Die russische Dreiviertelmillionenstadt Toljatti an der Wolga verdankt ihren Namen dem italienischen Kommunisten Palmiro Togliatti, der während der Mussolini-Diktatur in der Sowjetunion im Exil lebte. Dass er in Italien auch gegen den Konzern Fiat streikte, ist eine Ironie der Geschichte, baut der Ruhm der Wolga-Stadt doch auf der Herstellung von Ladas auf, dem sowjetischen Lizenzprodukt des Fiats.
Früher galt Toljatti als Zentrum der sowjetischen Automobilindustrie, mit Vollbeschäftigung für alle und bescheidenem Wohlstand. Doch heute hinkt die Fast-Metropole dem einstigen Ruhm des AwtoWAS, des Wolga-Automobilwerks, hinterher und ist die Stadt mit der höchsten Jugendarbeitslosigkeit in Russland.

Keine Perspektive für Jugendliche in Toljatti

Der Dokumentarfilm „Tolyatti Adrift“ der spanischen Regisseurin Laura Sistero demonstriert das anhand dreier junger Einwohner der Stadt. Slava, Mischa und Lera halten sich mit schlechten Jobs über Wasser. Mischa hat in Westeuropa ein Praktikum gemacht, hätte auch in Russland die Aussicht auf einen guten Job – aber nicht in Toljatti.
Keine Perspektive: Jugendliche auf Jobsuche in "Tolyatti Adrift"
Keine Perspektive: Jugendliche auf Jobsuche in "Tolyatti Adrift"
© Foto: Filmmotor
Auch Lera denkt daran, ihre Heimatstadt zu verlassen. Slava schließlich spricht viel vor, findet aber kaum Arbeit. Außerdem soll er zur Armee eingezogen werden. Doch für das Schmiergeld zur Befreiung vom Wehrdienst ist er zu knapp bei Kasse. Also suchen sich die jungen Leute einen anderen, wagemutigen Zeitvertreib. Mit getunten alten Ladas – womit sonst? – fahren sie im Winter über die in Toljatti besonders breite, zugefrorene Wolga. Jugendlicher Wagemut trotzt dem Eis und Polizeikontrollen und ein eskapistischer Elan schlägt für einen Moment die Realität.
„Tolyatti Adrift“: Sonnabend (12.11.), 19.30 Uhr, Kammerbühne
Alles zum Festival finden Sie auf unserer Themenseite.