Zwerge oder Männlein finden sich in fast allen Regionen Europas als Figuren der lokalen Sagen und Märchenwelt wieder. Sei es als Heinzelmännchen zu Köln, als Unterirdische, Wichtel oder Quergel. Auch die Lausitz bildet da keine Ausnahme, wenngleich sich die hiesigen Ludken oder Lutki – zur Schreibweise siehe weiter unten – doch in einigem von ihren kleinwüchsigen Kollegen der anderen Regionen unterscheiden.

Gemein ist allen diesen Wesen, dass sie kleiner sind als die sie umgebenden Menschen, oft handwerklich begabt, schlau und zauberkundig, bisweilen listig, geizig und tückisch, meist aber als hilfreich sind. Mit den Zwergen, wie sie uns moderne Adaptionen im Herrn der Ringe oder auch in Disney’s Schneewittchen-Verfilmung vor Augen führen, haben die Männlein der deutschen Sagenwelt aber nur begrenzt zu tun. Tolkien, der Autor des „Herrn der Ringe“ bezieht sich in seiner ungeheuer kreativen literarischen Schöpfung eher auf die sehr frühen Vorbilder der nordischen Mythologie, aus der er auch viele Namen seiner Zwerge, die als kräftige aber sture Krieger daherkommen, entnommen hat.

„Diese waren nicht groß, aber auch nicht gerade klein.“

Die Lausitzer Ludken sind da anders. Edmund Veckenstedt hat 1880 in seiner „Sammlung der Wendischen Sagen, Märchen und abergläubischen Gebräuche“ viele der lokal überlieferten Geschichten über die Ludken zusammengefasst. Auszüge daraus finden sich im folgenden Text.

So werden die Ludken etwa in Ströbitz als „kleine Menschen“ beschrieben, „nicht länger als ein Finger“. „Die Lutki sind kleine Leute mit einem großen Kopf“, heißt es in Mischen. Graue Kittel tragen sie laut der Überlieferung aus Guhrow. In Pulsberg berichten die Geschichten von blauen Kitteln und grünen oder schwarzen Zipfelmützen.

Sehr detailliert wusste man in Straupitz zu berichten: „Das Volk, welches in alten Zeiten den Spreewald bewohnt hat, sind die Ludki gewesen. Diese waren nicht groß, aber auch nicht gerade klein, sondern untersetzt und vierkantig. Sie pflegten sich in Höhlen unter der Erde aufzuhalten und kamen nur selten an die Oberwelt.“ Einen König sollen sie gehabt haben, der in Burg in einem Schloss residierte.

Erich Schneider hat 1987 in seinen „Sagen aus Heide und Spreewald“ die Ludken so beschrieben: „freundliche, dem Menschen meist wohlgesinnte Wesen“, „mal sollen sie der Sage nach rote, dann wieder weiße Kleider getragen haben“. Ihre Wohnung hatten sie meist draußen in der Natur, häufig unter Tage oder in Hügeln.

Wer sich gut mit den Lutki stellt, wird belohnt

Sie müssen wohl eher scheu gewesen sein, denn meist zeigen sie sich in den Überlieferungen nur einzelnen Menschen mit sympathischem Auftreten. Diesen erscheinen die Ludken aus dem Nichts und bringen ihnen Essen, Schätze oder andere gute Sachen. In einigen Sagen leihen sie sich auch Gegenstände der Menschen, etwa das Butterfass oder den Backtrog, und bringen diese am nächsten Tag heil zurück – nicht ohne zum Dank etwas dazulassen, etwa das Ludkenbrot, das ganz vorzüglich geschmeckt haben soll.

Unter sich sollen die Ludken sehr lustig und gesellig gewesen sein. Der Volkskundler Karl Haupt schreibt in seinem „Sagenbuch der Lausitz“ 1862: „Sie waren auch Spielleute und spielten eine Art Hackbrett oder Cymbal mit Tangenten. Daher besuchten sie als Musikanten und manchmal auch als Tänzerinnen und Tänzer die Freudenfeste der Menschen und brachten dann immer Geschenke mit.“

„Die Lutki haben ihre Sprache für sich gehabt“

Auffälliges Merkmal der Lausitzer Männlein ist ihre Sprache. In Branitz erzählte man sich: „Die Ludki haben ihre Sprache für sich gehabt. Man hat dieselbe nur mit Mühe verstehen können. Wendisch haben sie zwar gesprochen, aber sie sagten jeden Satz rückwärts und brachten die Worte in verkehrter Ordnung.“ Die Sprache sei so ähnlich gewesen wie die der Kinder, berichtet die Sage aus Berge. „Sie sagten zum Beispiel nicht ‚Wir können kein Brot backen’ sondern ‚Brot backen nicht’“.

Charakteristisch scheint ein Hang zur Verneinung gewesen zu sein, wie Erich Schneider erläutert: „Wir wollen nicht haben Euren Nichtbacktrog“. Ähnliches weiß man aus Schorbus zu berichten: „Die Ludki haben eine eigene Sprache gehabt. Jedes Wort haben sie nämlich erst in bejahendem Sinne gesagt, und dann in verneinendem wiederholt.“

Aber was hat es mit ihrem Namen selbst auf sich? Ludken, Lutki, Lüttchen oder ähnliche Schreibweisen sind bekannt, sowohl mit d als auch mit t. Es handelt sich dabei wohl um die „Verkleinerungsform des slawischen Wortes lüd, das Volk“, wie Heinrich Bauer 1954 in „Die Mark Brandenburg – Geschichte einer deutschen Landschaft“ schreibt. Auch Verweise auf das vor allem in Norddeutschland gebrauchte Wort für „klein“ – „lütt“ – finden sich in der Literatur.

Eine Tarnkappe wie Alberich der Zwerg

Zauberwesen sind die Ludken in den Lausitzer Sagen eher selten, einigen soll es aber möglich gewesen sein, das Backfass ganz von alleine rollen zu lassen. Aus Burg gibt es eine Geschichte, in der ein Ludk immer heimlich Erbsen von einem Feld klaute, aber nie zu sehen war. Als sich der Bauer mit dem Dreschflegel auf die Lauer legte, erwischte er den unsichtbaren Dieb, der darauf seine „Nebelkappe“ verlor – hier ist eine Ähnlichkeit zur Niebelungensage erkennbar. Auch dort hat der Zwerg Alberich eine Tarnkappe, die ihn unsichtbar macht.

Auch in weiteren Lausitzer Geschichten finden sich Parallelen zu Märchen anderer Regionen. So ist aus Kalkwitz bei Vetschau die Geschichte von zwei Kindern überliefert, die im Haus der 13 Ludken Unterschlupf finden. Zwei Mal kommen böse Menschen von außerhalb, die das Mädchen zunächst mit einer Nadel, dann mit einem Apfel vergiften wollen. Die Ähnlichkeit zum Grimm’schen Märchen vom Schneewittchen ist deutlich. Nur heiratet sie in der Lausitzer Fassung einen der Ludki. Auch zu den stets hilfsbereiten Heinzelmännchen zu Köln finden sich Ähnlichkeiten in einigen Geschichten der Ludken.

Die Glocken haben die Lutki vertrieben

„Oh weh, nun sind sie alle fort und keines ist mehr hier am Ort“, heißt es am Ende der Heinzelmännchen. Auch das haben sie mit den Ludken gemein. Viele lokale Sagen berichten davon, dass die Lausitzer Zwerge verschwunden sind. Manchmal sind es Hunde, deren Gebell sie verschreckt hat, so etwa in Kolkwitz. Weitaus häufiger sind es aber die Glocken der Kirchen. In Stradow erzählt man, dass Ende der Ludken sei gekommen, als in der Kirche „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ angestimmt wurde.

Vermutlich ist darin die zunehmende Christianisierung der Lausitz wiederzuerkennen, die althergebrachten Aberglauben und Geschichten allmählich verdrängte. Missionare haben vielerorts versucht, heidnische Plätze durch christliche Kirchen zu ersetzen, nicht immer ging es dabei friedlich zu. Das kommt auch in der Überlieferung aus Leuthen zum Ausdruck, wo die Ludki vom Kirchberg sich einen Kampf mit denen von der Schanze liefern: „Und alle Ludki sind in der Schlacht gefallen.“

In Groß-Buckow soll eine der ersten Glocken aufgehängt worden sein. Da suchten sich die Ludken der Sage nach einen großen Stein, um diese zu zerschlagen. Als die Dorfbewohner die wütenden kleinen Leute mit dem großen Stein kommen sahen, läuteten sie in ihrer Angst die Glocke. „Dadurch wurde die Macht der Ludki gebrochen. Diese ließen den Stein fallen und verschwanden auf immer aus dieser Gegend.“

Wie Guben zu seinem Namen kam

Anschaulich ist in diesem Zusammenhang auch die Annekdote aus Cottbus: „Als in Cottbus zuerst die Glocken geläutet wurden, riefen die Ludki ‚sgubila’, ‚sgubila’, das heißt ‚Wir sind verloren’ – und liefen erschreckt davon. Von diesem Ausruf soll Guben seinen Namen haben.“ In der gleichen Quelle ist auch angegeben, wohin die Ludken flohen, „nach Afrika“.

In Berge bei Forst sollen sie sich hingegen noch gezeigt haben, als sie schon überall sonst verschwunden waren. Demnach wären die Ludtken in Richtung Polen geflohen. Bei Kölzig sollen sie dabei ihren Schatz zurückgelassen haben, unter der Erde. Noch heute färbe sich an dieser Stelle das Gras gelb, so zahlreich seien die Schätze, die dort unterirdisch lagern.

Die letzte Erwähnung der Ludki stammt aus Keune bei Forst. Dort soll 1861 „und zwar des Mittags von zwölf bis ein Uhr“ ein kleiner Mann und eine kleine Frau gesichtet worden sein. „Da diese zur Hochzeit gewesen waren, so hatten sie Feierkleider an“, ist bei Edmund Veckenstedt nachzulesen. „Die Ludki haben Musik gemacht und getanzt“ – ein schöner Abgang.

Lausitzer Geschichte


Mehr zur Lausitzer Geschichte gibt es ebenfalls im Internet unter www.lr-online.de/geschichte