Handwerk in Weißwasser: Wie eine neue Beratungsstelle kleinen Betrieben helfen will

Anna-Marie Hillen, Christine Zeidler und Undine Bettmann (von links) werden von ihren Büros in Weißwasser aus vor allem bei Betriebsübergängen und Betriebsgründungen beraten.
Jürgen ScholzEs gibt bereits Beratungen für Gründer, es gibt auch bereits Beratungen für den Betriebsübergang, wenn die Senior-Chefs in Ruhestand gehen - und trotzdem hat die Handwerkskammer Dresden jetzt in Weißwasser eine weitere Beratungsstelle mit drei Mitarbeiterinnen eröffnet, die zunächst mit Fördermitteln des Bundes finanziert wird. Warum es dieses zusätzliche Angebot gibt, haben Handwerkskammer und Stadtverwaltung Weißwasser bei einer gemeinsamen Pressekonferenz erläutert, bei der auch eine Absichtserklärung zur gemeinsamen Arbeit unterzeichnet wurde.
„Selbstständig Lausitz“ ist keine neue Erfindung. Das macht Andreas Brzezinski klar. Der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden verweist auf ein bereits seit zwei Jahren laufendes Projekt im Bereich Sächsische Schweiz / Erzgebirge, das ganz ähnliche Ziele hat. Aber die sächsische Lausitz hat gleicht mehrere Probleme, die aus Sicht der Kammer für ein solches Büro in Weißwasser sprechen.
- Mit dem Kohleausstieg fallen nicht nur gut bezahlte Arbeitsplätze weg - auch die Auftragslage verändert sich.
- Jeder zweite Betrieb braucht in den kommenden zehn Jahren im Kreis Görlitz altersbedingt einen neuen Chef - oder droht mitsamt der Arbeitsplätze sang- und klanglos zu verschwinden.
- Und nicht zuletzt müssen Schüler und Studenten dafür begeistert werden, eine Zukunft in der Region und im Handwerk zu sehen.
Auf Handwerker und Schulen soll aktiv zugegangen werden
Genau dies sind die Punkte, wo Projektkoordinatorin Christine Zeidler mit Projektmitarbeiterin Anna-Maria Hillen und Projektassistentin Undine Bettmann ansetzen. Es sollen Netzwerke aufgenommen werden und die Schulen nach Möglichkeit darin eingebunden werden. Sie wollen aktiv auf Handwerksbetriebe zugehen und auf die Möglichkeiten hinweisen, die es gibt, bei der rechtzeitigen Suche nach einem Nachfolger und bei der moderierten Begleitung des Übergabeprozesses. Denn dies, so Andreas Brzezinski, sei fast immer auch ein sehr emotionaler Prozess, „wenn jemand über Jahrzehnte den Betrieb aufgebaut und geprägt hat“ - und jemand auch mit neuen Ideen kommt. Da müsse klar sein, wie der Übergang funktionieren soll und „die Stempel übereinander passen“.

Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (links) und Handwerkskammer-Chef Andreas Brzezinski haben bei einem Treffen in Weißwasser die Absichtserklärung unterzeichnet, mit der eine weitere Zusammenarbeit gestärkt werden soll.
Jürgen ScholzAll das ist kein neuer Ansatz, soll aber mit der Außenstelle für die beiden Landkreise Görlitz und Bautzen ergänzend zu andern Angeboten funktionieren. Dafür braucht „Selbstständig Lausitz“ selbst Zeit. Bis 2027 ist das mit Bundesmitteln aus dem Stark-Fonds und Kammer-Geldern angeschobene Projekt vorerst gesichert, soll aber auch darüber hinaus arbeiten. „Ziel ist eine dauerhafte Struktur“, betont Andreas Brzezinski. Und dabei gehe es nicht um Alleingänge, verwies er auch auf den gemeinsamen Neujahrsempfang von Handwerkskammer und Industrie- und Handelskammer (IHK) am 21. Januar. „Wir müssen Wertschöpfung in der Region halten“, sagte er mit Hinblick auf die Folgen des Kohleausstiegs und die Bedeutung der andern Industrie- und Gewerbebetriebe für die Handwerker. „Viele Handwerker würden gerne mehr zahlen“, betonte er.
Ob die Konkurrenz von neuen Ansiedlungen wie dem Bahnwerk in Cottbus Auswirkungen auch auf die sächsischen Handwerksbetriebe habe - so wie sie in Südbrandenburg beklagt werden? Er wolle ungern die Wettbewerbssituation so herausheben wollen, sagte Andreas Brzezinski. Im Raum Cottbus beklagten schon einige Betriebe, dass das Bahnwerk mit seinen Konditionen Mitarbeiter abwerbe und so Lücken in die Mitarbeiterreihen der Handwerksbetriebe reißt. Vor einer derartigen Kannibalisierung hat auch die Lausitzer Landratsrunde vor kurzem gewarnt.
Man müsse aber die entsprechenden Rahmenbedingungen haben - und ausreichend Fachkräfte. „Die werden wir nicht aus eigenen Mitteln haben“, sagt Andreas Brzezinski. Jetzt kämen langsam die Menschen in den Betrieben an, die 2016 als Flüchtlinge ins Land gekommen sind. „Es braucht Zeit“, verweist Brzezinski auch auf Sprach-Erwerb und Weiterbildung und betont: „Wir brauchen eine gesteuerte Zuwanderung.“ Gerade junge Menschen bräuchten eine Perspektive. „Hier passiert Großes“, hob Weißwassers Oberbürgermeister Torsten Pötzsch hervor. Niemand müsse mehr die Region verlassen, sondern es gebe gerade sehr viele Chancen. Das müsse man auch den jungen Menschen sagen.
Denn auch in den Schulen soll das Modellprojekt agieren, verdeutlicht Christine Zeidler den Ansatz. Mit Workshop-Formaten soll den Schülern ganz praktisch gezeigt werden, was möglich ist - von der Geschäftsmodellentwicklung bis hin zur Umsetzung. Der Kontakt zwischen Betrieben und Schulen soll enger geknüpft werden. Die Voraussetzung dafür sieht Oberbürgermeister Torsten Pötzsch in Weißwasser als gut mit der Neubesetzung der Schulleiterposten in der Oberschule und demnächst auch im kreislichen Gymnasium.
Es geht um ein Anschubsen - um rechtzeitig zu handeln
„Es geht um ein Anschubsen“, erklärt Andreas Brzezinski. Es geht um eine Ergänzung zu den ohnehin schon bestehenden Angeboten der Handwerkskammer - nicht nur für den Betriebsübergang, sondern auch für Existenzgründer und für Schüler und Studenten sowie um das Herausstellen von Schnittstellen, ergänzt Christine Zeidler. Sie wird das Projekt anschubsen - aber dann erstmal den Platz der Projektkoordinatorin freimachen - eine Vertretung für die werdende Mutter wird bereits gesucht.
Jast jeder zweite Betrieb braucht bald neuen Chef
Im Landkreis Bautzen gibt es 4375 Handwerksbetriebe, im Landkreis Görlitz 4080. Diese Betriebe beschäftigen rund 50.000 Mitarbeiter und bilden im Kreis Görlitz 900 und im Kreis Bautzen 1188 junge Menschen aus.
Im Landkreis Görlitz ist fast jeder zweite Chef eines Handwerksbetriebs 55 Jahre oder älter. Das heißt, dass fast jeder zweite Handwerksbetrieb in den kommenden zehn Jahren einen neuen Chef braucht.
Wie viele Senior-Handwerker ihren Betrieb mangels Nachfolger einstellen, darüber hat die Handwerkskammer keine Zahlen. Für viele sei eine Betriebs-Übergabe aber so etwas wie eine Altersvorsorge, so Andreas Brzezinski, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden.
Das Projektbüro „Selbstständig Lausitz“ befindet sich auf dem Telux-Gelände in Weißwasser (Straße der Einheit 2 - 24, Haus 6) gegenüber der Hafenstube. Es ist montags bis donnerstags von 8 bis 16 Uhr sowie freitags von 8 bis 14 Uhr besetzt (Telefon 03576 55210 oder 0151 59024193 sowie lausitz@hwk-dresden.de) und im Internet vertreten über hwk-dresden.de/lausitz.

