Das Interesse an den Stasi-Akten ist auch 30 Jahre nach dem Mauerfall hoch. Im Jahr 2019 beantragten genau 56 526 Menschen einen Blick in Papiere, die die DDR-Staatssicherheit heimlich und menschenrechtswidrig über sie anlegte. Wie die Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen am Mittwoch weiter mitteilte, waren das rund 11 200 Anträge mehr als 2018. Rund 35 500 Interessierte stellten den Antrag zum ersten Mal. Die meisten Anträge auf Akteneinsicht wurde laut Behörde 1992 gestellt: Es waren damals fast 522 000.

Seit Ende 1990 gingen bis jetzt rund 3,3 Millionen solcher Anträge ein. Hinzu kamen mehr als 3,4 Millionen Ersuchen von öffentlichen und nicht öffentlichen Stellen zur Überprüfung auf eine Stasi-Tätigkeit. Außerdem wurden von 1990 bis Ende 2019 rund 512 000 Ersuchen zur Rehabilitierung von SED-Opfern eingereicht. Rund 37 000 Anträge wurden von Forschern oder Medien gestellt. Die Zahl der Anträge und Ersuchen hat sich laut Angaben seit dem Bestehen der Behörde auf rund 7,3 Millionen summiert.

Cottbus

Die meisten Anträge werden in Sachsen gestellt

Von den Bürgeranträgen sei der größte Teil erledigt, hieß es. Anträge, bei denen keine oder nur eine Stasi-Erfassung per Karteikarte vorliege, könnten in der Regel in sechs bis neun Monaten erledigt werden. Es gebe aber auch noch Fälle mit längeren Wartezeiten. Insgesamt wurden im Vorjahr knapp 64 000 Anträge und Ersuchen erledigt, davon rund 51 100 Anträge von Bürgern.

Drei Viertel aller Anträge von Bürgern wurden in den ostdeutschen Außenstellen der Bundesbehörde gestellt. Die meisten entfielen demnach auf Sachsen (864 453 Anträge seit Beginn bis Ende 2019). Danach kommt Berlin mit 815 301 Anträgen, gefolgt von Thüringen (542 557 Anträge). In Sachsen-Anhalt wurden 417 268 Anträge gestellt, in Mecklenburg-Vorpommern 362 317 sowie in Brandenburg 310 306.

Enkelgeneration stellt zunehmend Anträge auf Akteneinsicht

Zunehmend wolle die sogenannte Enkelgeneration wissen, wie die Stasi in das Leben ihrer Familien eingegriffen habe, sagte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, der Deutschen Presse-Agentur. Die nach dem Ende der DDR Geborenen stellten Anträge zu gestorbenen Angehörigen. Viele Menschen wollten aber auch erst als Rentner in die Vergangenheit blicken, so der frühere Oppositionelle.

In den Archiven gibt es mehr als 111 Kilometer gerettetes Schriftgut für die Recherche, davon 43 Kilometer Unterlagen in Berlin und 68 Kilometer in den früheren Bezirksverwaltungen der Stasi.

Davon seien 51 Kilometer bereits von der Stasi archiviert worden. Weitere 60 Kilometer Papiere wurden laut Behörde 1990 unsortiert in den Büros der Stasi gefunden. Diese Unterlagen sind derzeit zu 91 Prozent erschlossen.

Zudem gibt es Tausende Säcke mit zerrissenen, sichergestellten Stasi-Papieren. Von einst 16 000 Säcken wurde bislang lediglich der Inhalt von 520 erschlossen, das meiste per Hand.

Bei der Stasi-Unterlagen-Behörde mit ihren zwölf Außenstellen arbeiten derzeit laut Behördenangaben rund 1350 Beschäftigte.