Von Klaus Trende

Ida Kretzschmar pfeift auf den Vorruhestand. Wobei, das stimmt nicht ganz. Denn sie kann nicht pfeifen. Ida Kretzschmar, Redakteurin der Lausitzer Rundschau, geht nach 45 Berufsjahren im selben Unternehmen in Rente. Ab heute schreibt sie „nebenbei“ für die Zeitung. Weil es nicht anders geht.

Denn Schreiben ist wie atmen oder lieben. Wer einmal damit anfängt, wird süchtig und darf nicht aufhören. Diese Zeitung und ihre Leser verdanken Ida Kretzschmar Ansehen, Maß und Eleganz. Es war und ist eine journalistische Haltung, der es in all den Jahrzehnten nicht um die „Performance“ ging, sondern um den wahrhaftigen Inhalt.

Deshalb wurde aus dem Tagesgeschäft oftmals ein dauernder Dialog mit dem Leser. Nah dran, klar und ohne Schwulst. Das wird bleiben und weiter sein. Die Zeitung, das Papier, als Begleiter und Kommentator des Alltags. Ganz unten – und mit Überblick. Weil solche Leute schreiben.

Etappen: Volontariat in der Redaktion, Studium der Journalistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig, seit 1978 LR-Redakteurin in Cottbus. Kultur, Frauen, Gesundheit und die Wochenendbeilage sind einige Felder, in denen Ida den „schönsten Beruf“ übte. Der Brandenburgische Landtagspräsident ehrte sie 1996 mit einem Sonderpreis als „Brandenburgerin des Jahres“.

Ein Glanz auch für die RUNDSCHAU. In den Achtzigern der Kampf gegen Tabus, leere Hülsen und Scheinwelten. Das war schwer und lehrreich. Dann der Systembruch 1989. Ihre größte Zeit, die Wahrheiten auf der Straße, Licht, Luft, neue alte und Jahrzehnte verschwiegene Themen, Mensch und Kohle in Proschim, Zukunft der Lausitz. Später einige brennende Themen wie Suizid, Sterbehilfe ,  Demokratie, Macht, die Finessen der Lüge und Lügner, Homosexualität, MeToo-Bewegung, Wandel im Staatstheater.

Unzählige Artikel von Ida Kretzschmar erzählen davon. Und sie geben Beispiele dafür, dass einfache Wahrheiten nie zu haben sind. Auch nicht in der Zeitung. Eine Ethik des Wortes war und ist ihr auch, sich nicht gemein machen)$ mit dem Schlechten, aber auch nicht mit dem Guten. Und trotzdem  Haltung zeigen . Die hohe Kunst des Journalismus. Und: Sie konnte zuhören vor dem Schreiben. Die Beiträge waren nicht Bebilderung der Ereignisse, sondern stets auch Entdeckungen . In der Sache wie in der Sprache.

Deshalb noch ein Wort zur Schönheit. Nur wer die Sprache küsst, kann ihr schöne Kinder machen. Ida Kretzschmar gelang das, weil sie wusste und weiß, dass man den Leser gewinnen muss. Durch unverwechselbaren Stil, durch Originalität, durch Sätze mit Muskeln und Knochen, nicht nur Haut.

Und das tat sie. 2001 Besuch bei der legendären Sozialministerin Regine Hildebrandt. Ermutigung für den Regenbogen am Himmel, trotz harter Realität. Die abenteuerliche Wirklichkeit ist und bleibt der Stoff für das Schreiben. Ich durfte mit ihr arbeiten. Danke, Ida Kretzschmar!