Buch über die Lausitz
: Dem Kohlebagger im Weg – vom Verschwinden eines Dorfes

Was bleibt von der Heimat, wenn der Kohlebagger das Dorf wegreißt? Der in Luckau geborene Autor Andreas H. Apelt vollendet mit „Sechsunddreißig Seelen“ nach 30 Jahren seine Brandenburg-Trilogie.
Von
Ida Kretzschmar
Cottbus
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Unterwegs in der Niederlausitz: Andreas Apelt vor dem Gedenkstein für den verschwundenen Ort Presenchen und vor der Zinnitzer Kirche im Winter 2017.

Vom Verschwinden eines Dorfes: Autor Andreas H. Apelt vor dem Gedenkstein für den verschwundenen Ort Presenchen im Winter 2017.

Andreas Apelt
  • Andreas H. Apelt vollendet nach 30 Jahren seine Brandenburg-Trilogie mit "Sechsunddreißig Seelen".
  • Das Buch thematisiert das Verschwinden des Dorfes Presenchen durch Kohleabbau und den Verlust der Heimat.
  • Apelt beschreibt Schicksale der Bewohner und das Gefühl der Entwurzelung in der Lausitz.
  • Der Romantitel bezieht sich auf die 36 Gerechten aus dem Talmud.
  • Apelt lebt bei Berlin und hat mehrere Romane veröffentlicht.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der eiserne Drachen hat uns die Heimat gestohlen und dafür ein Stück vom Mond geschenkt. So formuliert es einer der eigensinnigen Bewohner von Fürstlich Drehna. Sie sind in dem von einer Mondlandschaft umgebenen Ort in der Niederlausitz gestrandet, weil ihr Zuhause, das Dorf Presenchen, dem Kohlebagger im Wege war. Fast zeitgleich verschwand es mit einem ganzen Land. So unterschiedlich die Leute dort auch sind, in einem Gefühl sind sie sich einig: „Heimat ist das, was es nicht mehr gibt“.

Andreas H. Apelt schreibt in seinem Roman „Sechsunddreißig Seelen“ gegen das Vergessen an. Und während er von Elli Noack erzählt, die mit den Verblichenen redet oder von dem blinden Lemkas, der die Heimat im Kopf trägt wie ein Bücherregal, erweitert sich der Satz: „Heimat ist da, wo drei Dinge sind: unsere Erinnerungen, unsere Unschuld, unsere Toten.“

Seit 30 Jahren beschäftigt sich Apelt mit der Lausitz

Es sind Erinnerungen, die man nicht abstreifen kann wie ein verschlissenes Kleidungsstück. Seit 30 Jahren beschäftigt sich der in der Nähe aufgewachsene Autor mit diesem besonderen Menschenschlag. Nicht gefeit vor Verheißungen und Systemen der Unterordnung, streuen die Menschen der geschundenen Region auf ihre Weise Sand ins Getriebe.

Andreas Apelt

In Luckau geboren, im 300-Seelen-Dorf Zinnitz aufgewachsen: Autor Andreas H. Apelt kennt die Lausitz.

Andreas H. Apelt

Der Romantitel ist nicht von ungefähr gewählt. Er spielt an auf die 36 Gerechten, von denen der Talmud berichtet. 36 Auserwählte, die die Welt retten können, auch wenn sie selbst nicht ohne Sünde sind. 36 Einwohner soll es in Presenchen gegeben haben, heißt es im Roman. Und darin findet Hülsmann, der aus Berlin kommt, wo er wie Apelt Kulissenschieber bei der Volksbühne war, nicht nur ein altes Anwesen voller Geheimnisse, sondern auch eine Fülle geheimnisvoller Stoffe und literarischer Figuren.

Wie in einem Brennglas spiegelt sich an diesem Ort die Geschichte eines Jahrhunderts. „Welttheater in einem vergessenen Dorf“ wird Hülsmann schreiben. Widerspenstigkeit ist den Leuten hier zugewachsen in den Jahren, als sie zusehen mussten, wie der Tagebau nicht nur Landschaft zerstörte, sondern auch ihre eigenen Wurzeln kappte. Auch in der neuen Zeit ist Entwurzelung, Ausgeliefertsein spürbar. Die kleinen Leute widersetzen sich den Zeitläuften auf ihre Weise.

Einfach die Zeit anhalten

Da ist der arbeitslose Forstarbeiter Friedhelm, der mit Eicheln und Kastanien gegen die Kippe kämpft aber der Abbruchkante nicht standhält. Oder der Klose, der ein Bein in Stalingrad verlor und seine Schwägerin im sibirischen Arbeitslager. Einbeinig stemmt er sich gegen ein Veteranentreffen der Stasi. Die alte Schüllermann hält mit den Uhren einfach die Zeit an.

Noacks sind ein Kapitel für sich. Die alte Noack, unbestritten die Heldin des Romans, hat die Grabsteine ihrer Toten mit nach Fürstlich Drehna genommen. Der behinderte Sohn kam während der Nazizeit aus dem Sanatorium nicht zurück. Die eine Tochter wurde bei Kriegsende von Russen vergewaltigt und ging ins Wasser. Die andere ging in den Westen. Sie ließ einen Sohn zurück, der starb später im Suff. Auch der andere Enkel Helmut spricht mehr dem Alkohol zu, als ihr lieb ist, seitdem er sein Autohaus in den Drehnaer Sand gesetzt hat. Und doch flackert auch in seinem Scheitern noch ein Fünkchen Aufbegehren, gibt es Hoffnung, dass auch er das Schicksal in die eigenen Hände nehmen kann.

Mit vielen Figuren ist es eine Wiederbegegnung aus den Romanen „Schneewalzer“ 1997 und „Schwarzer Herbst“ 2010. Und so vollendet Andreas H. Apelt seine brandenburgische Trilogie. Wobei jedes Buch auch für sich steht.

Im Anhang sind die Personen aufgelistet. Ähnlichkeiten mit Lebenden sind rein zufällig, versichert der Autor. Er hat ein feines Gespür für die Befindlichkeiten und die differenzierte Gemengelage dieser Region. Und doch zeichnet er nicht nur ein Piktogramm der ostdeutschen Provinz. Im Mikrokosmos Dorf verhandelt er, mitunter dramatisch wie uferlos, große Fragen der Geschichte. Spürbar wird: Der Historiker wollte wissen, wie sie sich in den Seelen der kleinen Leute spiegelt.

Andreas H. Apelt: Sechsunddreißig Seelen. Mitteldeutscher Verlag. 303 Seiten. 28 Euro. Premierenlesung ist am 6. September, 19 Uhr, in der „Alten Feuerwache“ Eichwalde.

Vom Gärtner zum Chronisten der Lausitz - Andreas H. Apelt

Andreas H. Apelt wurde in Luckau in der Niederlausitz, geboren. Aufgewachsen ist er in dem 300-Seelen-Dorf Zinnitz. Von 1974 bis 1976 absolvierte er eine Lehre als Forstfacharbeiter. Abitur an der Abendschule. Nach mehreren Ablehnungen erfolgte 1983 trotz staatsbürgerlicher Deklassierung die Immatrikulation an der Humboldt-Universität zu Berlin (Germanistik/Geschichte-Lehramt). Nach Versagen eines Forschungsstudiums zur Literaturgeschichte 1987 arbeitete Apelt als Gärtner und Hausmeister. Zugleich publizierte er in niederländischen und französischen Zeitungen, später auch in westdeutschen Zeitungen.

Apelt war Mitbegründer der Oppositionsgruppierung Demokratischer Aufbruch in der DDR und Vorstandsbevollmächtigter der Deutschen Gesellschaft, die den deutschen und europäischen Einigungsprozess befördern will. Er promovierte 2009 mit einer Arbeit über die „Opposition in der DDR…“ Sein erster Roman „Schneewalzer“ erschien 1997. Sechs weitere folgten. Apelt lebt bei Berlin.