Kriminalität in Berlin
: Kinderhandel – vom Stricher-Jungen bis zur Haus-Sklavin

InterviewKriminalität in Berlin: Kinder werden zur Prostitution oder Kinderarbeit gezwungen. Erstmals widmet sich eine Beratungsstelle den Opfern von Kinderhandel.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Ein kleines Mädchen macht Straßenmusik. Innerhalb der EU verschwinden alljährlich zahllose Kinder, die möglicherweise Opfer des Menschenhandels wurden. Manche landen auch in Deutschland.

Ein kleines Mädchen macht Straßenmusik. Innerhalb der EU verschwinden alljährlich zahllose Kinder, die möglicherweise Opfer des Kinderhandels wurden. Manche landen auch in Berlin.

Rainer Jensen/dpa

In Berlin eröffnet heute die bundesweit erste Fachberatungs- und Koordinierungsstelle bei Handel mit und Ausbeutung von Minderjährigen. Leiterin Martina Döcker berichtet im Interview, wie und wo in Berlin Menschenhandel mit Kindern und Jugendlichen betrieben wird.

Frau Döcker, heute feiert IN VIA Berlin die offizielle Eröffnung der ersten Beratungsstelle zum Thema Menschenhandel und Ausbeutung von Minderjährigen. Sind solche Fälle in Deutschland nicht eher Ausnahmen?

Marina Döcker: Im vergangenen Jahr wurden bundesweit 226 minderjährige Betroffene in 186 abgeschlossenen Ermittlungsverfahren gezählt. Das sind aber nur die registrierten Fälle, die im Bundeslagebild „Menschenhandel und Ausbeutung“ auftauchen. Dazu gibt es ein großes Dunkelfeld, da diese Fälle meist nur auffallen, wenn die Polizei genau kontrolliert.

Schwere Kindeswohlverletzungen in Berlin

Welche Formen von Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen gibt es in Berlin?

Zu den schweren Straftaten gehören sexuelle Ausbeutung, aber auch die Ausbeutung durch Arbeit zum Beispiel in Restaurants oder Nagelstudios. Dann gibt es die Kinder und Jugendlichen, die zum Betteln gezwungen werden und abends einen bestimmten Betrag abgeben müssen. Aber auch der illegale Adoptionshandel oder die Zwangsheirat sind schwere Kindeswohlverletzungen und gehören in den Bereich des Kinderschutzes.

Geht es dabei um organisierte Kriminalität oder eher familiäre Ausbeutung?

Beides. In Berlin gibt es zum Beispiel die Gruppe von jungen Rumänen, die werden im Familienkreis mehrere Monate nach Berlin geholt und zur Prostitution gezwungen. Es wird von ihnen jedenfalls erwartet, dass sie sich unter anderem im Schöneberger Regenbogenkiez oder im Tiergarten Männern anbieten, wie schon ihre Brüder und Cousins. Das Geld dürfen die Jungen nicht behalten.

Kriminalität: Gewalt, Macht und Abhängigkeit

Womit werden die Kinder und Jugendlichen unter Druck gesetzt?

Die Druckmittel müssen hier nicht zwangsläufig Gewalt und Bedrohung sein. Bei Minderjährigen herrscht meist sowieso schon ein Machtungleichgewicht zu den Erwachsenen. Oft spielt bei den Opfern auch ein emotionales Abhängigkeitsverhältnis zu den Tätern eine Rolle. Schon die Rekrutierung von Minderjährigen mit der Absicht zur Ausbeutung gilt deshalb als schwere Straftat.

Warum werden diese Taten so selten geahndet?

Es braucht eine Aussage vom Opfer. Doch die meisten Kinder und Jugendlichen offenbaren sich nicht, aus Scham, aber auch wegen Sprachbarrieren. Die Menschenhändler haben ihnen eingetrichtert: Vertraue keinen Behörden. Manchmal wird zusätzlich auch die Familie im Heimatland bedroht.

Spielt auch schon Sucht eine Rolle?

Eine aktuelle Problematik sind deutsche in Berlin lebende Minderjährige, die eine Suchtproblematik haben und die aus dem Suchtdruck in Hände von Menschenhändlern fallen und sexuell ausgebeutet werden. Da weiß man dann irgendwann nicht mehr, ob sich die Betroffenen prostituieren, um die Sucht zu finanzieren, oder sich betäuben, um die sexuelle Ausbeutung auszuhalten.

Wie soll man als Passant reagieren, wenn man so etwas bemerkt?

Man kann immer die Polizei anrufen oder das Jugendamt im zuständigen Bezirk informieren. In unserer neuen Beratungsstelle haben wir unter anderem nun auch offiziell den Auftrag, zum Beispiel Schulen und Pädagogen für das Thema zu sensibilisieren. Ich glaube, es ist noch nicht so in den Köpfen präsent, dass es hier nicht um Einzelfälle geht, sondern um ein lukratives Geschäftsfeld für Kriminelle.

Rekrutierung von Kindern im Internet

Was spielt das Internet dabei für eine Rolle?

Durch Corona gab es die Entwicklung, dass sich viel in Wohnungen und Hotels verlagert hat. Dazu findet die Rekrutierung der Kinder und Jugendlichen immer häufiger im Internet statt. Das funktioniert ziemlich schnell über Spiele und Profile in den sozialen Medien. Häufig wird dann eine Liebesbeziehung vorgegaukelt und es werden schnell Fotos mit sexuellen Inhalten verschickt. Diese werden dann wiederum genutzt, um Druck aufzubauen.

Zur Person

Martina Döcker ist Leiterin der neuen Fachberatungs- und Koordinierungsstelle bei Handel mit und Ausbeutung von Minderjährigen. Die Diplom-Sozialpädagogin war viele Jahre im internationalen Sozialdienst in der länderübergreifenden Jugendhilfe tätig. Die gebürtige Münsterländerin lebt seit 2009 in Berlin.

Gibt es noch die klassische Loverboy-Methode?

Ja, dass Männer ihre Opfer erst emotional abhängig machen und dann zur Prostitution zwingen, ist immer noch eine gängige Methode, die vor allem auch deutsche Mädchen betrifft. Häufig kommen die Opfer schon aus prekären Familienverhältnissen. Das gilt auch für die Mädchen und Jungen, die im Ausland angeworben werden. Das sind oft Kinder und Jugendliche aus sehr armen Familien. Ihnen werden der Besuch einer guten Schule oder eine Ausbildung versprochen. Manche landen dann auch in Privathaushalten und werden dort völlig isoliert als Dienstmagd oder Kindermädchen wie eine Sklavin gehalten. Das alles findet im Verborgenen statt.

Woher stammen die Kinder?

Aus welchen Ländern werden die Mädchen und Jungen nach Deutschland geholt?

Viele kommen aus Osteuropa, neben Rumänien aus Bulgarien, Ungarn und Tschechien. Aber auch aus Ländern wie Nigeria und den nordafrikanischen Magreb-Staaten.

Sind die Behörden, zum Beispiel an der Grenze zu Polen, darauf eingestellt?

Bei Kontrollen von Schleusungen wurden wohl auch schon unbegleitete Minderjährige entdeckt. In solchen Fällen findet eine Inobhutnahme durch den Kindernotdienst statt. Problematisch ist, dass Minderjährige aber auch von dort entweichen und ihr weiterer Aufenthalt unbekannt ist. Dann können die Minderjährigen nicht mehr geschützt werden.

Wie kann das passieren?

Die Kindernotdienste oder andere Unterbringungen sind ja keine geschlossenen Einrichtungen. Zudem muss erst einmal ein Dolmetscher besorgt und geklärt werden: woher kommen die Kinder, wo sind die Eltern? Doch bis das geschieht, sind die Kinder häufig wieder verschwunden. Wir haben es hier mit größeren, internationalen Täter-Netzwerken zu tun. Auch wenn der Fahrer verhaftet wird, gibt es noch genug Hinterleute, die weiter operieren. Mithilfe von Handy und GPS können sie die Opfer zudem zu Treffpunkten schicken, ohne dass überhaupt eine persönliche Begegnung stattfinden muss.

Hilfe gegen den Kinderhandel in Berlin

Was muss passieren, um den Kindern und Jugendlichen besser zu helfen?

Wir brauchen unter anderem spezifische Angebote für die Unterbringung der Betroffenen mit geeignetem Personal, das sich auskennt und besonders für diese Fälle geschult ist. Um den Betroffenen sichere Zukunftsperspektiven aufzuzeigen, müssen Jugendhilfe, Strafermittlung und Opferschutz zusammenarbeiten. Dass diese Hilfen besser ineinandergreifen, ist eines der Hauptziele unserer neuen Beratungsstelle.

Die Beratungsstelle

Die neue Fachberatungs- und Koordinierungsstelle in der Residenzstraße 90 in Berlin-Mitte ist bundesweit die erste Anlaufstelle mit einem spezialisierten Beratungsangebot für minderjährige Betroffene von Menschenhandel und wird von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie gefördert.

Träger ist IN VIA Katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit für das Erzbistum Berlin. Der Verband bietet in Berlin seit mehr als 25 Jahren Frauen, die von Menschenhandel betroffen sind, Beratung und Begleitung an. Im Jahr 2010 etablierte IN VIA Berlin außerdem eine Beratungsstelle für Betroffene von Menschenhandel im Land Brandenburg und unterstützt Frauen im Bereich der Sexarbeit in der Grenzregion zu Polen mit Streetwork sowie HIV-/Aidsprävention.

Ziele der neuen Beratungsstelle sind das frühzeitige Erkennen und Identifizieren betroffener Kinder und Jugendlicher sowie der Kinderschutz. Die Mitarbeiter beraten Betroffene und zeigen ihnen geeigneten Hilfen auf.