Demo in Weißwasser und Krauschwitz
: Schüler und Eltern fordern mehr Lehrer

UPDATE Fast 300 Schüler demonstrieren mit Eltern in Weißwasser für mehr Lehrer. In Krauschwitz sehen Eltern und Schüler Prüfungen mit gemischten Gefühlen entgegen.
Von
Jürgen Scholz
Weißwasser
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Demonstration in Weißwasser: Schüler und Eltern haben vor dem Rathaus für bessere Bildungsbedingungen und mehr Lehrer protestiert.

Demonstration in Weißwasser: Schüler und Eltern haben vor dem Rathaus für bessere Bildungsbedingungen und mehr Lehrer protestiert.

Jürgen Scholz

Die Rote Karte haben am Mittwoch (12. Februar) Schüler der beiden weiterführenden Schulen in Weißwasser der Kultuspolitik im Freistaat Sachsen gezeigt. Sie schlossen sich mit Eltern an einer Aktion des Elternrats im Kreis Görlitz an. Damit werden bessere Unterrichtsbedingungen und mehr Lehrer gefordert. Am Donnerstag wird der Protest auch in Krauschwitz fortgesetzt.

Am Ende waren es nach Veranstalterangaben mehr als 200 Schülerinnen und Schüler des Landau-Gymnasiums und mehr als 70 von der Bruno-Bürgel-Oberschule Weißwasser dabei. Unterstützt wurde der Protest auch von Eltern. Deren Anteil blieb aber hinter den Erwartungen zurück, räumte Karina Ott ein, die Elternsprecherin am Landau-Gymnasium ist. Sie hat die Protestaktion gemeinsam mit Elternvertretern beider Schulen und dem Kreiselternrat organisiert. Die beiden Demonstrationszüge waren an der Kreuzung von Bautzener Straße und Görlitzer Straße verschmolzen, bevor es vor dem Rathaus zur Abschlusskundgebung kam.

Demonstration vor dem Rathaus Weißwasser: Rund 300 Schüler und Eltern haben an der Aktion des Kreiselternrats Görlitz teilgenommen und der Kultuspolitik in Sachsen die sprichwörtliche Rote Karte gezeigt.

Demonstration vor dem Rathaus Weißwasser: Rund 300 Schüler und Eltern haben an der Aktion des Kreiselternrats Görlitz teilgenommen und der Kultuspolitik in Sachsen die sprichwörtliche Rote Karte gezeigt.

Jürgen Scholz

Hintergrund ist unter anderem der Unterrichtsausfall gewesen. So bemängelt Ronny Fiedler aus Groß Düben, dass von sechs bis sieben Stunden in der fünften Klasse seiner Tochter täglich nur drei bis vier tatsächlich stattfinden. Man müsse es für Lehrer attraktiv machen und mehr in die digitalen Möglichkeiten investieren, forderte der Vater einer Fünftklässlerin am Landau-Gymnasium am Rande der Demonstration und bedauerte, dass nicht mehr Eltern gekommen waren.

Der Protestzug war um 14 Uhr gestartet. Allerdings hätte auch jeder andere Termin seine Nachteile gehabt, schätzte Karina Ott ein, die sich zwar eine größere Beteiligung gewünscht hätte - das Gymnasium hat etwa 500 Schüler, die Oberschule etwa 400. Das frostige Wetter mit den ersten Schneeflocken sorgte auch dafür, dass sich die Ansammlung gegen 15 Uhr relativ schnell wieder auflöste - trotz der warmen Getränke am Stand von Wake 'n' Beach.

Sprecherin der Schüler fordert Chancen von der Politik ein

Cornelia Janousek vom Schülerrat des Landau-Gymnasiums fasste bei der Kundgebung die Unzufriedenheit der Schülerschaft zusammen in einer Frage: „Was passiert mit unserer Zukunft, wenn uns das Bildungssystem nicht die Chancen gibt?“ Man müsse aufhören, Stadt und Land gegeneinander auszuspielen. „Es geht um unsere Bildung!“, so die Schülerin der elften Klasse. Man habe genug von Ausfällen und einer Bildungspolitik, die uns im Stich lässt. „Wir haben keine Geduld und keine Zeit mehr!“

Vivian Kretzschmar, stellvertretende Elternsprecherin der Bruno-Bürgel-Oberschule, verwies auf mehr als 600 fehlende Unterrichtsstunden pro Schuljahr allein an dieser Schule. Dass Kinder eine gute Bildung erhalten, müsse höchste Priorität haben. In manchen Klassen würden ganze Unterrichtsfächer entfallen, wie zum Beispiel Physik und Musik; Mathe und Deutsch würden gekürzt. „Es geht um die Zukunft unserer Kinder“, mahnte sie. Was in den unteren Klassen ausfalle, fehle später. Man brauche mehr Lehrer und müsse deren Arbeit attraktiver gestalten.

Das müsse aber bereits in der Ausbildung beginnen, forderte Jolyn Schenderlein vom Landeselternrat und verwies auf eine Abbrecherquote von fast 40 Prozent bei Lehramtsstudenten. Das sei ein Alarmzeichen, warb sie für die von Elternvertretungen vorgeschlagene Ausbildung, die Praxis und Theorie vereint. Allerdings kam das Projekt an der Oberschule in Weißwasser ins Stocken.

Dirk Rohrbach, 1. Stellvertretender Oberbürgermeister von Weißwasser, erinnerte daran, dass es unglaublich wichtig sei, die Bildungschancen der Kinder zu erhöhen: „Schulpflicht zu erfüllen, schafft man nicht mit 30 Prozent Unterrichtsausfall vor allem an Schulen in ländlichen Regionen.“ Den Kommunen als Schulträger fehle häufig das Geld für die Ausstattung, dazu brauche man mehr Lehrer – sonst riskiere man weitere Ausfälle und setze eine Abwärtsspirale in Gang, mahnte Rohrbach in Richtung des Landes, das für das Lehrpersonal verantwortlich ist. Ansonsten müsse man sich fragen, wie es um die Chancengerechtigkeit stehe. Es brauche aber auch mehr Flexibilität für neue Lernkonzepte und für Pilotprojekte wie die Inbus-Sportakademie, wirbt Rohrbach, der hauptberuflich Geschäftsführer des Eishockey-Profiteams ist, für die Idee, den Leistungssportgedanken mit einer guten und internationalen Ausbildung zu verbinden.

Schüler-Protest auch vor der Oberschule in Krauschwitz

Einen Protest gab es auch am Donnerstag vor der Oberschule Krauschwitz, wo sich Schüler nach der fünften Stunde an der Rote-Karten-Aktion beteiligten. Die Zehntklässler hatten da noch Prüfungen. Mit dabei war auch wieder Kreiselternsprecher Tobias Groß. Was ihn bewegt: Bei den Spar-Diskussionen zum Landeshaushalt steht nach Informationen der Elternvertreter auch das Projekt infrage, bei dem Lehramtsstudenten frühzeitig an Schulen gehen sollen.

Oberschule Krauschwitz: Nach der fünften Stunde, als die Zehntklässler noch in den Prüfungen saßen,  beteiligten sich zahlreiche Schüler an dem Protest gegen Lehrermangel an ihrer Schule.

Oberschule Krauschwitz: Nach der fünften Stunde, als die Zehntklässler noch in den Prüfungen saßen, beteiligten sich zahlreiche Schüler an dem Protest gegen Lehrermangel an ihrer Schule.

Jürgen Scholz

Liliana (14) besucht die 8b in der Krauschwitzer Oberschule – und ist auch von Unterrichtsausfall betroffen. Zum Beispiel in Mathe, wenn die Fachlehrerin über Wochen oder sogar Monate ausfällt. Im besten Fall geht dann ein Vertretungslehrer mit den Schülern den Stoff durch – im schlechtesten Fall „müssen wir uns halt selbst helfen und zu Hause mal was probieren“ – oder die Geschwister fragen. Problematisch werde das dann, wenn solche Themen dann in Klassenarbeiten oder Leistungskontrollen drankommen. Deshalb sieht sie den Hauptschulabschlussprüfungen im kommenden Schuljahr schon mit gemischten Gefühlen entgegen.

Unterricht in Musik komplett ausgefallen, Lücken in Mathe

Ausfall habe es aber auch in Deutsch gegeben, Musikunterricht gebe es überhaupt nicht – und vor Januar sei Informatik ausgefallen, das nun die Englischlehrerin mit unterrichte. Was sie sich wünscht: Auf jeden Fall sollten die Mathestunden aufgeholt werden und der Stoff, den wir bei den Prüfungen nächstes Jahr brauchen könnten. Die Prüfungen in der 9. Klasse sind bereits ausschlaggebend für den Hauptschulabschluss und damit auch für Bewerbungen.

Elternsprecherin übt Kritik an Voraussetzungen für Prüfung

Das deckt sich mit den Erfahrungen, die Elternsprecherin Mandy Jüngling gemacht hat. Physik, eigentlich laut Lehrplan Pflicht, fiel in der Klasse ihres Kindes teilweise bis zu Hälfte aus, Musik komplett, Mathe sei jede vierte Stunde ausgefallen. Dabei handele es sich teilweise um geplanten Unterrichtsausfall – der Stoff müsse aber trotzdem bei den Prüfungen in der zehnten Klasse sitzen. Den zu erarbeiten oder zu festigen, sei aber zu Hause oft nicht möglich. Dazu komme, dass es keine Differenzierung in Haupt- und Realschulabschlüsse mehr gebe und die schwächeren Schüler dadurch den Realschulstoff lernen müssten. Förderstunden gebe es überhaupt nicht mehr, was die Schüler zusätzlich benachteilige, hatte sie im Vorfeld der Protestveranstaltung bemängelt, an der sie aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen konnte. „Es ist einfach unzumutbar, was unsere Abschluss-Schüler in diesem Jahr zu den Prüfungen erwartet.“