Von Uwe Menschner

Schwester Agnes kommt zurück. Ältere Bewohner der Deutsch-Tschechischen Grenzregion im heutigen Landkreis Görlitz erinnern sich vielleicht, dass der DEFA-Kultfilm mit der beliebten Schauspielerin Agnes Kraus im Jahre 1975 im schönen Kurort Waltersdorf gedreht wurde – heute Wohnort des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU). Dieser Umstand und die Tatsache, dass „Schwester Agnes“ beim diesjährigen Neiße Filmfestival zur Aufführung kommt, sind aber nicht die Hauptgründe dafür, dass der „MP“ die Schirmherrschaft über das wohl bedeutendste Kinoereignis der Region übernommen hat. „Ich finde einfach, dass das Neiße Filmfestival ein hervorragendes Aushängeschild für die Oberlausitz ist und viele kulturbegeisterte Menschen für die Region interessiert“, begründet Michael Kretschmer sein Engagement.

In diesem Jahr nun findet von der Eröffnung am 7. Mai im Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau bis zur Verleihung der zahlreichen Preise am 12. Mai im Dom Kultury Zgorzelec die 16. Auflage des Festivals statt. Aus bescheidenen Anfängen hervorgegangen, bildet das Neiße Filmfestival mit 120 Filmen, die an 20 Spielorten von Görlitz bis Liberec, von Zgorzelec bis Rumburk gezeigt werden, mittlerweile auch überregional ein Schwergewicht. Dies auch dadurch, dass es die Trinationalität – deutsch, polnisch und tschechisch – in aller Konsequenz durchhält. „Die Filme kommen fast genau zu jeweils einem Drittel aus Deutschland, Tschechien und Polen“, so die polnische Festivalleiterin Ola Staszel. Die Juries und die Stifter der vielen Preise (genannt „Fische“) setzen sich ebenfalls paritätisch zusammen. Bei den Veranstaltungsorten trifft das nicht ganz zu, hier ist Polen unterrepräsentiert. Mit der Zittauer Schauburg konnte eine völlig neue Location gewonnen werden: „Hierbei handelt es sich um ein traditionsreiches Filmtheater, das nach langem Leerstand dank privatem Engagement wieder auferstanden ist“, erläutert Ola Staszel.

Der Drei-Länder-Proporz steht jedoch nur für einen kleinen Teil des Erfolgs. Weitaus wichtiger dafür sind die Qualität der Filme und die konzeptionelle Ausrichtung. „In diesem Jahr, das als Wahljahr auch besonders in Polen bedeutsam ist, richten wir den Fokus auf den ‚Homo Politicus‘ – also auf Menschen, die sich politisch engagieren, sich einmischen“, erklärt Antje Schadow, die deutsche Festivalchefin.

Dazu zählt Hans Schuierer, der frühere Landrat von Schwandorf, welcher sich in ungewöhnlicher Form gegen die atomare Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf in seinem Landkreis wandte. Der persönlich gute Freund des Görlitzer Landrates Bernd Lange wird zu Gast sein, wenn der Film „Wackersdorf“ von Oliver Haffner zur Aufführung kommt, in dem er zu den Hauptprotagonisten zählt. Weitere Spe­cials beschäftigen sich unter anderem mit dem 70-Millimeter-Film sowie mit „Regionalia“, was wiederum die eingangs erwähnte Schwester Agnes ins Spiel bringt. Doch nicht nur: Der Film „Orangentage“ des tschechischen Regisseurs Ivan Pokorný, gedreht in (wiederum) Waltersdorf, Liberec und Zittau,  erzählt vom Ende der Kindheit und vom beginnenden Erwachsenwerden.

Zu den Förderern des Neiße Filmfestivals zählt unter anderem die Europastadt Görlitz-Zgorzelec GmbH, die sich im Auftrag der Stadt um die Wirtschaftsförderung kümmert und in diesem Rahmen auch die vielen filmischen Aktivitäten in Görlitz, das ja bekanntlich den Beinamen „Görliwood“ trägt, betreut. Diesbezüglich ist es allerdings in den letzten Monaten recht ruhig geworden. Die letzte größere Verfilmung (wenn man von der Wolfsland-Serie der ARD absieht), „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmarck, liegt fast drei Jahre zurück. Und Hollywood – also das ganz große Kino – war mit „Jeder stirbt für sich allein“ letztmals 2015 zu Gast.

Umso mehr freut sich Geschäftsführerin Andrea F. Behr, dass sich für die Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian“ zumindest wieder ein namhaftes deutsches Drehteam (unter anderem mit Tom Schilling, Albrecht Schuch und Saskia Rosendahl) angekündigt hat. Die erste Klappe soll im Juli fallen. Die Frage, ob auch Hollywood demnächst wieder nach Görlitz kommt, beantwortet die Geschäftsführerin Augen zwinkernd: „Man darf ja in so einem Fall sehr lange nichts verraten.“