Von Christian Köhler

In der Stadtbibliothek in Weißwasser herrscht absolute Stille. „Ich heiße Lydia, bin 30 Jahre und alleinerziehende Mutter von drei Kindern.“ Tränen laufen ihr über das Gesicht. „Ich habe mich zwei Jahre prostituiert, um meinen Crystal-Konsum zu finanzieren.“ Dabei hatte alles so harmlos angefangen: „Eine Klassenkameraden hatte mir, als ich 19 gewesen bin, ein halbes Gramm geschenkt“, erzählt Lydia. Eine ganze Weile hatte sie es mit sich herumgetragen, das Tütchen geöffnet, dann wieder verschlossen. Aber die Versuchung war zu groß. „Ich habe zuerst eine kleine Menge genommen und ich wollte sofort mehr, viel mehr. Crystal ist dann zu meinem Leben geworden“, sagt sie heute. Alles habe sie über ihren Konsum gestellt, ihre Kinder, ihre Arbeit oder ihre Beziehungen. Ihr 14-Jähriger Sohn ist ebenfalls von der Droge abhängig. „Ich habe immer gedacht, ich habe es im Griff“, erzählt sie weinend, „heute aber habe ich keine Wohnung, keine Arbeit und keine Kinder mehr. Meine Adresse ist der Heidehof.“ Ihrem Sohn mache sie keine Vorwürfe. „Er hat es elf Jahre erlebt, wie ich auf Crystal war.“

Chefarzt jenes Heidehofes in Weinböhla ist Dr. Sven Kaanen. Er ist ebenfalls bei der Veranstaltung in der Stadtbibliothek, die die Friedrich-Ebert-Stiftung initiiert hat. Viele Interessenten, darunter Lehrer und Erzieher, haben der Diskussion, die sich um das Thema „Crystal Meth“ dreht, beigewohnt. „Man muss jedem ehemaligen Konsumenten den größten Respekt zollen, der sich öffentlich offenbart“, sagt Sven Kaanen. Er gibt zu bedenken, dass „alle Suchtkranken gute Eltern sein wollen, aber sie verkennen ihre Grenzen.“ Dabei gebe es keine Schuldfrage, „denn kein Süchtiger will suchtkrank werden.“

Wie kommt Crystal nach Ostsachsen?

„Die Vorstellung, es gebe irgendwo eine Schmuddelküche, in der die Droge hergestellt wird, ist falsch“, sagt der Suchtexperte. In Tschechien und der Slowakei gebe es inzwischen kleine Industriezweige, die die Produktion im Drei-Schicht-System bewerkstelligen. In großen Mengen kommt Crystal dann über die Grenze – „und es ist ein rentables Geschäft“, erläutert Sven Kaanen. Zwischen etwa sechs Euro kostet die Herstellung eines Gramms. Kauft man es in der Slowakei, zahlt man dafür 15, in Tschechien 25 Euro. „Bei uns kann man es zwischen 100 Euro, in Großstädten für 150 Euro verkaufen.“

Und das ist noch nicht alles: „Durch Kalk und Rohrreiniger wird das Crystal nochmals gestreckt“, berichtet Kaanen. Durch das Reinigungsmittel werden die Schleimhäute derart gereizt, dass sie die Droge schneller aufnehmen. Damit reiche auch eine kleinere, gestreckte Menge für denselben Effekt. „So können aus 15 Euro 600 Euro werden – und der Fahrer, der es nach Deutschland bringt, erhält 20 bis 25 Prozent des Gewinns“, rechnet der Arzt vor.

Wie funktioniert der Konsum?

Die Haupteinnahmeform ist das Schniefen. In einer bis fünf Minuten setzt die Wirkung ein. Weil sich Crystal bei Raumtemperatur mit jeder Flüssigkeit verbindet, sei es für das Spritzen ebenso geeignet. Seit 2011 habe der Arzt in der Suchtklinik den Trend in Sachsen wahrgenommen, dass Abhängige Crystal spritzen, „weil damit die Wirkung schneller einsetzt“. Die Mediziner und Suchttherapeuten haben deshalb Fälle von Hepatitis und Infektionen behandeln müssen. Seit Anfang der 2010 Jahre werde Crystal zudem mehr und mehr inhaliert. Auf Alu-Papier etwa wird es über einer Kerze verbrannt. „Uns sind in Sachsen fünf Todesfälle bekannt, die wegen des Rohrreinigers in der Lunge auftraten“, so der Arzt.

Wie wirkt Crystal Meth?

Die Droge zählt zu den effektivsten, die es derzeit gibt. „Stellen Sie sich vor, sie überholen auf der Autobahn einen Lkw und neben ihnen rast ein Auto mit 300 Sachen vorbei. Sie geraten ins Schlingern und kommen ohne Kollision zum Stehen. Ziehen Sie nun die Angst ab und sie wissen, wie sich ein Konsument kurzzeitig fühlt“, schildert Sven Kaanen. Der Dopamin-Ausstoß, den Crystal freisetzt, verhindert ein Hunger- oder Durstgefühl, der Konsument fühlt sich wach, konzentriert und Schmerzen werden unterbunden. Es steigert nicht nur das Lustgefühl, es macht auch gewaltbereiter: „72 Prozent der Gewaltdelikte unter Jugendlichen sind in Sachsen auf Crystal zurückzuführen“, beschreibt Sven Kaanen. Crystal führe zu einem „Allmachtsgefühl“.

Welche Folgen hat der Konsum?

„Meine Erfahrung ist, dass bei 30 Prozent der Konsumenten die Abhängigkeit sofort einsetzt“, so der Mediziner. Die Droge verursacht ferner irreparable Schäden im Hirn. Die Folgen sind eine deutliche Leistungsminderung, eine Persönlichkeitsabwandelung sowie Herz-Rhythmusstörungen. Ferner bewirkt Crystal, so Sven Kaanen, bei Frauen mehr Eisprünge, was das Schwangerschaftsrisiko deutlich erhöht. „In den ersten drei bis sechs Wochen wird das Ungeborene durch die Droge sowohl geistig als auch körperlich geschädigt“, erklärt der Arzt. Und gerade in dieser Zeit wüssten die meisten noch gar nicht, dass sie schwanger sind.

Wie erkennt man einen Crystal-Konsumenten?

Zu den körperlichen Anzeichen gehören etwa ein dramatischer Gewichtsverlust, erweiterte Pupillen, schlechter werdende Zähne, häufiges Nasenbluten oder mangelnde Hygiene. Auf die Psyche wirkt die Droge zunächst euphorisch und führt zu einer Hyperaktivität. Nach längerer Einnahmen sind Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Schlaflosigkeit die Folgen. Konsumenten haben zudem zumeist finanzielle Probleme. „Es ist wichtig, den Suchtkranken unbedingt anzusprechen“, meint Sven Kaanen. Man bekomme sicher keine gute Antwort, aber ein Nachdenken setzt ein. Zudem sei es sinnvoll, sich an eine Suchtberatungsstelle zu wenden. In Weißwasser befindet sie sich an der Brunnenstraße – Telefonnummer 03576 200007.

Wie im Notfall agieren?

Bei einem Zusammenbruch kommt es zum Schwitzen und zu Fieber, was durch Flüssigkeitsmangel ausgelöst wird. „Unter Crystal-Stehende haben keinen Durst, keine Schmerzen. Kommt es zu einem Zusammenbruch, brauchen sie unbedingt Wasser“, erklärt Sven Kaanen.

Lydia indessen ist bis Mitte Juli noch in der Suchtklinik. „Dann werde ich für zwei Jahre in Sozialprojekte gehen“, erklärt sie, „und hoffentlich meine Kinder wiederbekommen.“ Ihr Therapeut, Sven Kaanen erklärt: „Es ist wichtig zu wissen, dass Crystal-Abhänigige erst nach einem Jahr Abstinenz eine Therapie erhalten.“ Daher ist die Rückfallquote sehr hoch. „Jeder soll trotzdem eine zweite Chance bekommen“, so Kaanen. Und das trifft auch auf Lydia zu.

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Potsdam/Cottbus