Von Volkmar Draeger

Sein Leben böte Stoff für einen vollen Ballettabend. Giacomo Casanova, 1725 als Schauspielerkind in Venedig geboren, war Doktor der Rechte, Priester, Freimaurer und Vielreisender, der mit Jobs vom Geiger bis zum Spitzel sein Leben finanzierte, zuletzt misslauniger Bibliothekar im böhmischen Schloss Dux, wo er 1798 starb. Er traf Berühmtheiten wie Voltaire, da Ponte und Winckelmann, Friedrich II. und Katharina die Große, ohne eine Anstellung zu erhalten. Vor allem aber war Casanova ein Vielliebender und deshalb ständig Gejagter, dem die Flucht aus den Bleikammern, Venedigs Staatsgefängnis, gelang.

Dass Mauro de Candia der Versuchung widerstand, für seine Choreografie am Staatstheater Cottbus einen prallen Bilderbogen der Lebens- und Fluchtstationen dieses berühmten Abenteurers zu zeichnen, ist klug entschieden. Indes, einen Bilderbogen bieten die 70 Minuten von „Casanova“ als Gastbeitrag des Ballettchefs am Theater Osnabrück schon, einen der amourösen Art. Dass er aber jeden Anflug von Lüsternheit und Voyeurismus meidet, erhebt seine Inszenierung für die Kammerbühne zu einem ästhetischen Genuss und spricht für den Geschmack des Italieners.

Bis zur Mauer geöffnet hat er als sein eigener Ausstatter die Szene, stellt nur eine Schrägwand auf, gegenüber einen Käfig, Anspielung auf Casanovas Inhaftierung, als Voliere für kostbar exotische Vögel ebenso deutbar wie als Pavillon für Eros oder Venus aus barocken Gärten. Von stilisiert barocker Eleganz sind auch die schwarzen Fräcke, mit denen die vier Paare des Cottbuser Balletts eintreten, die Augen noch hinter Masken verborgen.

Was folgt, ist ein nobler Karneval der Liebe. Musik des Barock von Purcell über Händel und Bach bis Corelli und Vivaldi umkleidet ihn mit Wohlklang der schwelgerischen oder melancholischen Art, je nach Farbe und Duft der gerade sich anbahnenden Beziehung. Denn für de Candia ist das, was man heute mit Casanova verbindet, sein enormes Liebesbedürfnis, nur Ausgangspunkt für die Frage nach unser aller Umgang mit den zwischenmenschlichen Begegungen. Und da hat sich seit den Zeiten des großen Verführers wenig geändert.

So wird auf der in betörendes Licht gehüllten Bühne geflirtet und geschmachtet, begehrt und erfüllt. Nach dem Reigenprinzip folgen einander in stetem Belauern die Liebeleien, zunächst manierlich gebunden durch die höfische Etikette, in stehenden Bildern, im Tanz mit Frage und Antwort wie auch in der Musik. Glückliche Paare zieht es in den erotischen Freiraum Voliere. Alles bleibt jedoch edle Form, ob als Stern oder Kette, mit zarten Handfassungen, keuschen Umhebern der koketten Damen.

Unter den Soutanen-haften Fräcken lodert indes die Liebe. Eine Frau beginnt mit der Befreiung: Sie wirft ihren Rock ab und die schwarzen Pants, die Männer lassen die Fräcke fallen. War schon der erste Teil tänzerisch vielschichtig, so geht es nun in gegenwärtige Spielarten der Liebe. In seligem Tasten finden sich auch zwei Männer respektive zwei Frauen, wiewohl alles latente Suche nach Erfüllung bleibt. „Casanova“ geht damit weit über die Zeit des Namensgebers hinaus, wird zum Plädoyer für Liebe in jeglicher Gestalt. Mit wie vielen Engfassungen und Verklammerungen der Körper de Candia auch überraschen mag, so streift er doch nirgendwo die Nähe des plump Direkten.

Dem süffig organischen Fluss seiner Bewegungsfantasie folgt man willig bis zuletzt: wenn die acht Tänzer als Gefangene und Erleuchtete lässig im Käfig der Liebe posieren. Alle sind da nach einem tänzerisch anspruchsvollen Parcours zu Casanova geworden. Und haben als verschweißte Compagnie ihre Ernennung zur eigenständigen Sparte ab Beginn der Saison ein weiteres Mal glänzend bestätigt.