Gestiegene Nachfrage: Wo Kleingärten inzwischen Mangelware sind

Siegrfried (73) und Petra (69) Strecke aus Cottbus genießen trotz das Leben in ihrem Kleingarten in der Kleingartenanlage „Herrmann“ in Cottbus-Ströbitz. Mit Hingabe pflegen sie im Gewächshaus ihre Tomatenpflanzen und die Zucchini. Die 25 Tomatensorten teilen sie auch mit den Gartennachbarn.
Michael HelbigKleingärten sind gefragt, wie seit langem nicht mehr. Das bestätigen die Kleingartenverbände in Brandenburg und Sachsen. Dabei hatten viele Vereine, vor allem in den ländlichen Regionen der Lausitz lange akute Nachwuchssorgen.
Für immer mehr Gärten zwischen Guben und Finsterwalde fanden sich keine Nachfolger, wenn ein Pächter seine Parzelle abgeben wollte. Inzwischen gibt es in manchen Regionen sogar wieder lange Wartelisten – nicht erst seit den Ausgangsbeschränkungen rund um die Corona-Krise. Ein Grund dürfte auch das gestiegene ökologische Bewusstsein vor allem unter jungen Stadtbewohnern sein.
Anfragen für Gärten aus Berlin auch in der Lausitz
Fred Schenk ist der Erste Vorsitzende des Landesverbands Brandenburg der Gartenfreunde. Sein Verband vertritt mehr als 1200 Kleingartenvereine mit über 60 000 Mitgliedern im ganzen Land. „Besonders groß ist die Nachfrage natürlich im Berliner Umland“, sagt Fred Schenk. In den Regionen Bernau, Birkenwerder oder Oberhavel sei kaum eine Parzelle frei. In Kleingärtnerkreisen geht man inzwischen davon aus, dass in der Hauptstadt Berlin selbst inzwischen bis zu 400 Bewerber auf eine freiwerdende Parzelle dort kommen.
Diese Situation strahlt mittlerweile aus bis in die Lausitz. „Wir beobachten seit längerem eine Nachfrage auch von Berlinern“, sagt Roland Kummer, der Chef des Regionalverbands der Kleingärtner Cottbus und Umgebung. Ob es einen Zuschlag für Pächter aus der Hauptstadt geben kann, sei aber immer eine Einzelfallentscheidung. Schließlich müssten die Pächter eine kleingärtnerische Nutzung nach den Vorgaben des Bundeskleingartengesetzes gewährleisten können. Und das bedeute eben, das mindestens ein Drittel der Kleingartenfläche für den Anbau von genutzt werden müsse.
In der Region zwischen Drebkau, Cottbus, Kolkwitz und Peitz sei in diesem Zusammenhang die Zahl der „pachtrechtlichen Abmahnungen und Räumungsklagen“ um 300 Prozent angestiegen.
Wenig Nachwuchssorgen haben Vereine im Umfeld der 100 000-Einwohner-Stadt Cottbus. „Eine erhöhte Nachfrage lässt sich beispielsweise rund um Groß Gaglow, Kolkwitz, Hänchen und Sielow beobachten“, sagt Roland Kummer.
Nicht so prall sieht es aus in der Lausitzer Provinz. In Städten wie Guben, die in den letzten zwei Jahrzehnten nahezu die Hälfte ihrer Einwohner verloren haben, ist es relativ einfach, noch eine freie Parzelle zu finden.
Kleingartenboom in Görlitz
Der Landesverband Sachsen der Kleingärtner beobachtet inzwischen aber einen größeren Zuspruch, vor allem von jungen Familien, auch im ländlichen Raum. „Der Kleingärtnerverein ,Liebighöhe‘ in Görlitz hat uns 25 neue Verpachtungen gemeldet“, freut sich Tommy Brumm.

Tommy Brumm ist der Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen der Kleingärtner.
Landesverband Sachsen der KleingärtnerEr ist der Vorsitzende des sächsischen Landesverbandes. In der Görlitzer Anlage habe nicht nur der Generationswechsel geklappt. Von einst 20 freien Parzellen seien dort außerdem zwölf auch wieder neu belegt. „Mit den neuen Pächtern kommen auch viele Kinder in die Kleingartenanlagen. In Görlitz sind es 18 Kinder in nur dieser einen Anlage“, erzählt Tommy Brumm. „Das ist eine große Chance auch für das Kleingartenwesen.“
Landesverbände in Sachsen und Brandenburg
Landesverband Sachsen: Der Verband kann mit beeindruckenden Zahlen aufwarten. Aktuell sind knapp 200 000 Kleingärtner im Landesverband Sachsen der Kleingärtner - einem eigetragenen Verein - organisiert. Am Jahresende soll die Zahl schon die 200 000-er-Marke überschritten haben. Freie Gärten gibt es im ländlichen Raum noch in großer Zahl. In und um die Großstädte Leipzig, Dresden und Chemnitz verlängern sich aktuell nur die Wartelisten, weil es dort kaum freie Parzellen gibt.
Landesverband Brandenburg: Der Landesverband Brandenburg der Gartenfreunde kommt auf knapp 62 000 Mitglieder. Organisiert sind sie in 32 Regionalverbänden und immerhin 1239 Kleingartenvereinen
Der Ursprung des Kleingartenwesens
Der Erfinder des Kleingartenwesens ist übrigens um die Mitte des 19. Jahrhunderts nicht der Leipziger Arzt Moritz Schreber, wie viele glauben. Die Wurzeln der Parzellenpacht finden sich um Jahr 1814. Seinerzeit beauftragte der Landgraf Carl von Hessen den Pastor im damals dänischen Kappeln an der Schlei (heute Schleswig-Holstein) einige seiner Ländereien im hohen Norden parzelliert für eine geringe Pacht an arme Leute zu verpachten. Sein Hauptziel war es, dem Hunger und der Verarmung entgegenzuwirken. 1826 existierten solche Gärten bereits in 19 Städten.

