20 Kilometer hinter der Neiße, vorbei am „Basar Manhattan“ in Leknica und an leicht bekleideten Damen am Straßenrand vor der Stadt Trzebiel (Triebel), liegt Zary (Sorau) im Herzen der polnischen Niederlausitz. Gut eine Autostunde von Weißwasser entfernt geht es über das flache Land durch kleine Ortschaften, in denen manchmal die Zeit stehen geblieben scheint.
Allerdings trügt der Anblick. Derzeit laufen die Bauarbeiten auf der neuen Autobahn 18 zwischen Forst und Breslau, eines der wichtigsten polnischen Verkehrsprojekte dieses und des kommenden Jahres.
Bislang gilt die Landstraße noch nicht als Autobahn, sie soll allerdings 2023 umgewidmet werden, wenn die Arbeiten abgeschlossen sind und so eine schnelle Verbindung zwischen Cottbus und Breslau hergestellt ist.

Verkehrsanbindung als Investitionsschub

„Für uns ist es eine der wichtigsten Investitionen“, erklärt Ireneusz Brzezinski, Wirtschaftsförderer der Stadt Zary. Immerhin liegt die Stadt dann zehn Kilometer neben der Autobahn. Schon jetzt nimmt der Verkehr ab der Auf- bzw. Abfahrt deutlich in Richtung Zary zu.
Es ist ein Standortvorteil, von dem Weißwasser nur träumen kann. „Im Strukturwandel ist es eines unserer wichtigsten Ziele, endlich über eine vernünftige Verkehrsanbindung zu verfügen“, wird Weißwassers Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext) in unzähligen Runden mit der Sächsischen Staatskanzlei und dem Bundesverkehrsministerium nicht müde, zu betonen.
Was nämlich die Nähe zu einer Autobahn bedeutet, lässt sich nicht nur am vollständig belegten Gewerbegebiet in Kodersdorf beobachten, sondern auch in Weißwassers Partnerstadt auf polnischer Seite. „Wir sind derzeit dabei, unser Industriegebiet zu erweitern“, erklärt Brzezinski. Rund zehn Hektar sind es in Zary, etwa doppelt so viel noch einmal im benachbarten in Zagan (Sagan).
Beide Städte haben sich mit Blick auf die Autobahnanbindung zusammengetan, gemeinsam Förderung und Planung bewerkstelligt. „Die Investoren stehen bei uns Schlange“, sagt Brzezinski. Er weiß: „Wenn Investoren zu uns ins Rathaus kommen, dann fragen sie zuerst, wie weit ist es von euch bis zur Autobahn.“
Das sind auch Fragen, die an das Weißwasseraner Rathaus gestellt werden. Und das, wie Torsten Pötzsch zu verstehen gibt, nicht nur von Investoren. Örtliche Unternehmen, wie etwa die Tischlerei Nickel, die deutschlandweit, im EU-Ausland und auch in den USA tätig ist, müssen diesen Standortnachteil bislang hinnehmen. „Für uns ist es einfach Geld, was mit weiten Transportwegen fehlt“, erklärte jüngst Geschäftsführer Armin Knab gegenüber der Rundschau.

B 178n und der Freistaat Sachsen

Eine Möglichkeit, die Weißwasser und die Umlandgemeinden sehen, ist der Bau einer durchgehenden vierspurigen Straße zwischen Weißenberg an Rietschen und Weißwasser vorbei bis nach Cottbus. Eine Machbarkeitsstudie ist für die im Kohle-Kompromiss bereits aufgenommene Infrastrukturmaßnahme bereits vor der Landtagswahl 2019 in Auftrag gegeben worden. Zu den Inhalten der Studie will sich das Wirtschaftsministerium in Dresden auf Nachfrage nicht äußern.
Auch nicht zu der Frage, ob die Landkreise in Nordsachsen die „MiLau“, eine Verbindung von Leipzig über Hoyerswerda und Weißwasser bis nach Bad Muskau favorisieren würden. „Beide Projekte sind unabhängig voneinander und es besteht auch keine Rangfolge zwischen ihnen“, sagt Ministeriumssprecher Christian Adler.
Welchen Stellenwert allerdings die Verbindung A 4 und A 15 sowie die Region um Weißwasser „nördlich von Weißenberg“ hat, könnte folgende Aussage des Ministeriums nahelegen: „Die Ausarbeitungen der Machbarkeitsstudie befinden sich gegenwärtig in der Prüfung und Endabstimmung mit dem Land Brandenburg, über dessen Territorium die Strecke nördlich von Weißenberg verlaufen würde.“

Zary setzt auf viele Köpfe im Rathaus

Während im Weißwasseraner Rathaus offiziell eine halbe Stelle für die Wirtschaftsförderung eingeplant ist – City-Manager Frank Lublow über EU-Mittel gefördert und OB-Referent Wulf Stibenz nur bedingt bei der Wirtschaftsförderung einbezogen ist – ist Ireneusz Brzezinski noch enger mit den Abteilungen im Rathaus vernetzt. „Bei uns kümmern sich um Fördermittel, also Akquise und dessen Abrechnung, rund 50 Mitarbeiter aus den verschiedensten Abteilungen“, sagt er.
Neben Publikationen – die Stadt wendet jährlich 120 000 Zloty (rund 30 000 Euro) für Annoncen, Werbeflyer, Stadtpläne oder Präsenzen im Netz und in den sozialen Medien auf – ist Brzezinski zudem ständig in der Stadt im Gespräch mit Unternehmen.
„In unserem Industriegebiet arbeiten 2500 Menschen, und die Nachfrage nach neuen Standorten für Unternehmen steigen“, sagt der Wirtschaftsförderer. In Weißwasser dagegen steckt der Plan, das Industriegebiet in der Südstadt zu erweitern, noch in den Kinderschuhen. „Wir sind dabei, die Stadt zu unterstützen“, sagt Jörg Mühlberg von der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung (SAS).
Allerdings sei „die Aufstellung eines Bebauungsplanes ureigenste kommunale Aufgabe“. Zuvor allerdings müssten erst einmal die Flächen in städtischen Besitz. Da aber ist Zary schon wesentlich weiter, wohl auch wegen der Nachfrage und der Autobahn.

Industrie in Zary


Die Stadt Zary hat rund 40 000 Einwohner. Das Industriegebiet der Stadt, was über eine Umgehungsstraße erreichbar ist, beherbergt acht Unternehmen, die über 250 Mitarbeiter beschäftigen. Insgesamt sind hier etwa 200 Firmen angesiedelt, bei denen nach Angaben der Stadtverwaltung mehr als 2500 Beschäftige angestellt sind. In der Stadt selbst gibt es rund 6000 Industriearbeitsplätze. Das investierte ausländische Kapital beträgt seit 1990 rund 600 Millionen Euro. Die wichtigsten Wirtschaftszweige sind die Holzindustrie (das schweizer Unternehmen „Krono“) sowie Glas-, Motoren-, Elektro- und Metallindustrie.

Das Holzwerk von „Krono“ ist 1994 in Zary eröffnet worden. Nach Unternehmensangaben arbeiten hier 1115 Mitarbeiter. Es ist damit das größte Werk des Konzerns. Dieser verfügt über zehn Werke in acht Ländern.