Von Kathleen Weser

Das Dorf Mühlrose (Landkreis Görlitz) im Herzen des obersorbischen Siedlungsgebietes in der sächsischen Lausitz verschwindet für den Tagebau Nochten von der Landkarte – und die Dorfgemeinschaft ist zerrissen. Das tut weh. Die Mehrheit der Bewohner, ist zwar erleichtert, dem weiteren Kohleabbau durch den finanziell entschädigten Wegzug und einen Neubeginn in einem neuen Heim entgehen zu können. Doch die Zahl der Bürger, die noch immer darum kämpfen, bleiben zu dürfen, ist höher als angenommen. Die gelben Kreuze an den Hausfassaden, Symbol des Protestes gegen den Tag X, zeugen davon. Und Plakate an Häusern von Eigentümern, die erst vor 25 Jahren in das Dorf zurückgekehrt sind und damals neu gebaut haben. Die Spannungen, die das unter den langjährigen Nachbarn in teilweise langer Familientradition erzeugt, ist deutlich zu spüren.

Auf dem Friedhof von Mühlrose zieht ein frisches Grab den Blick auf sich: Der letzte Wunsch einer hoch betagten Mitbürgerin ist es gewesen, hier noch erdbestattet zu werden. Diese Beisetzung vor wenigen Tagen wird hier die letzte  gewesen sein. Denn bevor Mühlrose weiter abgebaggert wird, wird auch die alte Frau umgebettet.

Die Tinte unter dem Umsiedlungsvertrag für Mühlrose ist noch nicht wirklich trocken. Die Emotionen schlagen hoch im Dorf  und einige Türen zu. Wütend, machtlos. Für Gemeindeoberhaupt Waldemar Locke ist diese Unterschrift wohl die schwerste überhaupt gewesen, die er im Amt geleistet hat: eine, die Heimat nimmt und ihm deshalb sehr übel genommen wird; aber auch der Bürgermeister-Namenszug, der Zukunft und Sicherheit für die weitere Lebensplanung von Mühlrosern schafft und deshalb dankbar quittiert wird.

Auf dem gepflegten Hof der Familie Noack treibt das erste Grün des Jahres aus. Hausherrin Rosemarie hat das große Anwesen schon österlich geschmückt. In der gemütlichen Wohnstube blättert Manfred Noack in alten Akten.  Der pensionierte Lehrer und leidenschaftliche Ortschronist hat sein ganzes Leben im Dorf verbracht, liebt seine sorbische Heimat – und geht ungern, aber trotzdem ohne Groll. „Vor der Kohle ist das hier die ärmste Gegend der Region gewesen“, erzählt er. Der Wohlstand der Lausitz sei der Braunkohle zu verdanken. Dass dies auch große Opfer brauchte – und im Lausitzer Revier als wohl letztes Dorf in Ostsachsen nun noch Mühlrose fordert – „ist nicht schön, aber von uns akzeptiert“.

Seit Ende der 50er-Jahre ist das Dorf immer wieder vom Tagebau bedroht. Um das zweite Lausitzer Kohleflöz hier abbauen zu können, war in den Jahren 1966 und 1967 der Ortsteil Neustädter Ausbau mit 21 Wirtschaften umgesiedelt worden. Ohne die Bewohner groß zu fragen. „Schlepp’s heem“ war die Siedlung, die gut drei Kilometer von der Ortsmitte entfernt lag, im Volksmund genannt worden. Fast 80 Prozent der Mühlroser waren damals noch der sorbischen Sprache mächtig. Hier wurde der Schleifer Dialekt gesprochen und die Schleifer Tracht getragen. Mehr als 500 Leute lebten hier.  Dann ist die „Millionen-Siedlung“, die Wohnlage Tschellner Ausbau, 1972 und 1973 abgesiedelt worden. 18 Wirtschaften, die größten des Dorfes, verschwanden vom Erdboden.

Als sich der Bergbau Mitte der 90er-Jahre dann weiter zurückzog aus Mühlrose und nach 45 Jahren auch das Bauverbot, das mit dem Status des Braunkohleschutzgebietes einherging, aufgehoben wurde, haben die Bürger wieder kräftig in Haus und Hof investiert. Doch das braune Gold ist und bleibt das Schicksal von Mühlrose – mit heute noch etwa 200 Einwohnern. Der Rohstoff des Teilfeldes soll nun noch abgebaut werden, bevor der verbriefte Kohleausstieg im Jahr 2038 diese Ära für immer beenden soll. Und da der Ort durch die Abbautechnologie, die für horizontal gelagerte Kohle noch immer als die effektivste der Welt gilt, als Insel in der wüsten Tagebaulandschaft liegen bleibt, haben die meisten Einwohner die komplette Umsiedlung von Mühlrose gefordert. Das bergbautreibende Unternehmen, die Lausitz Braunkohle Aktiengesellschaft (Leag), garantiert und finanziert das nun. Verbrieft und beglaubigt.

„Die Mühlroser gehen nicht wegen des Geldes“, betont Manfred Noack. „Es geht uns um die Lebensqualität“, sagt er. Die meisten der Dorfbewohner wollen nicht auf dem etwa 800 Meter breiten gewachsenen Erdpfeiler leben, der im Riesenkrater des Tagebaus Nochten stehen bleiben wird. „Einsicht in die Realität“ nennt der Mann jenseits der 80 Lebensjahre das. „Die Umsiedlung tut weh. Aber wir können nicht von zwei Seiten her von Krach und Staub umgeben leben“, stellt Manfred Noack fest. Er wird mit seiner Frau, übrigens einer gebürtigen Schleiferin, nach Schleife in eine Mietwohnung umziehen. Eine Rückkehr im Alter mit schönen Erinnerungen, den historischen Akten von Mühlrose  und etwa 2000 Büchern, die die Familie allerdings noch kräftig reduzieren muss.

Ein Nachbar der Noacks ist sauer. Er will bleiben –  auch mit dem Tagebau als Nachbar. Mit dem Kohlekompromiss, der die Förderung und Verstromung des fossilen Rohstoffes für den Klimaschutz zum Auslaufmodell macht, hatte er nicht mehr damit gerechnet, sein Heimatdorf zu verlieren. Der Mann sagt frei heraus, die Störer des Dorffriedens sollten sich vom Acker machen. Die Gefühle der Leute seien denen, die nun in Scharen in das Schicksalsdorf einfielen, doch egal. Hoffnung schwingt mit in den Worten, die bitter enttäuscht und wütend klingen. Die Grünen in Sachsen sagten schließlich, dass das Abbaggern des Teilfeldes Mühlrose II in der Luft hänge und „jede Genehmigung in Form eines Rahmenbetriebsplans für den Braunkohleabbau“ hier fehle. Mit dem großen Rummel um die Unterzeichnung des Umsiedlungsvertrages in Mühlrose am Donnerstag werde der Eindruck erweckt, alles sei längst vereinbart und genehmigt, um damit Widerstand im Ansatz zu demobilisieren. Die Menschen sollten zum schnellen Verlassen des Dorfes bewegt werden, „denn sie sind im Rechtsstaat das größte Hindernis für die Bagger“. So argumentiert Gerd Lippold, der energiepolitische Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Sächsischen Landtag.

In Mühlrose indes fühlen sich die Einwohner von Parteien und Initiativen missbraucht, „die mit dem Fingerzeig auf unser Dorf die Welt retten wollen, aber unser Leben nicht im Geringsten wirklich kennen“. Das sagt Heinz Lohr. Viele  Bürger haben Geld zusammengelegt und den „Grünen“ jetzt ihre Meinung gegeigt. Auf einem Transparent an einer Hausfassade am Weg zum Wildgehege vor dem Alttagebau, das viele Leute gern besuchen.

Regina und Heinz Lohr haben ein kleines Piccolöchen Rotkäppchensekt in der gemütlichen Küche bereitgestellt. Viele Jahre hat das Paar die Bandanlage fast neben dem Bett ertragen müssen. „Auf den Lärm und den Dreck sind wir wirklich nicht mehr wild“, bestätigt er. „Für uns beginnt ein neues Leben in Trebendorf. Dort bauen wir neu“, sagt Heinz Lohr. „Das fällt auch uns nicht leicht, ist aber für uns die bessere Lösung“, ergänzt er. Anfeindungen von Mitbürgern, die lieber blieben, erträgt das Paar mit Fassung. „Wir akzeptieren andere Meinungen, haben aber unsere eigene, die man uns auch lassen soll“, erklärt Heinz Lohr.

Die Unterschriften unter dem Umsiedlungsvertrag sind für das Ehepaar kein Grund zur Riesenfreude, aber trotzdem ein guter Tag. „Unsere Zukunft und unser Lebensabend sind wieder planbar“, sagt der Hausherr. Das sei der gute Grund dafür, mit einem Gläschen Sekt anzustoßen. Die Korken ließen auch die Mühlroser, die das Dorf lieber verlassen als ums Bleiberecht zu kämpfen, beileibe nicht knallen.

„Ich darf nicht an den Tag denken, an dem ich den Hausschlüssel abgeben werde“, bestätigt Regina Lohr. Und sie wird, wenn das vollzogen ist, auch nicht wieder nach dem Haus hier in Mühlrose sehen, das dann unter die Abrissbirne kommen wird. Die gebürtige Bautzenerin hat sich hier in den ruhigen vergangenen Jahren wohl gefühlt, mit dem Kapitel des Lebens unmittelbar am Tagebaurand aber abgeschlossen.

Am Ortsrand von Mühlrose kreischt die Kreissäge. Der Riesenberg alten Holzes, das vom Abbruch eines ausgedienten Einkaufsmarktes aus der Gegend stammt, verspricht einen Kamin-Vorrat für mehrere Winter. Der Mann, der eifrig sägt, will nicht weg aus dem Dorf. „Ich bleibe bis zum letzten Tag“, kündigt er an. Bis 2024. Mehr hat der Neu-Mühlroser, der das Anwesen erst vor 17 Jahren mit der Familie gekauft und liebevoll auf Vordermann gebracht hat, nicht zu sagen. Mit der Kraft der Verzweiflung bearbeitet er den Holzvorrat. Und selbst der Ton der Säge klingt anklagend nach dem Gespräch. Leise. Denn der persönliche Verlust des Lebenstraums vom Wunschhaus in Mühlrose wiegt zwar schwer, aber er sichert auch jungen Verwandten die berufliche Zukunft. Der Zwiespalt der Lausitzer, deren Angehörige im Bergbau und als Kraftwerker in der Energieerzeugung aus der Kohle arbeiten, ist förmlich greifbar.

Trotz des nahenden Tagebaus in Mühlrose zu bleiben, hält René Schuster vom Umweltverband Grüne Liga für eine Option: „Es ist richtig, dass den Umzugswilligen ein Wegzug auf Kosten des Verursachers ermöglicht wird, denn der laufende Tagebau hat die Lebensqualität im Dorf deutlich eingeschränkt“, sagt er. „Wer dagegen in Mühlrose bleiben will, kann mit dem Umsiedlungsvertrag nicht zum Gehen gezwungen werden“, behauptet der Umweltschützer. Für einen Kohleabbau unter dem Ort gebe es keinerlei Genehmigungen und damit auch kein rechtliches Druckmittel gegenüber den Bewohnern. Das Sonderfeld Mühlrose sei energiepolitisch nicht mehr notwendig und klimapolitisch nicht verantwortbar.

Die große Mehrheit der Einwohner von Mühlrose will und wird den Ort freiwillig verlassen. Je schneller, umso besser. Denn schmerzfrei ist der Wegzug nicht. „Ich nehme die Geschichte unseres sorbischen Dorfes mit nach Schleife und sehe die Chronik hier in guten Händen“, sagt Manfred Noack. Einen Nachfolger wünscht er sich im Ehrenamt.