Fußball-EM 2024: Wie in Berlin die Notfallversorgung koordiniert wird

Frank Langner, Bereitschaftsleiter vom DRK Landesverband Nordrhein e.V, ist einer von rund 60 Mitarbeiter, die im Lagezentrum in Berlin-Lichterfelde die Rettungseinsätze während der EM für ganz Deutschland koordinieren.
Maria NeuendorffDie Temperaturen klettern am 13. EM-Tag über 30 Grad, doch die Räume des Führungs- und Lagezentrums des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Berlin-Lichterfelde sind gut klimatisiert. Schließlich müssen die zehn Mitarbeiter, die gerade die Spätschicht angetreten haben, einen kühlen Kopf bewahren.
Denn in dem modernen Anbau eines ehemaligen Krankenhauses am südwestlichen Stadtrand koordinieren sie einen der größten Einsätze in der Geschichte des Deutschen Roten Kreuzes. Das DRK ist - mit Ausnahme des Spielorts Hamburg – für den gesamten Sanitätsdienst der Fußball-EM in Deutschland verantwortlich. Dabei geht es nicht nur darum, verletzte Spieler vom Platz zu holen, sondern vor allem auch darum, schnelle Hilfe bei einem Herzinfarkt während eines Public Viewings zu leisten.
6000 Rettungskräfte zur Fußball-EM in und rund um die Stadien
Im Berliner Lagezentrum wird der bundesweite Einsatz der 6000 Rettungskräfte, die in den und rund um die Stadien für die notfallmäßige medizinische Versorgung und Betreuung verantwortlich sind, geplant und überwacht. Dazu kommen viele tausende Mitarbeiter, beispielsweise durch Einsätze bei Fanmeilen oder Trainingsstätten.
Die Mitarbeiter des Einsatzstabes sitzen oder stehen in der Berliner Zentrale konzentriert an Computerbildschirmen. An der Wand hängt neben einer Deutschlandkarte der aktuelle Einsatzplan für den heutigen Spieltag mit den entsprechen Stadien und Fanmeilen. Auf dem Besprechungstisch hat jemand einen rotweißen Fanschal mit der Aufschrift „DRK Koordinierungsstelle –Europameisterschaft 2024“ ausgebreitet. Daneben stapeln sich Einsatzpläne der letzten Tage.
Für das Lagezentrum, das zur EM erstmals in dieser Art eingerichtet wurde, hat das DRK seine besten und erfahrensten Stabsleute nach Berlin geholt. Regina Radloff aus Hessen hat sich schon im Alter von 14 Jahren beim .DRK engagiert. „Mittlerweile sind es 49 Jahre ehrenamtliche Arbeit“, sagt sie stolz.
Großeinsätze bei Bränden, Hochwasser und einem Grubenunglück gehören unter anderem zu ihrer Vita. Auch bei der WM 2006 in Deutschland war die heute 63-Jährige als Sanitäterin im Krankenhaus Frankfurt direkt an der Basis im Einsatz. Während der Corona-Pandemie wechselte Radloff nach einer speziellen Ausbildung in die Führungsebene.
Nun steht sie vor Monitoren und beobachtet, ob das angekündigte Unwetter die Stadien in Stuttgart und Frankfurt, in denen an diesem Abend um den Einzug ins Achtelfinale gespielt wird, erreichen wird. Ihr Kollege Frank Langner, sonst Bereitschaftsleiter vom DRK Landesverband Nordrhein e.V., überwacht dagegen, ob auch alle Einsatzkräfte pünktlich zwei Stunden vor Anpfiff ihre Einsatzorte erreicht haben. „Dabei hilft uns eine Registrierungs-App, in der sich die Mitarbeiter anmelden“, erklärt der 62-Jährige.
Nebenan läuft auf einem der Bildschirme das Spiel Slowakei gegen Rumänien. Doch zum Fußballschauen kommen die Stabsleute, die zum Teil goldene Abzeichen auf ihren weißen Hemden tragen, nicht wirklich. Der zweite große Bildschirm bleibt ausgeschaltet. Er ist Videokonferenzen mit anderen Landesverbänden vorbehalten, sollte es zu einer Großschadenslage kommen.
Fußball-EM: Sorge vor Spielabbruch durch Unwetter
„Denn das Führungs- und Lagezentrum ist in erster Linie dafür da, um auf Lagen zu reagieren, die nicht das übliche Maß sind“, erklärt Philipp Wiesener, Teamleiter für Nationales Krisenmanagement/Gesundheitlicher Bevölkerungsschutz.
Dazu gehören in den vergangenen Tagen vor allem die Evakuierung von Fanzonen und Stadien bei Unwettern. Während ein paar Fanmeilen in Deutschland in den vergangenen Tagen schon kurzfristig geschlossen werden mussten, blieb das den Stadien zum Glück jedoch erspart. „Wir sind sehr froh, dass es noch nicht zu einem Spielabbruch kam“, freut sich Regine Radloff. Sie glaubt, dass es in solch einem Fall nicht leicht werden würde, die Massen wegzubewegen. „Die Leute haben ja Karten gekauft. Viele Menschen würden wahrscheinlich vor dem Stadion bleiben, und dann sind sie mitten im Unwetter drin.“
Doch heute gibt es wieder Entwarnung. Radloff und ihr Kollege sehen auf den Monitoren, wie die Gewitterzellen an den Stadien in Frankfurt und Stuttgart vorbeiziehen.
Was die größere Herausforderung für sie wäre? Radloff muss nicht lange überlegen: „Dass man bei einer Großschadenslage, wie zum Beispiel einem Terrorangriff, richtig reagiert“, sagt die DRK-Stabsleiterin. Um das zu gewährleisten, haben sie und ihre Kollegen für alle denkbaren Szenarien einen Plan B ausgearbeitet. „Den hat man schon im Kopf“, erklärt sie.

Regina Radloff (l.) aus Hessen bespricht im Lagezentrum des DRK in Berlin mit einem Kollegen die Einsätze rund um den 13. Spieltag der Fußball-EM.
Maria NeuendorffDabei ginge es vor allem auch darum, dass die DRK-Helfer, von denen die meisten ihren Job unentgeltlich tun, wohlbehalten aus jedem Einsatz herauskommen, betont die Stabschefin. Für ihren eigenen Einsatz ist die Hessin von ihrem Arbeitgeber für die EM-Zeit freigestellt worden. Das DRK hat sie in in Berlin im Hotel untergebracht.
An diesem hochsommerlichen EM-Tag wird Radloff aus dem Lagezentrum des DRK-Generalsekretariats am Berliner Stadtrand unter anderem Hitze- und UV-Warnungen an die Rettungskräfte in verschiedenen Spielstätten weiterleiten. Das heißt nicht nur für die Fans, sondern auch für die Helfer: viel Wasser trinken und Kopf bedecken. Denn es sind vor allem Einsätze wegen Kreislaufproblemen, Dehydration, Sonnenstich oder Alkohol-Vergiftung, die derzeit die täglichen DRK-Statistiken in der Einsatzzentrale anführen.
Koordinierungsstelle zur Fußball-EM erstmals aufgebaut
Von den 6000 Sanitätskräften in den und um die Stadien herum sind etwa 98 Prozent ehrenamtlich tätig. Bei den 180.000, die in Bereitschaft stehen, sieht es ähnlich aus. Insgesamt hat das DRK 500.000 Mitglieder, die während der EM Einsätze übernehmen. Dazu gehören unter anderem auch öffentliche und nicht öffentliche Trainings sowie die Team-Base-Camps.
„Viele freuen sich einfach dabei zu sein“, sagt Bereichsleiter Wiesener. Das man in dem ehemaligen Krankenhausbau in Berlin-Lichterfelde eine Koordinierungsstelle nur für die EM einrichtet, sei dabei eine Premiere. Das Lagezentrum werde ansonsten nur sporadisch aktiviert, wie zum Beispiel beim Hochwasser im Ahrtal oder während der Flüchtlingslage 2015/16, erklärt der Lagezentrum-Chef.

Das DRK-Generalsekretariat ist seit rund 25 Jahren im ehemaligen Rittberg-Krankenhaus in Lichterfelde beheimatet. Dass man dort aber für ein sportliches Großereignis ein Lagezentrum einrichtet, ist eine Premiere.
Maria NeuendorffWas die EM 2024 betrifft, so waren bei den bisherigen 32 Spielen, die durch das DRK betreut wurden, in den Stadien 3162 Einsatzkräfte aktiv. Sie haben bisher 25.296 Einsatzstunden geleistet. Dabei wurden 1530 Menschen medizinisch versorgt oder betreut, in 153 Fällen kam es zu einem Krankentransport.
Insgesamt wurden im Rahmen der UEFA Euro 2024 inklusive Fanmeilen bisher 2703 DRK-Einsätze zur Versorgung durchgeführt. Die überwiegend ehrenamtlichen Einsatzkräfte leisteten über 90.000 Einsatzstunden.
Stürze und Herz-Kreislauf-Probleme gehören zu den häufigsten Gründen, warum die Sanitärer eingreifen mussten und haben in den vergangenen Tagen durch die Hitze zugenommen, heißt es aus der Stabstelle.
Dazu kommen Sanitätseinsätze durch Schlägereien oder anderer Gewaltvorfälle. Vor einer Woche griffen polnische Fußballfans vor der Berliner Fanmeile nach einem Streit mit den Ordnern Polizisten an. Es flogen Flaschen und Steine und es gab neun Verletzte. Auch dabei übernahm das DRK die Erst-Versorgung. Die Mitarbeiter in der Stabstelle sind dennoch mit dem bisherigen Verlauf des Turniers zufrieden. „Insgesamt ist es eher ruhig“, betont Radloff. „Man merkt, die Menschen wollen einfach nur friedlich feiern.“

