Von Daniel Schauff

Gerade einmal zehn Jahre alt war Bryan Adams 1969. Und trotzdem: Sein Song über den Sommer dieses Jahres, in dem er angeblich in einer Band gespielt hat, sich unsterblich verliebt hat, ist und bleibt ein Welthit und hat sich über die Jahre zur zweiten kanadischen Nationalhymne gemausert.

Ja, Bryan Adams ist der Vorzeige-Kanadier. Und das, obwohl er der Sohn britischer Eltern ist und einen großen Teil seiner Kinderheit nicht in Kanada, sondern in Israel, Österreich und Portugal verbracht hat. Sein Vater arbeitete im militärischen Diplomatendienst.

Trotzdem: Ahornblatt-Flaggen wehen zuhauf, wenn er auf die Bühne geht – und nach wie vor macht Bryan Adams weltweit die großen Hallen voll. An diesem Dienstag wird der Musiker 60 Jahre alt.

Skandale stehen ihm nicht. Seit Jahren bewirbt Adams seinen eigenen Veganismus, ist im Tierschutz aktiv, postet Bilder von Yogaposen bei Instagram. Die Musik zu dem Kino-Kassenschlager „Top Gun“ mit Tom Cruise wollte er nicht schreiben. Seiner Ansicht nach hat der Film den militärischen Kampf zu sehr glorifiziert.

Einmal in seiner Karriere wollte er ein bisschen böser wirken, Mitte der 1990er-Jahre war das. Adams ließ sich die Haare wachsen, schmierte Haaröl in seine Frisur, sang, dass er gern die Unterwäsche seiner Angebeteten sein würde. Eine Phase, nach der er sich die Haare wieder abschnitt, vom weit aufgeknöpften Hemd aufs schwarze T-Shirt wechselte und wieder der Junge – mittlerweile Mann – von nebenan war.

Dass Adams ein echter Rocker sein kann, geriet irgendwann in Vergessenheit. Zu berühmt war der Mann aus Kingston in Ontario für seine Filmmusik. „Everything I do, I do it for you“ sang er etwa in dem Hollywood-Streifen „Robin Hood – König der Diebe“ mit Kevin Costner. Der Song hält bis heute den britischen Rekord als Single, die sich mit 16 Wochen am längsten hintereinander auf Platz eins der Charts halten konnte.

Später schrieb Adams mit „All for love“ eine weitere Rockballade, die als Filmhit erfolgreich werden sollte. Für den Soundtrack zu „Die drei Musketiere“ mit Charlie Sheen, Kiefer Sutherland und Tim Curry holte er Rod Stewart und Sting vors Mikrofon. Ebenfalls ein Schmachtsong mit mehr Schmalz als auf der Stulle: „Please forgive me“. Spätenstens mit ihm war Bryan Adams als Schnulzenkönig weltweit bekannt und bei den einen dafür verhasst, bei den anderen dafür geliebt.

Männer trauten sich nicht mehr, Bryan Adams gut zu finden, Frauen verfielen dem kleinen, drahtigen Mann aus Kanada. Vielleicht versuchte Adams deshalb mit „18 til I die“ und der dazugehörigen Langhaarfrisur die Kehrtwende. Erfolgreich. Danach trauten sich auch Männer wieder, seine Musik zu mögen. Und Stars: Adams arbeitete mit Tina Turner, mit Celine Dion, mit Jennifer Lopez, Mel C und Ed Sheeran zusammen.

Bryan Adams tourt und tourt und tourt durch die Welt. Alterserscheinungen? Pustekuchen. Klar – der Mann macht schließlich Yoga. Und er experimentiert weit mehr als zu seinen Chartstürmer-Zeiten. Da darf es dann auch einmal ein Album sein, das Adams vollständig akustisch einspielt, eine Tour, auf der er nur mit Gitarre und Piano-Unterstützung die Bühne betritt und zwei Stunden Programm füllt.

Adams veröffentlicht ein Album mit Neuinterpretationen seiner eigenen Lieblingssongs. Darauf traute er sich auch an komplexe Songs wie „God only knows“, im Original von den Beach Boys. Den Ruf, mit drei Akkorden Welthits zu landen, hat er damit abgeschüttelt. Immerhin: Seine Balladen aus früheren Jahren sind beliebt bei Gitarrenlehrern weltweit – als Übungen für Anfänger am Instrument.

Ganz nebenbei betätigt sich der – ja, mittlerweile darf man wohl Altrocker schreiben – als Fotograf, und das ziemlich erfolgreich. Adams durfte Größen wie Harry Belafonte, Joss Stone, Amy Winehouse, Mick Jagger und sogar die englische Queen ablichten. Adams ist darüber hinaus Mitherausgeber des unter Fotografen bekannten Zoo Magazine, das der Sänger 2004 in Berlin gründete.

Und wie war das jetzt mit dem zehnjährigen Bryan Adams, der den Sommer 1969 als den schönsten seines Lebens besingt? Adams hat in einem Interview gesagt, die 69 beziehe sich nicht aufs Jahr, sondern auf eine Stellung beim Sex. Ob das allerdings nur dazu diente, sein Image als böser Junge Mitte der 90er-Jahre zu pflegen, ist unklar. Sein Songschreiber-Kollege Jim Vallance hat jedenfalls andere Erinnerungen an die Bedeutung der 69. Was aber auch dahinter stecken mag: Selbst wenn der Song zu Beginn weltweit nur mäßig erfolgreich war: Noch 2004, fast 20 Jahre nach Veröffentlichung des Songs, schaffte es „Summer of `69“ bei den weiblichen Hörern des SWR auf Platz eins der besten Songs aller Zeiten. Bei den Männern landete er auf Platz zehn. Da war es vielleicht doch wieder: Bryan Adams bleibt ein Frauentyp. Und das auch noch mit stolzen 60 Jahren.