Die fünfte Wertungsprüfung nahe Nochten hat es in sich. Als wenn es Christian Doerr geahnt hat. Über einen der Hügel der Strecke fliegt Co-Pilot Doerr an der Seite seines erfahrenen Piloten Matthias Kahle. Die Landung ist dementsprechend. Kurz darauf müssen Kahle und Doerr das Rennen abbrechen. Die Lokalmathadoren scheiden aus. Für Christian Doerr geht es verletzt ins Krankenhaus. Die Rallye-Familie wünscht ihm, dass er möglichst schnell wieder auf die Beine kommt.

Chef-Organisator Wolfgang Rasper aus Boxberg und der 13-jährige Emilian aus Schwarzenberg sind lange zuvor schon draußen auf der Strecke, um wieder mit aufzubauen, was der Herbststurm in der Nacht zuvor umgeworfen hat. Emilian steht mit seinem älteren Bruder Luis und dem Vater sehr früh auf, um rechtzeitig an der Strecke sein zu können. Die Lausitz-Rallye gehört seit vielen Jahren zu den Zielen der Familie aus dem Erzgebirge. Die schnellen Autos auf dem Schotter sind das Maß aller Dinge, ihr Driften in den Kurven erst recht. Das alles hält Emilian mit dem Fotoapparat fest. „Weil es Spaß macht und schön ist“, erklärt der Schüler. Dann muss er sich wieder auf die Strecke konzentrieren.

Mittlerweile ist es kurz vor 11 Uhr am Sonnabend. Durch Nochten rollt Auto an Auto. Die halbe Republik ist gefühlt in der Lausitz. Jede noch so kleine Parklücke wird genutzt und ehrenamtlichen Helfer haben beim Ticketverkauf und Einweisen alle Hände voll zu tun. Marlies Starick aus Klein Partwitz ist eine von ihnen. Seit zehn Jahren ist sie schon dabei. Einst wurde sie von Siegfried und Wolfgang Rasper angesprochen, ob sie nicht helfen kann. Jetzt hat sie wiederum weitere Nachbarn gebeten, ob sie nicht mitmachen wollen. Nachbarschaftshilfe sozusagen über Kreisgrenzen hinweg – toll. Allerdings bekommen sie von den Ereignissen auf der Strecke am wenigsten mit. Sie können die Autos maximal hören.

Nach dem ersten Wertungstag zeichnet sich der von Wolfgang Rasper vorhergesagte Dreikampf tatsächlich ab. Nach dem ersten Tag und zwei Wertungsprüfungen liegen Anders Gröndal und Magnus Fuglerud vorn. Ihnen an der Stoßstange kleben Fabian Kreim und Tobias Braun wiederum vor Matthias Kahle und Christian Doerr. Kahle kommt für die Lausitz-Rallye extra aus der „Rennfahrer-Rente“. „Ein Heimspiel“, wie seine Mutter Hannelore Kahle verrät. Samstag ist sie mit Familienangehörigen draußen an der Strecke, um ihrem 50-jährigen Sohn die Daumen zu drücken. An ihrer Seite stehen Fans aus Chemnitz. Kevin hat die Rallye schon aus dem Kinderwagen heraus verfolgt. Jahre später steht er nun neben seinem Vater auf einer leeren Bierkiste, um den besten Überblick bei der Wertungsprüfung Reichwalde zu haben. Sie alle sind wegen Lokalmatador Matthias Kahle gekommen. Den siebenfachen Deutschen Rallye-Meister wollen sie am liebsten ganz oben auf dem Treppchen sehen. Doch dieser Wunsch wird sich am Samstag nicht erfüllen.

„Die Wertungsprüfung Nochten ist sehr anspruchsvoll. Lange Geraden, dann eine Kurve. Da muss der Pilot genau wissen, wann er bremst“, sagte Co-Pilot Christian Doerr am Freitag zur RUNDSCHAU. Als wenn er es geahnt haben könnte. Genau auf dieser Prüfungsstrecke passiert es Samstagvormittag: Ein Sprung wird ihnen zum Verhängnis. Die bis dahin Drittplatzierten müssen ausscheiden. Christian Doerr muss sogar ins Krankenhaus, weil er sich am Rücken verletzt hat.

33 weitere Teams von 92 müssen ebenfalls der anspruchsvollen Strecke und dem Material Tribut zollen. Es gibt jede Menge Blechschaden. Doch nicht nur deshalb muss die Strecke zwischenzeitlich gesperrt werden und gibt es Zeitverzug. „Einige Zuschauer sind wieder total unvernünftig“, kann Wolfgang Rasper nur den Kopf schütteln. Für den besten Platz möglichst mitten im Motorsportgeschehen gehen sie Gefahren ein, die am Ende das Aus für die Rallye bedeuten könnten, würde ein schrecklicher Unfall auf der Strecke passieren.

Dabei ist die Rallye seit dem Jahr 2000 ein kleines Wunder, findet Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) bei einer Stippvisite am Freitag. Das erste Mal ist er live beim Start dabei, um das Engagement der Ehrenamtlichen und der Organisatoren zu würdigen.

„Es ist wirklich toll, wie viele Leute hier an der Strecke stehen“, freut sich Doppelsieger Fabian Kreim. Er lässt Gröndal nun hinter sich, fährt Bestzeit für Bestzeit. Dabei ist er genau vor einem Jahr rund um Boxberg das letzte Mal auf Schotter unterwegs gewesen: Nicht die schlechteste Art von Training, wie er selbst lachend eingestehen muss.

Bildergalerie Vier Trabis gehen bei der Lausitz-Rallye auf die Strecke und kommen bei de Zuschauern bestens an.