Ein Traktor startet. Zu sehen ist nur sein Schatten. Die dunkle Leine hinten am Gefährt wird gespannt. Und hebt die Silhouette einer Henne samt Küken empor. Schon balanciert die Hühner-Familie über die Hochspannungsleitung – und genießt den Blick übers weite Land. Wer in der ehemaligen DDR groß geworden ist, kennt sie vielleicht, die Geschichte vom eigenwilligen Huhn. Oder andere Folgen aus dem Abendgruß des Sandmännchens.
Ausgedacht und umgesetzt hat sie Jörg Herrmann, der letzte aktive Silhouettenfilmer der Welt. Auch heute noch sitzt der 81-Jährige montags bis samstags bis zu zehn Stunden an einem von unten beleuchteten Tisch aus Glas. Diese 3,25 Meter lange Trickbank hat sein Sohn eigens für ihn gebaut, damit der Vater besonders lange Kamerafahrten filmen kann. Dazu legt Jörg Herrmann die schwarzen Figuren vor sich auf den Tisch. Von oben fotografiert eine digitale Spiegelreflex, wenn der Regisseur seine Fabelwesen mit einer Pinzette Millimeter für Millimeter bewegt. Das muss rund 1500 Mal geschehen, damit eine Minute Film entsteht. Höchstens 20 Sekunden am Tag kann Jörg Herrmann so erschaffen.
Dabei ist er auch mit 81 Jahren noch ein bisschen wie das Huhn: eigenwillig und ohne Lust, bei den anderen zu brüten. Eine Werkschau seiner bewegenden Schattenwelten zeigt das Filmfestival Cottbus in diesem Jahr. Dabei kommen in der Sektion „Heimat“ Kurzfilme wie „Hitlerpinochet“ oder „Denkmal“ zur Aufführung.

505 Tage hat er für „Der siebente Rabe“ gebraucht

Auch sein arbeitsintensivstes Werk wird gezeigt. Der mit 70 Minuten längste handanimierte Silhouettenfilm der Welt: „Der siebente Rabe“. 505 Tage hat Jörg Herrmann dafür an der Trickbank gestanden. Die Massenszene auf dem Jahrmarkt hat er in einer Einstellung durchgedreht. „Da habe ich morgens um fünf Uhr anfangen und war am nächsten Tag um zwei Uhr nachts fertig.“ Der detailverliebte Einsatz hat sich gelohnt. Das auf der Krabat-Sage basierende Werk aus dem Jahr 2011 hat es in Chicago in die Datenbank der weltbesten Kinderfilme geschafft. Jörg Herrmann hat mithilfe der Silhouettentechnik ein Werk erschaffen, das – anders als der Spielfilm Krabat – sehr viel Raum für Fantasie lässt. Ohne Furcht können das Meisterwerk so auch jüngere Zuschauer genießen.
Ausgezeichnet als einer der weltbesten Kinderfilme: "Der siebente Rabe" von 2011, Jörg Herrmanns Version der Krabat-Sage.
Ausgezeichnet als einer der weltbesten Kinderfilme: „Der siebente Rabe“ von 2011, Jörg Herrmanns Version der Krabat-Sage.
© Foto: Jörg Herrmann
Jörg Herrmann weiß, wie fesselnd die Schatten für die Jüngsten sein können: „Es gab in Dresden ein Schattentheater und als ich dreizehn Jahre alt war, bin ich dorthin.“ Die ,Geschichte vom Teufel und vom Drescher‘ hatte ihn tief beeindruckt. Damals wusste das Nachkriegskind: „So etwas möchtest du mal machen.“

1919 erfand Lotte Reiniger die Technik

Auch heute ist er immer noch von den kreativen Möglichkeiten seines Handwerks fasziniert. Für die Legetricks muss er die Figuren bewegen können, damit 24 Bilder pro Sekunde entstehen. Dazu erhalten seine Schattendarsteller Gelenke aus speziellem Nickeldraht. Der wird zuerst wie eine Haarnadel gebogen und dann mit der Schere zu einer Gelenk-Öse umgeformt. So hatte es schon 1919 Silhouettenfilm-Erfinderin Lotte Reiniger mit Eisendraht gemacht. Jörg Herrmann schwärmt davon, wie er Märchen und Fabeln erzählen kann, indem er nur den Umriss andeutet, ohne Gesicht und Mimik: „Und wie dann trotzdem ein Ich-Wesen entsteht durch Charaktereigenschaften und Animation.“ Die Silhouetten hätten einen entscheidenden Vorteil gegenüber Schauspielern: „Sie machen, was ich will“, sagt er mit einem Lachen. Seine Figuren entstehen in seinem Kopf. Früher hat er sie meist vorgezeichnet. Heute verleiht er seinen Darstellern allein mit der Schere Kontur, denn er liebt seine Arbeit mit dem Papier.
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Das war nicht immer so. Nach der achten Klasse war Holz das Material seiner Wahl. Damals machte Jörg Herrmann eine Tischlerlehre. Bereits damals bastelte er Handpuppen und machte mit beim Leistungsvergleich der Amateur-Puppenspieler. Dort fiel Jörg Herrmann dem jungen Puppentrickregisseur Günter Rätz auf. Wenig später konnte Jörg Herrmann auf seine Empfehlung bei den DEFA-Studios für Trickfilme in Dresden anfangen. Die Filmschmiede war damals drei Jahre jung und voller Enthusiasten: Die Kreativen experimentierten und lernten von- und miteinander.
Bei „Links hinter dem Mond“ hatte Jörg Herrmann seinen ersten Einsatz: Der Weihnachtsmann fliegt darin einen Hubschrauber – mit einem Rotor aus drei Blättern. „Den durfte ich bewegen“, erinnert er sich. Das ist Millimeterarbeit: „Wenn Abstände nicht richtig stimmen, dann läuft er rückwärts. Wenn man zu sehr auf die gleiche Stelle kommt, dann wackelt er nur“, weiß Jörg Herrmann. Groß war die Angst davor, etwas falsch gemacht zu haben – bis die Muster kamen. Doch gleich seine erste Arbeit war ein Erfolg. Viele weitere sollten folgen. „Von Günter Rätz erlernte ich das Handwerk und die Techniken der manuellen Animation“, sagt Jörg Herrmann. Seine ersten eigenständigen Filme waren denn auch Puppentrickfilme. Einer davon, „Der Champion“, wird ebenfalls in Cottbus gezeigt.

Ein liebevolles Porträt von Karl Marx

Sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen war aber nicht Jörg Herrmanns Ding: Um sein Talent mit Wissen zu untermauern, studierte er nach seinem Abitur an der Abendoberschule zwischen 1966 und 1970 Regie und Szenaristik an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam. Jörg Herrmann erzählt: „Nach dem Studium teilte ich mir bei der DEFA mit Scherenschnitt-Meister Bruno J. Böttge das Arbeitszimmer und wir wurden Freunde. 1972 gestalteten wir den Silhouetten-Film ,Lieber Mohr‘ zusammen“. Auch dieses Frühwerk, ein liebevoll gestaltetes Portrait von Karl Marx, das ihn als Vater, Ehemann und Visionär seiner Zeit vorstellt, ist in Cottbus zu sehen.
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Und während Jörg Herrmann bereits im DEFA-Studio für seine ersten Silhouettenfilme gefeiert wurde, lernte er im Fernstudium noch Logik und Philosophie dazu. Seit 1982 ist er außerdem Doktor der Filmwissenschaften. Gut gewappnet entwickelte Jörg Herrmann bis 1983 dann den neu geschaffenen Studiengang für Trickfilmzeichner an der Filmhochschule in Babelsberg und bildete dort den Nachwuchs aus.
Doch dann sollte er selbst Chef der DEFA-Studios für Trickfilme werden. Er erinnert sich: „Als Direktor wäre ich aber nie wieder in der Lage gewesen, einen künstlerischen Film zu drehen. Das wollte ich nicht.“ So weitermachen wie bisher aber auch nicht. „Wir haben damals sehr viele Filme zu aktuellen Anlässen gedreht. Die waren oft mit der heißen Nadel gestrickt und ich als jüngster Regisseur war gefragt.“ Heute würde er das so nicht mehr machen. „Der Abschied von den DEFA-Studios ist mir deshalb relativ leichtgefallen“, sagt er.
Der Anfang in der Selbstständigkeit war dennoch schwer: Er verfasste Drehbücher für kürzere Filme und schrieb unter Pseudonym für Zeitungen, um Geld zu verdienen. Sein Sohn war bereits zwei, doch ohne eigene Kamera konnte Jörg Herrmann kein eigenes Studio gründen. „Und eine Kamera kostete damals 750.000 D-Mark“, weiß er noch heute.

Eine alte Eclair-Kamera aus Halle

Ein Bekannter gab ihm in der Vorwendezeit den Tipp, nach Halle zu fahren. Dort sollte ein Filmvorführer eine alte Eclair-Kamera besitzen. Das stimmte auch. Doch der Kamera-Motor war kaputt. „Mir machte das nichts, denn für den Silhouettenfilm musste ich ja nur Einzelbilder machen“, sagt Jörg Herrmann. Er bekam die Kamera geschenkt, schlachtete sie aus und fand darin einen Justiergreifer mit einer eins zu eins Welle: „Da habe ich einfach einen Trabbi-Scheibenwischer drangehängt und dann konnte ich damit Filme machen.“
Abendgrüße für das Sandmännchen und Trickfilme fürs Kino entstanden fortan in seinem Studio in Kreischa. Die Arbeit teilte er sich mit seiner Ehefrau Petra: „Sie hat die Silhouetten-Figuren gebaut und die Animation gemacht, ich habe die Bücher geschrieben, die Figuren entworfen, die Hintergründe gemacht und den Realteil gedreht.“
Als das DDR-Fernsehen wendebedingt umstrukturiert wurde, musste auch Jörg Herrmann seine geplanten Produktionen abbrechen: „Wir hatten die gesamte Dekoration zusammen und die Drehbücher waren geschrieben, aber wir konnten nichts mehr drehen.“ Nach einem kurzen Abstecher als Restaurant-Teilhaber und nach vielem Klinkenputzen wandte sich Jörg Herrmann dann Mitte der 1990er wieder der Animation zu. Viele Trickfilme hat er seither im Fernsehen und im Kino gesehen: „Allerdings habe ich nicht erwartet, dass das Geschmacksdiktat der Firma Disney sich auf die ganze Welt auswirken wird.“
Demnächst soll Teil 2 entstehen: "Aus dem Leben eines Rumgehers" (2001-2013) erzählt von einem fahrenden Händler in der Lausitz.
Demnächst soll Teil 2 entstehen: „Aus dem Leben eines Rumgehers“ (2001-2013) erzählt von einem fahrenden Händler in der Lausitz.
© Foto: Jörg Herrmann
Handgemachte Trickfilme wie seine aus Kreischa will der Nachwuchs heute nicht mehr machen. Und dass, obwohl sich Silhouettenfilme durch die Digitalisierung weiterentwickelt haben: Während die Figuren nach wie vor in reiner Handarbeit entstehen, scannt Jörg Herrmann inzwischen die gemalten Hintergrundbilder ein und platziert seine Figuren dann an Originalschauplätzen.
Zurzeit versucht Jörg Herrmann die Fortsetzung seines Silhouettenfilms „Aus dem Leben eines Rumgehers“ zu finanzieren. Das Drehbuch schreibt er parallel. „Den Legenden um das Leinen und die Leinenweberei in der Oberlausitz würde ich gern noch einen zweiten Teil hinzufügen“, verrät er. Und dabei Sagen aus der Niederlausitz und dem Spreewald inszenieren.
Jörg Herrmann weiß, dass er der letzte Regisseur ist, der das Silhouettenfilmen noch beherrscht. „Wahrscheinlich stirbt es mit mir aus,“ vermutet er. Der Nachwelt will er dennoch ein Handbuch hinterlassen, falls sich doch jemand intensiver für das Schattenfilmen interessiert. Jörg Herrmann liegt der Nachwuchs sehr am Herzen: „Ich drehe lieber für Kinder, denn die sind ehrlicher. Erwachsene finden immer noch ein paar lobende Worte – auch wenn es nichts zu loben gibt. Das ist bei Kindern anders.“

Filmvorführungen und Diskussion

Am 11.11. (Freitag) wird im Obenkino Cottbus die Hommage „Schattenriss eines Meisters“ gezeigt. In zwei Programmblöcken laufen sechs Filme von Jörg Herrmann: Um 14 Uhr „Der siebente Rabe“ und „Champion“, um 16 Uhr „Lieber Mohr – Persönliche Erinnerungen an Karl Marx von Paul Lafargue“, „Denkmal“, „Hitlerpinochet“ und „Aus dem Leben eines Rumgehers“.
Am 12.11. (Sonnabend) gibt es um 11 Uhr im Wendischen Museum ein Filmgespräch mit Jörg Herrmann. Es moderiert Hella Stolitzki, Leiterin der Programmsparte „Heimat“.