Inkontinenz: Nervöse Blase – was hilft gegen unkontrolliertes Wasserlassen

Unkontrollierter Harndrang kann einen großen Leidensdruck verursachen. Es gibt verschiedene Lösungen, hier Erleichterung zu schaffen. Oft ist viel Geduld nötig. Fragen und Antworten.
Inga Kjer/dpaEgal, ob eine vorhergehende Operation, eine Vorerkrankung, viele Geburten oder einfach das Alter Auslöser sind – Inkontinenz betrifft viele Menschen, auch wenn es oft nicht zugegeben wird. Sie kann nicht immer vollständig behoben werden.
Aber welche Lösungen individuell große Erleichterung bringen können, dazu sprachen die Fachärzte Katharina Burdack und Dr. Sören Promnitz am Lesertelefon. Wir veröffentlichen eine Auswahl der Fragen und Antworten.
Seit etwa drei Wochen habe ich plötzlich Probleme mit der Blase, kann das Wasser nicht mehr halten. Was könnte das sein?
Zuerst würde ich an eine Entzündung denken, denn andere Formen von Inkontinenz kommen schleichend, nicht plötzlich. Gehen Sie dringend zu Ihrem Hausarzt und lassen einen Urinstatus machen. Wichtig ist auch: Trinken Sie trotzdem viel. Der Hausarzt entscheidet dann, ob Antibiotika notwendig sein könnten oder die Laborergebnisse ein anders Reagieren notwendig machen.
Inkontinenz – Beckenboden „altert“ mit
Ich muss nachts mindestens einmal zur Toilette. In der Werbung ist immer zu sehen, dass man etwas dagegen tun sollte. Wären also Tabletten ratsam?
Solange Sie nur einmal nachts zur Toilette müssen, Sie das nicht übermäßig nervt und Sie vor allem danach wieder einschlafen können, würde ich noch nicht zum Gegensteuern raten. Dafür bleibt Zeit, wenn Sie mehrfach aufstehen müssen. Man sollte immer nur dann therapieren, wenn etwas als störend oder belastend empfunden wird.
Mit meinen 90 Jahren habe ich Probleme mit dem Halten des Urins, vor allem beim Bücken oder Heben. Mein Facharzt stellte nach Untersuchungen fest, dass meine Niere dagegen wie die eines jungen Mädchens arbeitet. Kann man die Inkontinenz irgendwie noch beheben und vor allem ohne eine Operation?
Ihre Schilderung deutet auf eine Stress- und Dranginkontinenz hin, wenn andere Probleme durch gynäkologische Untersuchungen ausgeschlossen werden konnten. Auch hat dies nichts mit der Niere zu tun. Das Problem ist wohl auch nicht die Blase. Der Schließmuskel ist natürlich mitgealtert, arbeitet nicht mehr ausreichend.
Mit „schuldig“ ist garantiert auch der Beckenboden. Heutzutage gibt es eine sehr gute Vorlagenversorgung, dies minimiert etwas Ihre Einschränkungen. Und wenn Sie wirklich mal ohne diese auskommen wollen, dann gibt es temporäre Alternativen in Form von Pessaren.
Hilfe für Frauen durch Pessare
Zu meiner langjährigen Inkontinenz sind Schmerzen beim Wasserlassen dazu gekommen. Der Hausarzt hat eine deutliche Senkung des Beckenbodens festgestellt. Ich habe jetzt einen Termin beim Frauenarzt. Was erwartet mich dort?
Wenn Sie jahrelang nicht bei einem Frauenarzt waren, steht zunächst eine Vorsorgeuntersuchung an. Die Frauenärztin untersucht, ob im Gebärmutterhals alles in Ordnung ist oder ob sich etwas gesenkt hat. Wenn es einen Befund wie zum Beispiel eine Senkung gibt, werden Sie zu einer Urogynäkologin überwiesen. Sie entscheidet, ob eine Operation nötig ist oder ob zuvor ein Pessar eingesetzt werden kann.
Ein Pessar kann man sich wie einen etwas größeren Tampon vorstellen. Er wird in die Vagina geschoben und schiebt die Gebärmutter oder das Scheidenende nach oben. Dadurch wird auch die Harnröhre unterstützt und man verliert deutlich weniger Urin. Viele Frauen sind mit einem Pessar oft viele Jahre zufrieden.
Nutzung eine Frage des Alters
Silikonwürfelpessare werden morgens in die Vagina eingeführt und abends wieder entfernt. Schalenpessare hingegen werden durch Ihre Ärztin eingelegt und müssen spätestens alle sechs bis Wochen, anfangs alle vier Wochen, von Ihrer Frauenärztin gewechselt werden. Bei Frauen in hohem Alter halten die Pessare vielleicht nicht mehr. Dann kommt in Abhängigkeit von Vorerkrankungen eventuell eine Operation infrage.
Warum Sie Schmerzen beim Wasserlassen haben, ist abzuklären. Es ist möglich, dass Sie durch die Senkung die Blase nicht ganz entleeren können. Dann empfiehlt sich eine Überweisung in eine Beckenboden-Sprechstunde.

Katharina Burdack ist Fachärztin für Frauenheilkunde an der Carl-Thiem-Klinikum Cottbus gGmbH
Christiane Weiland/Carl-Thiem-Klinikum Cottbus gGmbHWas bewirkt ein Blasenschrittmacher?
Nachdem ich jahrelang wegen meiner Inkontinenz das Medikament Vesikur eingenommen habe, wurde ich vor vier Wochen operiert und habe Botox gespritzt bekommen. Ich bin so lala zufrieden. Wie lange muss ich mich gedulden, bis eine Besserung einsetzt? Mein Arzt hat mir geraten, mir nach sechs Monaten einen Blasenschrittmacher einsetzen zu lassen.
Die Botox-Wirkung setzt mit Verzug ein, eventuell erst nach zwei Wochen. Sie lässt nach sechs bis acht Monaten wieder nach. Sie können Vesikur weiter einnehmen, außer wenn Sie starke Nebenwirkungen haben. Jedoch sollte vorab kontrolliert werden, ob sich Ihre Blase ganz entleert, hierbei ist ein Restharn von bis zu 100 Milliliter akzeptabel.
Ob ein Blasen-Schrittmacher etwas bringt, wird vorab in einer implantierenden Klinik, zum Beispiel in Berlin, getestet. Hierbei werden vorerst Testelektroden im Bereich des Kreuzbeines eingesetzt. Für gewöhnlich bleiben Sie vier bis fünf Tage stationär, um die Signalabgabe einzustellen, bis ein Effekt zu bemerken ist.
Erst wenn der Test positiv ausfällt und Sie das Gerät bedienen können, wird ein kleiner Generator in die Gesäßhälfte eingesetzt, der Stromsignale in das Rückenmark abgibt. Es gibt für gewöhnlich vier Programme, welche die Stromintensität modulieren. Diese können relativ einfach mit einer kleinen Fernbedienung gewechselt werden.
Nachts muss ich alle zwei Stunden raus zur Toilette, dann kommt nur ein dünner Strahl, nach kurzer Zeit dasselbe Prozedere. Mein Neurologe hat mir ein Medikament verschrieben, aber der Harndrang nervt sehr. Was könnte ich noch unternehmen, nachdem alle Empfehlungen aus der Apotheke auch keine wirkliche Änderung bewirkt haben?
Sprechen Sie das Problem bei Ihrem Urologen an und äußern ganz deutlich Ihre Unzufriedenheit mit diesem belastenden Zustand. Das Medikament des Neurologen dient nur der Beruhigung. Ihrer Schilderung nach liegt das medizinische Grundproblem wohl eher in einer vergrößerten Prostata und einer daraus folgenden ungenügenden Harnentleerung der Blase.
Das ist messbar und auch behandelbar. Um erst einmal Ruhe zu bekommen, müssten Sie im Gespräch mit Ihrem Urologen ein helfendes Medikament finden. Das muss nicht beim ersten Versuch klappen. Zum Einstieg kann es aber hilfreich sein.
Hilfe bei Inkontinenz – Band um die Harnröhre
Ein Band um die Harnröhre soll helfen, dass ich als Frau keine Inkontinenzprobleme mehr habe. Wie funktioniert das genau?
Der Beckenboden ist im fortgeschrittenen Alter natürlich nicht mehr unter jugendlich-dynamischer Anspannung. Bei Frauen kommt hinzu, dass durch die Schwangerschaften, also durch das Gewicht der heranreifenden Kinder, und die Geburt, weitere Belastungen erfolgten. Deshalb ist später oftmals der Schließmuskel nicht mehr in der Position, wo er hingehört, um bestens zu funktionieren.
Bei Inkontinenz als eine der Folgen legt man ein spezielles Band um die Harnröhre, das TVT – Tension-free Vaginal Tape. Stellen Sie sich das bildlich vor wie ein Stück Maschendrahtzaun, das um die Harnröhre gelegt wird. Ihr Körper erzeugt daraufhin Bindegewebe und umwächst „den Zaun“. Dadurch entsteht nach gewisser Zeit eine Art Zug und dieser hebt den Schließmuskel wieder in etwa an die verloren gegangene Position.
Die Erfolgsquote derartiger Eingriffe liegt bei etwa 70 Prozent. Ich kenne Beispiele, da haben Patientinnen, die auch im höheren Alter noch sehr aktiv sind, diesen Eingriff sogar nach zehn bis fünfzehn Jahren wiederholen lassen, um eine erneute Stabilisierung zu erreichen.
Eine Blasenspiegelung hat ergeben, dass alles in Ordnung ist. Ich muss aber nachts oft raus und dann pieselt wiederum nur ein bisschen Urin. Der Frauenarzt hat mir Vaginalzäpfchen verschrieben und Medikamente zur Blasenberuhigung. Die haben aber nichts gebracht.
Wenn ein Medikament nicht hilft, bringt ein Wirkstoffwechsel manchmal etwas. Man muss die Medikamente aber mindestens 14 Tage lang nehmen.
Bei einer Blasenspiegelung kann man eine schwere Beckenbodensenkung erkennen. Sie ersetzt eine urogynäkologische Untersuchung bei Ihrer Frauenärztin oder bei einer Urogynäkologin nicht. Ihre Inkontinenz kann verschiedene Ursachen haben. Vielleicht lagert sich in Ihrem Körper am Tage viel Wasser ein, was nachts über die Herzleistung/Nieren wieder ausgeschieden wird. Oder Sie verteilen Ihre Trinkmenge ungünstig, trinken also am Abend mehr als tagsüber.
Ich rate dazu, ein Miktionstagebuch zu führen. Miktion bedeutet einfach beschrieben Entleerung der Harnblase. Vorlagen kann man sich im Internet von der Seite der Deutschen Gesellschaft für Inkontinenz herunterladen. Sie halten dann fest, wie oft Sie am Tage und nachts auf Toilette gehen, dazu die Uhrzeit. Aufgeschrieben wird auch, wann man etwas trinkt und wie viel.
Es hilft in der Beckenbodensprechstunde auch, wenn Sie in Millilitern messen, wie viel Wasser Sie lassen (z.B. durch Urinieren in einen Messbecher). So kann auch abgeschätzt werden, welche Kapazität Ihre Blase hat. Normalerweise reichen zwei Tage Dokumentation aus.
Urindrang bei Wasserplätschern
Ist es normal, dass ich einen Wasserhahn sehe oder höre und schon Urindrang verspüre?
Das nennt man operante Konditionierung oder Pawlowscher Reflex. Das ist nicht krankhaft, solange Sie das selbst mit Humor nehmen können, es nicht vorrangig als störend empfinden. Der Harndrang entsteht nur, wenn auch Urin in der Blase ist und dann kommt es zu dem beschriebenen Reflex. Ihre Sensoren reagieren, die Antennen sind nach innen gerichtet und das Plätschern löst eine körperliche Reaktion bei Ihnen aus.
Wegen einer Lungenkrebserkrankung hatten sich Metastasen im fünften Lendenwirbel gebildet. Ich wurde deshalb vor einigen Jahren bestrahlt. Kann es einen Zusammenhang damit geben, dass ich mich neuerdings inkontinent fühle? Mein Arzt hat mir das Medikament Spasmex verordnet.
Ein akuter Zusammenhang mit der Bestrahlung des Lendenwirbels ist unwahrscheinlich. Probieren Sie das Medikament gerne aus, die Wirkung setzt normalerweise nach ein bis zwei Wochen ein. Es führt dazu, dass sich der Blasenmuskel entspannt und der Blasendruck nicht mehr so hoch ist. Nicht nehmen sollte man das Medikament bei hohem Augeninnendruck oder einer Restharnbildung.

Dr. Sören Promnitz ist Facharzt für Urologie/ Medikamentöse Tumortherapie und Chefarzt der Klinik für Urologie im Klinikum Frankfurt (Oder)
Sophie Keller/Klinikum Frankfurt (Oder)Es gibt auch die Möglichkeit, die Wirkstoffklasse zu wechseln, wie z.B. auf den Wirkstoff Mirabegron (Handelsname z.B. Betmiga). Das kann wiederum Blutdruckentgleisungen verursachen. Deshalb muss man hier in der Anfangsphase öfter seinen Blutdruck messen.
Ihre Drangblase kann mit der Chemotherapie und der Bestrahlung zusammenhängen, die zu einer extremen Scheidentrockenheit führen kann. Wenn die Scheide gereizt ist, ist die Blase oft auch gereizt. Dagegen lässt sich mit Medikamenten etwas vorgehen.
Zusammenhang mit Krebserkrankung
Vor gut 20 Jahren ist mir mit einer Blasenspiegelung ein Tumor entfernt worden. Die OP war gut verlaufen, aber seit mehreren Monaten kann ich ohne Einlagen nichts mehr tun. Ich fließe aus, als ob ein Wasserhahn nicht richtig zugedreht ist. Nachts habe ich keine Probleme.
Ihr erster Weg sollte Sie zu einem Urologen führen. Der kann abklären, ob sich vielleicht wieder ein Tumor gebildet hat.
Ihre Beschreibung hört sich nach einer Belastungsinkontinenz an. Dazu kommt es, wenn der Harnröhrenverschluss nicht mehr richtig funktioniert. Das Problem kann man relativ einfach operativ lösen (z.B. mit einer Gel-Depot-Spritze oder einem Blasenband). Sie können auch ausprobieren, ob ein Pessarwürfel hilft.
Ich hatte Probleme beim Wasserlassen und wurde deshalb an der Prostata operiert. Der erste Versuch war nicht so erfolgreich wie gedacht, aber es wurde ein Tumor entdeckt und entfernt. Nach der zweiten Operation und den Krebstherapien leide ich unter Inkontinenz. Eine weitere Operation will ich mit meinen 87 Jahren nicht. Was wäre noch möglich, denn ich empfinde die Situation als belastend, verlasse kaum noch die Wohnung.
Ihre Überlegung mit dem Blick auf eine weitere Operation ist in Ihrem Alter nachvollziehbar. Aber ich sehe durchaus Besserungsmöglichkeiten. Wenn Sie vor den erfolgten Operationen lange auf einen Katheter angewiesen waren, dann hat dieses Hilfsmittel alles überbrückt und der Schließmuskel war relativ untätig.
Den untrainierten Muskel kann man mit Beckenbodentraining wieder erfolgreich stärken. Sprechen Sie mit Ihrem Urologen, lassen Sie sich zu einem Physiotherapeuten überweisen. Bei diesem erlernen Sie Übungen, die Sie konsequent selbstständig täglich ausführen müssen. Aus Erfahrung weiß ich, dass Patienten mit Geduld und Fleiß Erfolge erzielen konnten.
Zusätzlich kann der Urologe Ihnen Medikamente verschreiben, die – vereinfacht gesagt – die Kraft der Blase etwas senken, bis die Muskulatur des Schließmuskels wieder besser trainiert ist.
Herzprobleme als Ursache für nächtliche Inkontinenz
Nach zwei Eingriffen an der Prostata kann ich Wasser einfach nicht halten. Medikamente brachten keine Besserung bisher. Gibt es trotz meines Alters noch Hoffnung, dass ich wieder mal ohne Vorlagen leben kann?
Eindeutig ja, aber das verlangt Geduld und diszipliniertes Üben von Ihnen, denn im Alter hat jeder menschliche Körper eine geringere Reparaturgeschwindigkeit. Deshalb machen Sie sich zuerst einmal den Zustand vor der Prostataoperation klar. Die Blase musste gegen einen stetig ansteigenden Druck arbeiten, wurde wie ein Bodybuilder entsprechend trainiert, also gestärkt.
Nach der Operation war dieser Gegendruck plötzlich weg. Die Kraft der Blase änderte sich nicht. Der Schließmuskel muss also erst einmal wieder lernen, seiner Aufgabe gerecht zu werden, was die vergrößerte Prostata ihm vorher abgenommen hatte. Trainieren Sie also mit entsprechenden Beckenbodenübungen den Muskel. Aber bitte erwarten Sie keine schnellen Erfolge.
Ich bin 88 Jahre alt und habe nach einer gynäkologischen Totaloperation Probleme, den Urin zu halten, hauptsächlich nachts. Der Urologe riet zu einer Operation. Gibt es andere Möglichkeiten?
Ich sehe bei Ihnen ein ganz anderes Problem nach dieser Schilderung. Wenn der Körper ruht und die Nieren dann durch die verbesserte Durchblutung auf Hochtouren arbeiten, sich die Urinproduktion damit stark erhöht, dann deutet das auf Herzprobleme hin.
Das sollten Sie dringend abklären lassen. Messen Sie die Menge der Urinausscheidungen in Tages- und Nachtzeiten. Dazu kann man auch ein paar Tage lang die benutzten Vorlagen wiegen, dies in einem Protokoll erfassen, um daraus dann Schlussfolgerungen ableiten zu können. Eine schnellere Möglichkeit der Abhilfe wäre, dass Sie Ihr Trinkverhalten ändern, am Morgen und Mittag erweitern, gegen Abend reduzieren.
Und vor einem operativen Eingriff, wenn dieser notwendig sein sollte zur Verbesserung Ihrer Lebensqualität, sollten Sie sich umfassend aufklären lassen, um Ängste zu beseitigen und die positiven Möglichkeiten für sich zu erkennen.



