Es war eine steile These des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung: Mitten in die abschließenden Beratungen der Enquete-Kommission des Brandenburger Landtages platzten die Wissenschaftler mit der Botschaft, Dörfer in Randregionen Brandenburgs aufzugeben.

Jene Studie zu den Folgen der demografischen Entwicklung in den ländlichen Räumen ist zwar zurückgezogen worden, wie Professor Klaus Friedrich, Sachverständiger in der Enquete-Kommission „Zukunft der ländlichen Regionen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels“ im Brandenburger Landtag, während der jüngsten „Cottbuser Runde“ der Adenauer-Stiftung erklärte.

Keine Selbstverwaltungsräume für Menschen

Für den über Jahre an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg lehrenden Sozialgeografen reicht das Spannungsfeld für die Perspektiven des ländlichen Raumes dennoch bis zu dieser extremen Einschätzung. Friedrich hat den Zuhörern des Forums der CDU-nahen Stiftung im Cottbuser Lindner Congress Hotel aber auch verdeutlicht, dass diese nicht von der Enquete-Kommission geteilt worden sei.

Er wehre sich gegen Selbstverwaltungsräume für Menschen, die trotz fehlender Infrastruktur auf dem Lande leben wollen. „Es geht vielmehr um Ausgewogenheit in allen Teilräumen“, erklärt Friedrich und fügt hinzu: „Dörfer müssen wieder soziale Orte werden.“

Als Mitglied jener, vom Potsdamer Landtag eingesetzten Kommission, die vor gut drei Monaten ihren 250 Seiten umfassenden Abschlussbericht vorlegte, verweist Friedrich auf eine Reihe von Erkenntnissen, die den Zuhörern in der Lausitz nicht neu sind. Überalterung, Strukturschwäche, fehlende Arbeitsplätze oder Ärztemangel sind nur einige Stichpunkte, die die Abwanderung von jungen Männern in den 1990er-Jahren einschließt.

Frauen ziehen in die größeren Städte

Später  folgen denen die Frauen. Aber: Die jungen Frauen seien weniger in der Westen, als vielmehr vom Lande in die größten Städte gezogen, resümiert die Kommission. Das lasse Rückschlüsse auf fehlende Angebote, Infrastruktur und Perspektiven im ländlichen Raum zu.

Deshalb müsse dem Gefühl, abgehängt zu sein, entgegengewirkt werden. Auch, weil das nicht nur ein Gefühl sei, sondern erlebte Realität fern der Metropolenregion Berlin. Professor Friedrich verdeutlicht zugleich, dass mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen in Deutschland (23 Millionen nach Angaben des Landkreistages) in ländlichen Regionen leben.

Und für 55 Prozent der Ostdeutschen sind die ländlichen Regionen ihr Lebens- und Siedlungsraum – im Gegensatz zu für nur 26 Prozent der Bevölkerung im Westen. Der Referent in der „Cottbuser Runde“ verweist dabei auf Bundespräsident Frank Walter Steinmeier, der der Politik beim „Zukunftsforum Ländliche Entwicklung“ auf der jüngsten Grünen Woche ins Stammbuch schrieb, dass der Staat deutschlandweit eine gute Infrastruktur gewährleisten müsse.

Menschen brauchen schnelles Internet

Denn eine gute Infrastruktur sei „mehr als Daseinsvorsorge, sie ist Dableibevorsorge“. Darauf müssen sich die Menschen aus Sicht von Steinmeier auch in ländlichen Gebieten verlassen können. Und es gehöre für ihn zu gleichwertigen Lebensverhältnissen in Stadt und Land, dass Menschen – wo immer sie leben und arbeiten – schnelles Internet brauchen.

Vor diesem Hintergrund und der mehr als 100 Handlungsempfehlungen der Brandenburger Enquete-Kommission kommt der Sozialgeograf Friedrich zu dem Schluss: „Der ländliche Raum braucht einen Anwalt.“ Und er bringt hier die wahrscheinliche neue Kenia-Koalition in Potsdam ins Spiel. „Es hat schon so viele Modellprojekte gegeben“, sagt Friedrich, „aber sie sind kaum verstetigt worden.“

Dafür gibt es von den Zuhörern ebenso Zustimmung, wie für die Forderung an die Politik, dass Dörfer nicht abgemeldet werden dürfen, sondern Unterstützung für das Dorfleben zur Gewohnheit werden müsse.

Schule, Kita und Arzt gut erreichbar

Für den Spremberger Klaus-Peter Schulze heißt das zumindest, dass Schule, Kita und Arzt gut erreichbar sein müssen. Für ihn ist deshalb der Ausbau der ländlichen Infrastruktur das A und O. Von der sozialen, über die digitale bis zur Verkehrsinfrastruktur. Und vor allem für Letztere brauche es Beschleunigung, erklärt der CDU-Bundestagsabgeordnete.

Es könne nicht sein, so der Politiker, dass der Bau der Transsibirischen Eisenbahn mit mehr als 9000 Kilometer Streckenlänge von Moskau bis Wladiwostok 25 Jahre gedauert hat, „wir aber mindestens zwölf Jahre für ein zweites Gleis von 29 Kilometern von Lübbenau bis Cottbus benötigen“. Schulze habe aber Hoffnung, dass die von den Christdemokraten im Bundestag durchgesetzte Planungsbeschleunigung für ausgewählte Strecken Früchte tragen werde.

Ein wenig beruhigt das den Unmut unter den Zuhörern. Aber sie bringen in der Fragerunde zum Ausdruck, dass sie wenig neue Erkenntnisse zur demografischen Entwicklung in der Lausitz gehört haben.

Noch mehr aber fehle es in der Politik an Umsetzung. Was dazu im möglichen Kenia-Koalitionsvertrag zu lesen sein wird – darauf sei man schon gespannt.

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Cottbus