Perleberg in der Brandenburger Provinz am Dienstagmorgen: 30 Beate eines Spezialeinsatzkommandos stürmen ein Objekt, nehmen einen tatverdächtigen fest, der bei der Aktion leicht verletzt wird. Ihr Ziel: Kinderpornos – und sie sind nicht allein. Deutschlandweit gehen zeitgleich rund 1000 Beamte an 60 verschiedenen Orten in gleicher Sache vor. Sie haben es auf einen Ring von Männern – und Frauen – abgesehen, die über einen Messengerdienst kinderpornografische Bilder ausgetauscht haben.
Auch in Sachsen wird zeitgleich zugriffen. Hier sind 65 Polizisten im Einsatz. Details zu den Einsatzorten nennt die Polizei nicht. Unter den fünf Tatverdächtige befinden sich nach RUNDSCHAU-Informationen allerdings zwei aus Ostsachsen.
Koordiniert wird der gesamte Einsatz aus Köln. Dort sitzt die BAO Berg, die nach dem Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach umfassende Ermittlungen gegen die Szene aufgenommen hat. Der Einsatz am Dienstagmorgen ist nicht der erste, aber der bisher größte, mit dem die Ermittler versuchen, den gut vernetzten Pädo-Kriminellen das Handwerk zu legen.
In de Einsatzzentrale in Köln wird die deutschlandweite Kinderpornorazzia am 1. September koordiniert.
In de Einsatzzentrale in Köln wird die deutschlandweite Kinderpornorazzia am 1. September koordiniert.
© Foto: Polizei Köln

Gleichzeitiger Polizei-Einsatz verhindert, dass Kinderporno-Tauscher ihre Datenträger löschen

Der gleichzeitige Einsatz so vieler Polizisten im ganzen Land sei nötig, um zu verhindern, dass sich die Tatverdächtigen gegenseitig warnen, erläutert Kriminaldirektor Michael Esser am Mittwoch bei einer Pressekonferenz zur Aktion in Köln. Aus diesem Grund habe man auch auf die SEK-Einheiten der Länder – zwölf waren beteiligt – gesetzt, die für einen schnellen Zugriff ausgebildet sind.
Wie nötig das ist, zeigte unter anderem einer von insgesamt fünf Zugriffen in Sachsen. Einer der Beschuldigten bat darum, noch einmal kurz das Bad aufsuchen zu dürfen. Dort versuchte er dann, schnell sein Handy zu zerstören – was laut Angaben der Polizei allerdings misslang.

Deutschlandweiter Schlag gegen Kinderporno-Tauscher über Monate vorbereitet

Möglich war der deutschlandweite Einsatz diesmal, weil keine Kinder akut gefährdet waren, wie Kriminaldirektor Esser erläutert. Wäre das der Fall gewesen, hätten die Beamten schneller zugreifen und so in Kauf nehmen müssen, dass ihnen ein Großteil der Täter durch die Lappen geht.
So allerdings war genügend Zeit für eine gründliche Vorbereitung. Seit Oktober 2019 laufen diese. Zunächst war die Polizei in Krefeld auf einen Messengerdienst aufmerksam geworden, über den offenbar Kinderpornos getauscht wurden. Die Experten der BAO Berg nahmen das dann genauer unter die Lupe und erwirkten einen richterlichen Beschluss, der es ihnen erlaubte, die Daten des Messenger-Anbieters abzufordern.

Polizei ermittelt die Namen der Kinderpornotauscher und schlägt dann zu

Und dann begann die verzwickte Detailarbeit. Pseudonamen und Accounts mussten tatsächlichen Personen zugeordnet und diese ausfindig gemacht werden. Als dies schließlich gelungen war, wurden die Polizeibehörden der anderen Länder involviert. Sie stellten Einsatzteams bereit, die auf Anweisung aus Köln handelten und so den Einsatz aus einem Guss ermöglichten.
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Potsdam/Berlin

Dass trotz aller Vorbereitung dennoch improvisiert werden musste, zeigt ein Beispiel aus Nordrhein-Westfalen. Ein Verdächtiger, den die Polizei dort anzutreffen hoffte, befand sich im Urlaub. So wurden kurzerhand die Kollegen in Schleswig-Holstein informiert, die den Mann am Strand an der Ostsee ausfindig machten und mit auf die Wache nahmen.

50 Kinderpornotauscher im Visier der Polizei

Insgesamt zeigte sich die Polizei am Mittwochmorgen zufrieden mit den Ergebnissen des Einsatzes. Allein in Brandenburg und Sachsen konnten diverse Handys, Laptops und Datenträger sichergestellt werden. Der Kreis der ursprünglich 40 ins Auge gefassten Personen konnte noch während des Tages auf 50 erweitert werden. In Bayern gelang es sogar, einen Server sicherzustellen, über den offenbar kinderpornografisches Material getauscht wurde.
Damit ist die Arbeit allerdings nicht beendet. Die umfangreich sichergestellten Datenträger müssen ausgewertet und die Inhalte bewertet werden. Dabei kommt, wie Oberstaatsanwalt Markus Hartmann erläutert, zunehmend künstliche Intelligenz und Technik zum Einsatz, die extra von der BAO Berg entwickelt wurde. Nur so sei es möglich, die stetig wachsenden Datenvolumen kriminaltechnisch zu behandeln.

Auch ein Tatverdächtiger aus Elbe-Elster im Fokus der Kinderporno-Ermittler

Insgesamt haben die Ermittler der BAO Berg inzwischen über 200 Beschuldigte zu Tage gefördert, 94 davon aus Nordrhein-Westfalen, 113 aus dem Rest der Bundesrepublik. Aus Brandenburg sind bisher drei darunter, einer aus dem Elbe-Elster-Kreis wie aus den Informationen der Polizei zu entnehmen ist.
Und der nächste Schlag der Ermittler ist schon in Arbeit, wie Kriminaldirektor Esser ankündigt. „Wir geben den Kampf gegen Pädokriminelle nicht auf. Jedes Bild ist ein Missbrauchsopfer. Wir strengen uns weiter an.“

Mehr Kinderporno-Fälle in Brandenburg


In Brandenburg hat die Zahl der polizeilich erfassten Fälle von Kinderpornografie in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Von 185 im Jahr 2016 stieg die Zahl der Verfahren auf 347 im vergangenen Jahr.

Ein Grund dafür ist der verstärkte Kampf gegen Pädokriminelle durch die Ermittlungsbehörden. „Seitens des BKA werden seit 2018 deutlich mehr Fälle aus dem Ausland, die mutmaßlich in Brandenburg begangen wurden, zur weiteren Bearbeitung, übersandt. Das BKA hat zudem den Personalbestand in dem Bereich, der die Vorgänge einer ersten Prüfung unterzieht, aufgestockt“, erläutert Karina Schulter, Sprecherin des LKA in Potsdam. In der Folge bekommen auch die Ermittler in Brandenburg deutlich mehr Fälle auf den Tisch.

Zudem gelang es Cyber-Ermittlern in den vergangenen Jahren weltweit, eine ganze Reihe von Kinderporno-Plattformen im Darknet auszuheben.