmfestival, das sich seit 33 Jahren dem mittel- und osteuropäischen Film widmet und dabei schon viele Krisen und Kriege im Spiegel des Films abgebildet hat, in diesem Jahr ausgerechnet mit einem starken Sorben-Auftakt eröffnet, ist angesichts der dramatischen Weltlage, von der Ukraine bis Gaza zunächst verwunderlich – und gleichzeitig stimmig. Für Grit Lemke, die seit 1998 dem Festival verbunden ist, bis sie im vergangenen Jahr die Leitung der Sektion „Heimat“ an die Künstlerin Hella Stoletzki abgab, ist es ein Heimspiel. Und für Cottbus ist ihr Film, der ebenso von Identitätssuche wie von deren politischer Vereinnahmung erzählt, ein Glücksfall.
„Bei uns heißt sie Hanka“ ist die harsche Antwort, die die Mutter von Anna Rosina bekommt, als sie die künftige Schwiegermutter ihrer Tochter in der Oberlausitz besucht. Die blonde Jurastudentin, die in eine sorbische Bauernfamilie einheiratet, begibt sich damit auf eine spannende Identitätssuche, lernt die Sprache, berät irgendwann beim Sorbski Sejm zur Frage, ob auch Gerichtsverhandlungen in Deutschland auf Sorbisch stattfinden müssen. Die Hochzeit wird prächtig gefeiert, mit allen sorbischen Traditionen, Liedern und Trachten. Und auch zur Eröffnung im Staatstheater sind die beiden Protagonisten in Tracht gekommen.
Hanka und Ignac sind der rote Faden in Grit Lemkes Dokumentarfilm, der ebenso vom Verlust wie von Wiederaneignung erzählt und auch eine persönliche Wurzelsuche der Regisseurin bedeutet. Dass das durchaus auch ein Politikum ist, macht Lemke deutlich, wenn sie im Film die sorbischen Prozessionen mit Demonstrationen in Cottbus gegenschneidet, die proklamieren „Unser Volk zuerst“. Das Thema Heimat und Tradition ist nicht unbelastet, das haben zuletzt auch die Diskussionen um die Annemarie-Polka gezeigt. Und auch in Lemkes Film wird schmerzlich deutlich, dass es auch um eine Kolonialisierung im eigenen Land geht: Nach dem Personalausweis sei er Deutscher, in seinem Herz aber Sorbe, sagt ein älterer Sorbe im Film.
Es geht um Wiederaneignung: Das Sorbisch, das im Film zu hören ist, klingt oft angelernt, nicht selbstverständlich, es ist der Versuch einer Rückgewinnung einer schon verlorenem Großmuttersprache. Die zweisprachigen Straßenschilder in Cottbus kommen ihr vor wie Folklore angesichts der Tatsache, dass sie kaum Sorben in Cottbus kenne, sagt eine Protagonistin. Die katholischen Prozessionen in der Oberlausitz und die Versuche einer Enkelgeneration, an die jahrzehntelang unterdrückten oder verschollenen Traditionen der Großelterngeneration wiederanzuknüpfen, wirken tatsächlich oft wie aus einer anderen Zeit.

Hanka und Ignac zelebrieren ihren großen Tag in sorbischer Tracht. Szene aus dem Dokumentarfilm „Bei uns heißt sie Hanka“, mit dem das Filmfestival am 7.11. im Staatstheater Cottbus eröffnet wurde. Regisseurin Grit Lemke hat sich auf Spuren sorbischer Kultur heute begeben.
Neue Visionen Filmverleih GmbHIn einem Film von 1994 sind alte Frauen zu sehen, die an den Fingern von zwei Händen abzählen kann, wie viele Frauen noch die Tracht tragen. Gleichzeitig zeigen junge Sorbinnen wie die Künstlerin Hella Stoletzki mit ihrem Kollektiv Wakuum oder junge Rapper, dass es durchaus möglich ist, Tradition und Gegenwart zu verbinden.
So gesehen, ist „Bei uns heißt sie Hanka“ der richtige Eröffnungsbeitrag für ein Festival, das nach den engagierten Worten von Cottbus Oberbürgermeister Tobias Schick angetan ist, Verständnis und Gespräch untereinander zu fördern. Filme seien ein ideales Mittel, sich in die Lage der anderen zu versetzen, so der Oberbürgermeister. Und die Diskussion, wie fremd die sorbischen Traditionen in Cottbus, aber auch auf die angereisten Festivalbesucher wirken, lässt sich in den kommenden Tagen mit 150 Filmen aus ganz Osteuropa trefflich fortsetzen. In der Hoffnung, dass nicht die Konflikte im Vordergrund stehen, sondern das Verständnis füreinander wächst.
„Bei uns heißt sie Hanka“ läuft noch einmal am 12.11., 12 Uhr, in der Stadthalle Cottbus. Tickets unter filmfestivalcottbus.de


