Veranstaltungen in Weißwasser
: Dichtung kommt bald auf die Bühne

Wer dichtet denn noch? In Weißwasser entstand ein mehrsprachiges Programm, dessen Veranstaltungen bald auch in Wittichenau und Berlin gezeigt wird.
Von
Jürgen Scholz
Weißwasser
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D'Chaos ist einer von den Teilnehmern des Dichter-Treffens, die auch mit Bühnen-Performances Geld verdienen.

D'Chaos ist einer von den Teilnehmern des Dichter-Treffens, die auch mit Bühnen-Performances Geld verdienen.

Jürgen Scholz

Doma heißt Zuhause. Die Frage nach dem Zuhause beschäftigte auch 16 Männer und Frauen zwischen 16 und 56 aus Deutschland, Polen und Tschechien, die sich der Dichtkunst widmen.

Doma heißt das Projekt, das im Herbst auch auf die Bühne kommen soll. In Weißwasser und Wittichenau. In Berlin und in Potsdam. Es ging auch der Frage nach, ob es noch eine Art „Ostblock“ im Kopf gibt.

Dichtung auf die Bühne bringen ist das Ziel in Weißwasser

Dichtung auf die Bühne zu bringen, das ist das Ziel der „Spoken Word Akademie“.  Denn Gedichte wirken auf der Bühne in Szene gesetzt, anders als vom Papier gelesen. Und daran arbeitete Jessy James LaFleur mit den 16 Männern und Frauen eine Woche lang in Weißwasser.

Tipps zur Bühnenpräsenz gibt Jesse James Lafleur. Seit 20 Jahren ist sie unterwegs, lebt Dichtung - und will, dass diese etwas bewegt.

Tipps zur Bühnenpräsenz gibt Jesse James LaFleur. Seit 20 Jahren ist sie unterwegs, lebt Dichtung - und will, dass diese etwas bewegt.

Jürgen Scholz

Die 38-Jährige kommt aus dem deutschsprachigen Ostbelgien. Sie habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass sie als Ost-Belgierin von französisch sprechenden Landsleuten als nicht gleichwertig angesehen wurde. Sie verließ mit 16 die Schule, beschloss mit 18, auf ein Zuhause zu verzichten, war in 14 Ländern unterwegs und ist eine Reisende geblieben, pendelt zwischen Königs Wusterhausen, Weißwasser und Prag in Sachen Dichtung.

Einer Dichtung mit dem Anspruch, etwas verändern zu wollen. Bis vor einigen Jahren trat sie in Poetry-Slams auf, doch das Gegeneinander vermittele keine demokratischen Werte, sagt sie. Ein trauriges Gedicht habe vor Publikum keine Chance gegenüber Slapstick.

Poetry-Word-Shows sollen junge Künstler ermutigen

Die Bühne gab sie aber nicht auf. Sie macht nun „Poetry-Word-Shows“. Veranstaltungen, die Poetinnen und Poeten eine Bühne geben, die sich ansonsten vielleicht eher verloren fühlen im ländlichen Ostdeutschland - oder deren Geschichten verloren zu gehen drohen. Aus dem Wortspiel mit lost (englisch für verloren) entstand der Programmtitel (L)Ost Poets.

Durch eine Förderung über den „Neuland“-Wettbewerb konnte sie in zwei Jahren auch die Spoken-Word-Akademie aufbauen, ist vor allem in Brandenburg unterwegs. Noch bis zum Jahresende läuft die Förderung unter dem Dach des Soziokulturellen Zentrums auf dem Telux-Gelände in Weißwasser. Ein Verein soll die Akademie der gesprochenen Worte aber fortführen.

Inszenierung für Premiere in Weißwasser wird geprobt

Unter anderem nehmen Schulen das Akademie-Angebot gerne an. Es werden aber auch Auftritte gebucht. Dafür reicht es aber nicht, wenn sich jemand auf die Bühne stellt und ein Gedicht rezitiert. Ein bisschen Show muss sein - und die wird auch auf dem Gelände der Station Weißwasser geprobt.  Einige Teilnehmer sind ausgebuffte Bühnenprofis, ein oder zwei können vom Dichten auch leben - andere wagen den ersten Schritt in die Öffentlichkeit.

Josephine Phine Ziegler hat es in die Lausitz zurückgezogen.

Josephine „Phine“ Ziegler hat es in den Osten zurückgezogen.

Jürgen Scholz

Einige Male werden sie sich noch übers Internet treffen. Das endgültige Programm wird am 20. September in Weißwasser Premiere haben. Stille Poesie wird wechseln mit hämmernder Gestik, schauspielerische Ansätze mit glockenklarem Gesang. Deutsch, Polnisch, Sorbisch und Englisch sollen Emotionen transportieren; es wird Übersetzungen geben, aber das Buch mit den in Weißwasser entstandenen Gedichten gibt es wohl erst später.

Zwei Bücher im Eigenverlag herausgebracht

Denn gedruckte Dichtung soll es auch weiterhin geben. Die ersten beiden Bücher hat die Spoken-Words-Akademie bereits im Eigenverlag herausgebracht. Ein Thema, das vor allem junge Frauen bewegt, ist der Sexismus, dem sie sich ausgesetzt fühlen - das Gedicht einer Teenagerin in einem deutsch-sorbischen Band hätte auch Emotionen bei einer 80-jährigen in Wittichenau hervorgeholt, beschreibt LaFleur, wie relevant das Thema generationsübergreifend sei.

Die Mehrsprachigkeit liegt LaFleur dabei besonders am Herzen. Für sie war es normal, in ihrer Heimat neben Deutsch auch Französisch und Niederländisch als Pflichtfächer in der Schule zu lernen. Umso überraschter war sie, dass dies in der Lausitz, dem „Sorbenland“, mit Deutsch, Sorbisch, Polnisch und Tschechisch nicht der Fall sei.

„Wir erzählen keine Geschichte. Wir vermitteln Emotionen.“

Und gibt es nun eine Ostblock-Mentaltität? In den Gesprächen ging es offenbar eher darum, welche  gemeinsamen Erfahrungen und Erinnerungen es noch gibt bei den Älteren oder aber über das, was die Eltern erzählten. Braucht es eine Ost-Identität? Das soll auch ein Thema in Schwerin sein. Am Ende trifft wohl ein Satz den Ansatz von LaFleur: „Wir erzählen keine Geschichte. Wir vermitteln Emotionen.“

Was meint Zuhause für einen selbst? Eine Frage, um die sich eine Woche lang vieles drehte.

Was meint Zuhause für einen selbst? Eine Frage, um die sich eine Woche lang vieles drehte.

Jürgen Scholz

Poetisches Programm wird in Weißwasser und Wittichenau, Potsdam und Berlin gezeigt

Das in Weißwasser erarbeitete Programm wir zwischen 20. und 25. September 2024 an vier Orten aufgeführt - auf dem Telux-Gelände in Weißwasser (20. September), im Jakubetzstift Wittichenau (23. September) sowie in Potsdam und in Berlin (24. und 25. September).

Die Ergebnisse der Arbeits-Woche in Weißwasser sollen auch in Buchform erscheinen. In kleiner Auflage sind zwei Bücher im Eigenverlag erschienen und werden gegen eine Spende, die unverbindlich bei etwa zehn Euro angesetzt wird, angeboten: Da ist zum einen das sorbisch-deutsche „Aufbruch ist weiblich“, zum anderen „Ost-West-Poetry“.

Im Rahmen der zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Schwerin werden auch Vertreter des Lost-Poets-Programms auftreten. Das Projekt soll vor allem jungen Poeten aus den ländlichen Regionen Ostdeutschland ermutigen, ihre Dichtung der Öffentlichkeit vorzustellen  - deshalb L für Ländlich und Ost für Ostdeutschland und auch (L)Ost geschrieben. Gleichzeitig ist es ein Sprachspiel mit dem englischen Wort „lost“ für „verloren“. Mit dabei sind aus Weißwasser auch Miso + Maniac, die auch eine Rapp-Hymne für den Eissport Weißwasser geschaffen haben („Großer  ESW“).