Mirko Prüfer hatte es sich fest vorgenommen: 2019 fährt er mit seinen Eltern nach Kanada. Als Touristen wollten sie die herrliche Natur erleben. Der 38-Jährige aus Podrosche (Landkreis Görlitz) hatte gerade das strapaziöse Paddel-Abenteuer Yukon-River-Quest hinter sich gebracht, war nach Deutschland zurückgekehrt, wollte bei aller Begeisterung über das Erlebte seinem geschundenen Körper ein bisschen Ruhe können. Lange gehalten hat der Vorsatz nicht.

Prüfer trägt sich erneut in die Starterliste ein

Der Yukon-River-Quest über eine Distanz von 715 Kilometern, der als längster, jährlich stattfindender Wettbewerb in der Welt für Kanu- und Kajakfahrer gilt, hält den Podroscher weiter in seinem Bann. Der 38-jährige Leag-Mitarbeiter aus dem Tagebau Nochten/Reichwalde trägt sich erneut in die Starterliste für den Kajak-Einer ein.

Vom 26. bis 29. Juni 2019 sind in Kanada unter den 117 Teams aus 13 Nationen mit mehr als 260 Paddlern sieben Mannschaften aus Deutschland dabei. Neben Mirko Prüfer unter dem Namen Hai Voltage begibt sich unter anderen das Team Spreegurken aus Cottbus im Sechser-Mannschaftskanadier an den Start. „Das sind Freunde aus meinem Drachenbootteam, mit dem ich 2017 meine ersten Erfahrungen beim Yukon-River-Quest sammelte“, berichtet Mirko Prüfer.

Viele freiwillige Helfer sind beim Wettkampf dabei

Damals gehörte ebenso Manuela Heyn-Dittbrenner dazu. „In diesem Jahr begleitete sie uns in ihrem Urlaub mit ihrem Sohn Luca als freiwillige Helferin beim Rennen.“ Genau wie Mirko Prüfers Eltern. Sie gehörten ebenfalls zu den fast 300 freiwilligen Helfern, die dieses Mammut-Event, welches von einem kleinen Verein aus Whitehorse ausgerichtet wird, überhaupt erst ermöglichen.

Wolfgang (65) und Regina (63) Prüfer sind noch Wochen nach ihrer Kanada-Reise emotional ergriffen und erzählen begeistert von dem Erlebten. „Wir können beide nicht die Hände in den Schoß legen und helfen gerne mit“, sagt Regina Prüfer, die in der Altenpflege arbeitet.

Die Unterstützung durch die Eltern ist eine große Erleichterung

Für ihn sei ihre Hilfe eine große Erleichterung gewesen und sorgte für viel weniger Stress, bedankt sich Mirko Prüfer für die gute Unterstützung. Denn 2018 sei er total auf sich selbst gestellt gewesen, musste sich um alles kümmern. „Dieses Mal hatte ich das Rund-um-sorglos-Paket“, so Mirko Prüfer lachend. Er erzählt: „Wir hatten ein Wohnmobil gemietet. Das war in jeglicher Beziehung bequemer. Ich musste nicht auf meine Sachen aufpassen, alles war aufgeräumt und stand zur Verfügung, wenn es gebraucht wurde.“

Die Eltern standen ihm bei allen Vorkehrungen für den Start in Whitehorse und bei den Pflichtstopps zur Seite – der erste ist nach etwa 300 Kilometern in Carmacks mit sieben Stunden Pause und der zweite dann nach weiteren 250 Kilometern in Coffee Creek mit drei Stunden Unterbrechung. Und sie erwarteten ihn im Ziel in Dawson City. Sie fieberten mit ihrem Sohn, suchten nach ihm mit dem Fernglas auf dem Fluss und jubelten, wenn sie ihn als kleinen Punkt in weiter Ferne entdeckten. Sie kümmerten sich um die Versorgung der Wehwehchen und um die Verpflegung.

Haferschleim von Muttern gegen die Strapazen

„Ich hab‘ Haferschleim gekocht.“ Regina Prüfer winkt ab, als sie daran denkt. Denn der sollte verträglich und sättigend sein, durfte jedoch nicht zu dick geraten, weil ihn der Paddler ja aus einer Vorratsflasche per Schlauch zu sich nahm. „Doch genau das war er am Anfang – zu dick. Wir haben dann im Camper ein bissel ausprobiert, bis die Konsistenz stimmte.“ Mit Manuela Heyn-Dittbrenner habe es Spaß gemacht zu helfen. „Wir waren schnell gut eingespielt.“

Und die drei kümmerten sich ja weiß Gott nicht nur um Mirko, sondern genauso um die anderen deutschen Starter. „Manu hat zum Beispiel Wäsche gewaschen, wir haben Schnitten geschmiert, den Teilnehmern aus den Booten geholfen, Boote an Land getragen, Boote gereinigt… Der Wolfgang hat das Stund‘ und um Stund‘ in Carmicks gemacht. Und das war ja auch gefährlich. Denn der Steg wackelte wie verrückt aufgrund der starken Strömung des Yukon. Wir durften nur mit Rettungswesten ausgerüstet dort helfen.“ Auch mit den anderen Teilnehmern wechselten die Helfer gern ein paar Worte und unterstützten diese, wenn nötig. „Die Belohnung war ein Lächeln.“

Regen, Wind, Hagel und Sonne im Wechsel

Einige waren nach den ersten 300 Kilometern schon völlig am Ende ihrer Kräfte, weil der Ritt über den 56 Kilometer langen Lake Laberge, der auf diesem Abschnitt überquert werden muss, es in sich hatte mit Regen, Wind, Hagel und Sonne pur im Wechsel. Den River-Quest vorzeitig aufgeben, das mussten letztlich 31 Teams. „Hut ab, wer so vernünftig ist und sagt, es geht nicht mehr“, ist Wolfgang Prüfer überzeugt. Denn: „Du bist allein in dieser Wildnis, der Fluss ist breit wie blöde, die Strömung stark, das rettende Ufer weit entfernt – das kann ein böses Ende nehmen für den, der sich überschätzt.“Regina Prüfer gibt ihrem Mann Recht: „Wenn Du das alles mit eigenen Augen erlebst, kannst Du Dir erst ein Urteil erlauben“, räumt sie ein.

Härtere und kräftezehrende Bedingungen

Und wie schätzt es Mirko als Aktiver ein? „Das eigentliche Rennen war geprägt durch viele Wetterumschwünge. So wechselten sich Sonne und 30 Grad mit stürmischem Wetter und starkem Gegenwind ab. Auch der niedrige Wasserstand erforderte mehr Anstrengungen als es in den letzten Jahren der Fall war. Kurzum: Die Bedingungen waren härter als in den Vorjahren. Das Rennen war weitaus schwieriger und kräftezehrender“, schildert der 38-Jährige. Auch sein Magen habe nach dem ersten Teilabschnitt verrückt gespielt, die Schulter Probleme bereitet. „Wir haben ihn so gut es ging umsorgt“, bestätigt dessen Mutter.

Prüfers fühlen sich gut aufgenommen

Vater Wolfgang, der bei der Firma Nadebor arbeitet, ist noch immer angetan von diesem phantastischen Land und dessen Natur. „Aber ich hatte keine Vorstellung von der Größe und Gewalt dieses Yukon. Da kommen dir die Boote wie Streichhölzer vor.“ Er habe sich vor Ort immer wieder gefragt, wie verrückt man sein muss, um es mit diesen Naturgewalten auf sich zunehmen. So wie seine Frau sei auch er total angetan von den Teilnehmern und den Helfern. „Wir fühlten uns sofort gut aufgenommen. Das Gemeinschaftsgefühl war super. Wie in einer Familie…“

Bei allen Strapazen für Körper und Geist, die dieses legendäre Rennen hoch im Norden Kanadas mit sich bringt – Mirko Prüfer ist stolz auf das Ergebnis von 2019 und dass er sich weiter steigern konnte. „Ich selbst konnte einen Großteil der Strecke mit dem Rekordhalter in der Klasse der Stand Up Paddler, mit Bart de Zwaart, fahren und wesentlich von seinen Erfahrungen und seiner Flusskenntnis profitieren.

Mirko Prüfer verbessert sein Vorjahresergebnis

Bart de Zwaart ist ein Niederländer der mit seiner deutschen Frau auf Hawaii lebt und eine Legende in der SUP-Community ist. „Er hat gefühlt bereits alle Extremrennen gewonnen, die man als Stand Up Paddler überhaupt machen kann, und gewann den River Quest in diesem Jahr am Ende zum vierten Mal in Folge. Ich selbst konnte mich zum Schluss von ihm absetzen und paddelte die letzte, 180 Kilometer lange Etappe völlig alleine. Nur ein Zweierkanu überholte mich, ansonsten konnte ich den Großteil des Teilnehmerfeldes hinter mir lassen und beendet mein drittes Yukon-River-Quest als 28. Team und war in meiner Klasse – der Solo Kajak Herren – sogar Dritter. Damit bin ich nach Thomas de Jager, von dem ich jedes Jahr mein Boot miete und der inzwischen in einem Mannschaftskanadier am Rennen teilnimmt, überhaupt erst der zweite Deutsche in den Top 3 in dieser Bootsklasse“, freut sich der 38-Jährige aus Podrosche.

Knapp drei Tage für 715 Kilometer Fluss

Auf seiner offiziellen Urkunde ist zu lesen, dass er die 715 Kilometer in der reinen Fahrzeit von 56 Stunden, 19 Minuten und 39 Sekunden bewältigte. Vor einem Jahr brauchte er für die gleiche Distanz noch 58:02:41 h. Anders als im Vorjahr verzichtete Mirko Prüfer auf viel Kaffee als Muntermacher auf der Strecke, trank Red Bull für gleichmäßigen Blutzuckerspiegel und viel Wasser. Er hatte keine Hörbücher mit – „die lullen mich nur ein“, hörte keine Musik, hatte das Handy fast komplett aus. „Es hat funktioniert.“

Im Anschluss an die Wettkampf-Woche machten Prüfers sowie Manuela Heyn-Dittbrenner und ihr Sohn Luca zwei Wochen Urlaub und reisten in ihren Campern 2500 Kilometer durch den Yukon und durch Alaska. „Eine 30-Kilometer-Tour in einem Touristen-Kanu auf dem Yukon gehörte auch dazu.“

Für seine Eltern war diese Reise ihre Kanada-Premiere. Ihr Fazit: „Nächstes Jahr wollen wir erneut beim Rennen helfen, und dann will ich nach Tuktoyaktuk. Das ist nördlich des Polarkreises an der Beaufort Sea“, kündigt Wolfgang Prüfer lachend an.

Im nächsten Jahr vielleicht im Vierer-Rennboot

Derweil denkt Mirko intensiv darüber nach, 2020 eventuell im Vierer-Rennboot mit Freunden vom Drachenbootteam den Yukon zu bezwingen. Am intensiven Training soll es nicht scheitern. Sowohl per Kanu als auch per Pedes legt der Podroscher sommers wie winters regelmäßig enorme Distanzen zurück.

Zum Beispiel 14 Kilometer in anderthalb Stunden auf dem Bärwalder See vor oder nach der Arbeit, vom Kummerower See bis zur Peene-Mündung bei Anklam hin und zurück (180 Kilometer) in 24 Stunden oder häufige Ausdauerläufe, 74 Kilometer Rennsteiglauf, zwei 100 Kilometer Mammutmärsche um Berlin über 22 Stunden, Tour de Tirol in den Österreichischen Alpen und viele Wettkämpfe mehr. Hinzu kommen Training und Starts mit dem Drachenbootteam Hai Voltage Cottbus.