Von Jürgen Weser

Die Drehbuchautorin Annette Hess war am Sonntag zur ersten Lesung 2019 an der „neuen Bühne“ Senftenberg zu Gast. Mitgebracht hatte die Erfinderin der TV-Serien „Weissensee“ und „Ku’damm 56/59“ ihren ersten Roman.

„Deutsches Haus“ führt zum Beginn des Auschwitz-Prozesses 1963 nach Frankfurt am Main, taucht am Beispiel einer deutschen Familie in die gesellschaftlichen Konventionen der 60er-Jahre ein und deckt die Verdrängungsmechanismen gegenüber den Verbrechen im Dritten Reich auf. „Ich glaube, dass so etwas immer wieder passieren kann“, erklärt Annette Hess. „Dazu sind Menschen fähig“, wenn der gesellschaftliche Nährboden bereitet ist. „Sie haben ein wichtiges Buch gegen das Vergessen geschrieben“, lautet das Zuhörerfazit im Gespräch mit der Autorin.

Eva, die Protagonistin des Romans, ist eine junge Frau, naiv und unbedarft, was die Schuldfrage Deutschlands während des Nationalsozialismus betrifft. Sie wird durch Zufall als Deutsch-Polnisch-Dolmetscherin hineingeworfen in diesen Jahrhundertprozess. Evas Sorge ist zu der Zeit eigentlich, dass Jürgen aus wohlhabendem Haus, argwöhnisch von ihren Eltern beäugt, um ihre Hand anhält. Sie kann zunächst nicht glauben, was sie zu Beginn des Prozesses über die Massenverbrechen der auf der Anklagebank sitzenden gutbürgerlichen Männer hört. Sie nimmt aber die Herausforderung des Prozesses an und fühlt sich zunehmend mitschuldig. Die Zuhörer in Senftenberg bekommen anhand der Leseauszüge einen Eindruck, wie es Annette Hess mit genauer Milieubeschreibung gelingt, das kleinbürgerliche Gesellschaftspanorama mit den Lügen und Verdrängungsmechanismen vieler Deutscher und der politischen Atmosphäre der Bundesrepublik zu der Zeit zu verbinden. „Ein fesselndes und lesenswertes Buch trotz der schweren Kost von Verbrechen wie Massenvernichtungen von Menschen“, urteilt „neue-Bühne“-Dramaturgin Maren Simoneit als Moderatorin des Abends.

Bei der Beschäftigung mit der immensen Materialfülle zum Thema Auschwitzprozess, beantwortet Annette Hesse eine Zuhörerfrage, habe sie Verantwortung gegenüber dem Thema gespürt und ihr sei klar geworden, „darüber muss ich einen Roman schreiben“. Zwar habe sie zunächst an eine Fernsehserie gedacht, aber bei dem sensiblen Thema wollte sie jedes Wort selbst bestimmen und ihre Intentionen nicht durch Regisseure oder Schauspieler verändern lassen. Zu einer Verfilmung könne es nur kommen, wenn ihr als Drehbuchautorin großes Mitspracherecht eingeräumt werde. Die Zuhörer merkten am Sonntagabend, was Annette Hesse damit meint. Ihre knappe, aber anschauliche Sprache zeichnet ein genaues Bild bürgerlicher Lebensweisen der 60er-Jahre in der BRD mit typischen Wortfindungen und Floskeln der Zeit. Sie lässt ihre Hauptfigur Eva immer deutlicher erkennen, dass gegen das Lügenmeer angeschwommen werden muss. Sie stellt sich gegen ihre Familie, die Evas Teilnahme am Prozess nicht will und dagegen ist, dass sie als kommende Ehefrau überhaupt arbeitet. Sie begreift als Dolmetscherin beim Prozess, dass sich Deutschland der Schuld stellen muss.

„Danke, dass Sie trotz des Themas gekommen sind“, freut sich Annette Hess, lässt aber wohl auch Enttäuschung über die geringe Besucherzahl durchblicken. Zumal die Lesung im Rahmen des Internationalen Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar angekündigt war und am 77. Jahrestages der berüchtigten Wannseekonferenz mit den Beschlüssen zur Massenvernichtung der Juden stattfand.