Haben Sie schon mal gepuzzelt? Dann wissen sie, wie das ist, wenn man in einer Unzahl von Teilchen das sucht, was passen muss. Nach dem gefühlt hundertsten Versuch möchte man nur noch eins, alles in die Ecke pfeffern...

Jetzt stellen Sie sich vor, sie stehen vor einer Fläche voller Scherben. Tausende in unterschiedlichen Größen und Farben – und sollen daraus die Gefäße wieder zusammensetzen. Sie hätten gar nicht erst angefangen? Kann man verstehen.

Ganz anders bei Helga Heinze aus Sagar und Holger Klein aus Bad Muskau. Beide sind seit Jahrzehnten einem Virus verfallen. Heimatgeschichte im Allgemeinen und Muskauer Steinzeug im Besonderen haben es ihnen angetan. Klar, dass sie auch die Sisyphusarbeit mit den Scherben angehen. Was vor rund 350 Jahren auf dem Grundstück an der Kirchstraße in Muskau in die Erde geschüttet wurde, wird geborgen und so gut es geht, zusammengesetzt. 200 Gefäße werden wiedergeboren. 70 davon sind in der Ausstellung „Muskauer Steinzeug vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ im Neuen Schloss in Bad Muskau ab sofort zu sehen.

Für Dr. Cornelia Wenzel, Stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung Fürst-Pückler-Park Bad Muskau, ist es eine große Freude und auch Genugtuung, dass diese Sonderschau eröffnet werden kann, denn sehr lange musste für ihr Entstehen gerungen werden. Um so opulenter und überzeugender kommt sie nun daher. Denn Muskauer Keramik ist nicht nur regional bedeutsam, sondern hat seinen Siegeszug in die weite Welt angetreten. So sind Sammlerstücke in Museen in New York, London, Wien und St. Petersburg vertreten.

Muskau ist mehr als nur Pückler. Dieser Ausspruch von Parkchef Cord Panning im vergangenen Jahr auf die Sonderausstellungen zu den Standesherren Prinz der Niederlande und von Arnims gemünzt, trifft auch den Ton der neue Sonderausstellung. Wurde 2018 die Muskauer Geschichte von der Spitze der gesellschaftlichen Pyramide her betrachtet, „tun wir es nun aus deren Mitte heraus“, so Cornelia Wenzel. Herausgekommen sei eine Ausstellung, die ein besonderer Meilenstein für die Parkstadt ist. In dreierlei Hinsicht: für die Stadt und ihre Bürgerschaft, für die Wissenschaft sowie für die zwei glücklich Berufenen. Haben doch Helga Heinze und Holger Klein die 400-jährige Geschichte des Keramikhandwerks fundiert betrachtet und  detailbesessen aufgearbeitet. Jahrelange ehrenamtliche Forschung, Enthusiasmus und viel Herzblut stecken in der Schau im Neuen Schloss. Das hat zur Folge, dass die Kenner und Sammler lächelnd durch die Ausstellung gehen – wohl wissend um den besonderen Schatz – während der Laie angesichts der Fülle nur staunen kann.

560 Leihgaben aus 16 deutschen, tschechischen und polnischen Museen und Institutionen, von 15 privaten Sammlern sowie aus dem Bestand des einstigen Museums der Stadt Bad Muskau und des Freundeskreises Historica Bad Muskau zeigen nicht nur die Vielfalt an Form und Dekor, sondern auch die Handelswege und somit die Verbreitung der Muskauer Töpferwaren auf. Sie geben zudem einen Einblick in die Produktionspalette des technischen Steinzeugs, die innerhalb von 150 Jahren etwa 100 000 verschiedene Artikel umfasste.

Dabei bezieht sich der Begriff Muskauer Steinzeug nicht explizit auf die Neißestadt. Das ist der eine Teil. Dessen Töpferinnung ist seit 1596 nachweisbar. Der zweite Teil umfasst die heute zu Polen gehörenden Orte Triebel (Trzebiel), Teuplitz (Tuplice), Jocksdorf (Jaglowice) und Zibelle (Niwica). Der Ton aus dem Muskauer Faltenbogen sowie das Holz aus der Heide boten die Grundvoraussetzungen für das Handwerk. Die Meister aus beiden „Lagern“ wussten mit Formen und Dekoren zu überzeugen. Allerdings unterscheiden sich beide doch in den Farben. Steht Muskau für braune Salzglasuren, kommt aus Triebel blaue Keramik. Sie finden sich nicht nur in den Haushalten der Region wieder, sondern werden in ihrer Blütezeit im 17. Und 18. Jahrhundert auf die Märkte nach Breslau, Prag und Wien geschafft.

Apropos Wien. Ein Kopie eines Bildes von 1869 zeigt eine junge Frau, wie sie mit einem Krug vor dem „Schwarzen Rössl“ Wasser holt. Die Wiener Kanne, die sie dabei in der Hand hält, ist aus Muskauer Keramik.

Neben dem Handwerk kommt auch die Produktion von technischem Steinzeug in Krauschwitz im Schloss nun zu Ehren. Die Produkte hatten Weltruf, unterstreicht Regina Barufke von der Stiftung Fürst-Pückler-Park. Behältnisse von bis zu 6000 Liter Fassungsvermögen, übermannshohe Isolatoren oder Abwassersysteme, die in Berlin oder Belgrad verlegt wurden, sprechen für sich.  2004 wurde das Kapitel Steinzeugwerk für immer geschlossen. Die 400-jährige Töpfertradition war in Bad Muskau bereits 1991 mit der Schließung des letzten Handwerkbetriebes bereits zu Ende gegangen. Es ist wirklich an der Zeit, diese Geschichte zu würdigen.