Von Christian Köhler

Das kleine Heidedorf Weißwasser ist noch am ausgehenden 19. Jahrhundert weitgehend von Wald umgeben. Dieser wiederum liefert auch das Baumaterial für die meisten Häuser: Holz. „Dominant blieben bis in die 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts reichende Blockbauweise“, erklärt Ortschronist Lutz Stucka.

Die Bauwerke der neu entstehenden Industriestadt um den Bahnhof wurden aus Ziegeln geschaffen. „Der erste Baumeister in Neu-Weißwasser war Eugen Woitschach aus Muskau, der auch ein Bauunternehmen gründete, dem bald mehrere folgten“, so Stucka weiter. Die bekanntesten Firmen der Branche in der Gründerzeit waren Moritz und Julius Windschild, die sehr eng mit dem Architekten Ludwig Finke zusammenarbeiteten, das Baugeschäft und Sägewerk Gottlieb Wauro, die Bauunternehmer Ernst Fulde und Oskar Oertel. Ihnen folgten die Bauunternehmen „Mrosko & Papproth“, „Scholta & Co“, Paul Reder und „Haisler & Thormann“.

Walter Thormann, Sohn des Obersteigers Carl Thormann, war ein bekannter Architekt und Baumeister in Weißwasser. Nach einer vierjährigen Lehre wurde er im Mai 1908 Mitgründer des Bauunternehmens „Haisler & Thormann“. Vater Carl unterstützte ihn mit finanziellen Mitteln, die aus dem Verkauf seiner Braunkohlengrube und Ziegelei stammten.

Von Walter Thormann wurden bis 1933 mehr als „300 Wohnungen, Villen, viele Fabrikbauten projektiert und dann durch seine Firma errichtet“, berichtet Lutz Stucka. Ulrich Thormann, Enkel von Walter Thormann, kann viele Gebäude aufzählen, die in Weißwasser stehen, die sein Großvater errichtet hat: Zum Beispiel das Hotel Prenzel, das Haus des Lebensmittelhändlers Julius Noack, mehrere Gebäude in der Bodelschwingh-Straße, die Villa des Baumeisters Wauro (Straße der Glasmacher/Ecke Muskauer Straße), das Wohnhaus Endler in der Kirchstraße, die Villa Körner in der Rosa-Luxemburg-Straße. „Das macht mich schon stolz“, berichtet der Urenkel der RUNDSCHAU, als er Anfang dieses Jahres in Weißwasser weilt.

Für die Stadt bis heute prägend: der Wasserturm. Im Jahr 1909 wurde der 18 Meter hohe Wasserturm gebaut. Dieser enthielt zur Speicherung des Wassers zwei ineinander gebaute Behälter von je 200 Kubikmeter Fassungsvermögen. Pumpen, die mit Braunkohlengas betrieben wurden, füllten diese Behälter nach Bedarf. „Der Wasserverbrauch, besonders durch die Industrie, stieg rasch an und ein neuer größerer Turm machte sich nötig“, erklärt Ortschronist Stucka.

Der damalige Gemeindebaumeister Weißig projektierte diesen Turm neu, der einfach über den alten gestellt werden sollte. Auf über zwanzig Metern hohen Pfeilern wurde ein 1200 Kubikmeter fassender Betonbehälter gebaut, dessen Ab- und Zuflussleitungen von oben nach unten durch den alten Turm hindurch geleitet wurden. Der erste Turm befindet sich noch heute unversehrt darunter. Im Frühjahr 1929 war das Projekt durch Architekt Weißig fertiggestellt. Die Aufgabe zum Bau erhielt die Firma Thormann, was gleichzeitig eine große Herausforderung für das Unternehmen war, was Walter nun schon seit vielen Jahren selbst leitete.

Walter Thormanns Sohn, Oskar, geboren 1910 in Weißwasser, erlernte im väterlichen Betrieb Maurer und erhielt im Sommer 1930 die Aufgabe, eine Eckfläche des nun schon 30 Meter hohen Wasserturmes als Gesellenstück selbst zu mauern. Noch heute steht der ummauerte Wasserturm – der samt des zu DDR-Zeiten errichteten Springbrunnens unter Denkmalschutz steht – an jener Stelle. Der Wasserturm in Weißwasser ist zu einem Wahrzeichen geworden – und zu einem Maskottchen der Stadt. Die Pläne der Stadtverwaltung 2018, den Springbrunnen zu verkleinern, ist gerade bei älteren Weißwasseranern auf wenig Gegenliebe gestoßen (RUNDSCHAU berichtete).

Zurück zur Unternehmensgeschichte um Walter Thormann: Sein Bauunternehmen befand sich bis 1936 in der heutigen Käthe-Kollwitz-Straße. Bedingt durch die Rückläufigkeit der Bauaufträge, ausgelöst durch die Weltwirtschaftskrise 1929, baute Thormann auf seinem Grundstück 1930/31 ein Wohngeschäftshaus und zwei Mehrfamilienhäuser. Die Vermietung der Neubauwohnungen brachte ihm durch das Wohnraumvermietungsgesetz der nationalsozialistischen Regierung, nicht den Ausgleich seiner Kosten. Das folgliche Ausbleiben zugesicherter Hypothekendarlehn brachte der Firma 1936 das Konkursverfahren.

Durch einen guten Verfahrensabschluss verblieben Walter Thormann einige Mittel, die er für den Erwerb eines neuen Firmengrundstücks einsetzte. Die Bergarbeiterhäuser mit dem Kohlenstauplatz, ehemaliges Betätigungsfeld seines Vaters Carl Thormann, konnte er vom Grafen Arnim günstig erwerben. Hier begann Walter Thormanns zweiter Anfang. Sein Enkel Ulrich Thormann erinnert sich: „Bei uns in der Familie hieß es immer, das Gebiet um den Kohlestauplatz hatten wir nur zu Spekulationszwecken.“ Es entstanden dort vorerst notdürftig in Holzschuppen und den ehemaligen Bergarbeiterhäusern Werkstätten, Lager- und Abstellplätze für Baumaschinen sowie das Architektenbüro. Die Firma Walter Thormann war wieder handlungsfähig.

Als einen seiner ersten Aufträge erhielt Thormann den Auftrag das Wohnhaus des Osram-Glashüttendirektor Dr. Kindt zu bauen. Dieses Haus, „was heute zu den bedeutendsten Gebäuden Weißwassers zu zählen ist“, wie Lutz Stucka einschätzt, wurde von dem renommierten Bauhausarchitekten Professor Ernst Neufert projektiert, welcher kurzzeitig als Freund Professor Wilhelm Wagenfelds in Weißwasser für den Konzern „Vereinigte Lausitzer Glaswerke“ tätig war.

1940 endete das Leben von Walter Thormann tragisch. An seinem 56. Geburtstag ereignete sich bei Weißkeißel ein schwerer Verkehrsunfall, der vom Rothenburger Gendarmerieposten aufgenommen wurde: „Gegen 10 Uhr befuhr der Kreisobmann der Deutschen Arbeitsfront Thiel mit seinem Pkw die Landstraße nach Niesky. Auf der geraden Strecke vor dem Ortsausgang Weißkeißel begann Thiel den vor ihm fahrenden Pkw zu überholen. Da zu diesem Zeitpunkt ein derartiger dichter Nebel herrschte, dass man kaum zwanzig Meter sehen konnte, bemerkte Thiel auch nicht den entgegenkommenden Lastwagenzug des Baumeisters Karl Reifa und stieß mit ihm zusammen. Der Aufprall bewirkte, dass der Tank des Pkw beschädigt wurde, sich das Benzin über die Insassen ergoss und zu brennen begann. Den beiden anderen Fahrern gelang es zwar, die Insassen aus dem brennenden Auto zu ziehen, aber der herbeigeholte Arzt konnte nur noch den Tod der Beiden feststellen.“ Thiels Beifahrer war Walter Thormann. Die Schuld des Unfalls wurde dem Thiel gegeben, noch während das brennende Auto mit Schnee gelöscht wurde.

„Für meinen Vater war das eine Katastrophe – Mitten im Krieg“, erinnert sich Ulrich Thormann. Nach 1945 erfolgte die allmähliche Stilllegung des Betriebes, die Gebäude verfielen und wurden zum Teil abgetragen. Nur die Tischlerei arbeitete bis Ende der 70er-Jahre weiter. An ihrer Stelle befindet sich heute der Bahnhof der Waldeisenbahn an  der Teichstraße. Am 12. April 2008 ist Oskar Thormann, der letzte lebende Miterbauer des Wasserturmes, in Bremen im Alter von 97 Jahren verstorben.

Weitere Fotos von Weißwasser von 1910 bis 1930 gibt es unter
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Das Haus von Julius Noack in der Straße des Friedens in Weißwasser wurde von Walter Thormann errichtet.

Bildergalerie Das Haus von Julius Noack in der Straße des Friedens in Weißwasser wurde von Walter Thormann errichtet.