An Originalschauplätzen lässt sich dieser Stoff derzeit nicht verfilmen: „Minsk“ erzählt von den Protesten gegen das Lukashenko-Regime in Belarus, die im Jahr 2020 nach einer besonders umstrittenen Wahl begannen. Der russische Regisseur Boris Guts ging mit seinem Team nach Estland, um den brenzligen Stoff um ein junges Liebespaar, das in die Fänge der brutalen Minsker Polizei gerät, zu realisieren. Jetzt ist er auf dem Filmfestival in Cottbus im Hauptwettbewerb für lange Spielfilme zu sehen.

Was passiert in dem Streifen?

Ein junger, aufstrebender Architekt (Alaksey Maslodudov in der Rolle des Pasha) und eine Studentin (Anastasia Shemyakina als Julia) sind in der Phase einer Beziehung, in der das Schlafzimmer noch wichtiger ist als alles andere, in der aber langsam die ersten Sorgen um Trennendes und Kompliziertheiten aufschimmern. Pasha hängt noch an seiner Ex-Frau und teilt sich das alte Auto mit ihr. Julia hat einen Hang zur Drama Queen, sie braucht immer die volle Aufmerksamkeit.
Und während die beiden ein sehr auf ihren Mikrokosmos beschränktes Leben führen, tobt draußen auf den Straßen von Minsk die Revolte. Straßenschlachten, Molotov-Cocktails, knüppelnde Polizisten. Das Lukashenko-Regime zeigt seine ganz hässliche Fratze, nachdem Demonstrierende begannen, die Wahlergebnisse anzuzweifeln.
Auch die beiden geraten in die Fänge der Polizei und finden sich in einer Zelle wieder, soviel sei hier verraten. Man weiß als Zuschauer nicht genau, ob und was da zuvor gelaufen ist, also ob eine oder einer der beiden sich etwas hat zuschulden kommen lassen oder ob es blanke Willkür ist.

Welche filmischen Mittel nutzt Regisseur Guts?

Der ganze Film ist gedreht wie in einem Rausch. Man bemerkt es zunächst gar nicht, wenn man es nicht weiß: Der Film wurde in einem einzigen Take aufgenommen, komplett ohne Schnitt. Atemlosigkeit prägt die Atmosphäre. Die Helden agieren naturgemäß wie die gehetzten Tiere, die sie in ihrer Situation ja auch sind. Hier wird viel Adrenalin ausgestoßen.
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Es gibt durchaus brutale Szenen in diesem Film. Die Begegnungen mit den Polizeikräften verstören in ihrer Drastik – und machen deutlich, dass mit dem belarusischen Regime nicht zu spaßen ist. Zu sehen sind verrohte Einsatzkräfte, die ihre sadistischen Neigungen an hilflosen jungen Protestierenden auslassen – und an solchen, die nur zufällig zwischen die Fronten des Konfliktes geraten sind.
Der Film basiert auf Augenzeugen- und Opferschilderungen aus Belarus. Regisseur Guts, geboren 1980 in Omsk, hat daraus eine etwas unrund laufende Geschichte montiert, durch die sich seine Darstellerinnen und Darsteller wacker hindurchhecheln. Doch angesichts der sportlichen Umstände – einen rund 80 Minuten langen Spielfilm ohne Pause am Stück zu drehen ist wahrlich ein kühnes Vorhaben – sind manche Schwächen in Spiel und im Set Design zu entschuldigen.

Wen wird dieser Film interessieren?

Alle, die einen filmisch-semifiktionalen Einstieg in den Konflikt in Belarus suchen, sind hier gut bedient. Schließlich basiert das Drehbuch auf den Erlebnisprotokollen von Opfern der belarusischen Polizei. Eine Gewähr dafür, dass es sich wirklich alles exakt so auch in der Realität zugetragen hat, gibt es freilich nicht. Aber darum geht es auch nicht. Der Adrenalin-geladene Thriller transportiert glaubhaft das Gefühl, was es heißt, in einem Unrechtsregime in eine extrem bedrohliche Situation geraten zu sein. Für viele Zuschauer ist dieser Film allerdings sicherlich viel zu brutal. Wer Gewaltszenen nicht mag, sollte lieber einen anderen Stoff auswählen.
„Minsk“, EE 2022, 78 Min., am Freitag (11.11.), 21 Uhr in der Stadthalle Cottbus, Sonnabend (12.11.), 12.30 Uhr, Weltkino Saal 2; Info: www.filmfestivalcottbus.de