In der Winterkirche der Evangelischen Gemeinde Weißwasser werden die Uhren zurückgedreht. Es geht zurück in die Herbsttage des Jahres 1989, als plötzlich ein ganzes Land im Umbruch war. Ernst Opitz, Geschäftsführer vom Impuls-Verein/Christliche Initiative für Jugend- und Sozialarbeit Weißwasser, hat sich Zeit für die Zeitreise genommen. Auf die begeben sich an dem Tag Zehntklässler des Landau-Gymnasiums.

Eltern als Mauerfall-Zeitzeugen befragt

Ist die DDR nichts anderes als das Römische Reich: Geschichtszahlen und Ereignisse aus dem Geschichtsunterricht und damit ganz weit weg für die 15-/16-Jährigen? Leo, Lena und ihre Mitschüler sehen das nicht so. Sie haben gerade im Rahmen des Unterrichts eine neue Methode ausprobiert: die Befragung von Zeitzeugen. Dafür mussten zum Beispiel Eltern und/oder Großeltern Rede und Antwort stehen. Lange überlegen mussten diese nicht. Außerdem wussten sie viel zu erzählen, wie Vanessa und Eleni unterstreichen können. Lena, die sich als sehr geschichtsinteressiert bezeichnet, fand es toll, mit ihrem Vater solch intensive Gespräche geführt zu haben. „Es ist nicht wie im Buch“, so Leo. Weil jeder, der Zeitzeugen seine Geschichte erzählt, könne man die Zeit besser verstehen. Wo sonst nur geschichtliche Fakten auf die Schüler warten, gibt es nun Emotionen oben drauf.

Familien verlassen Weißwasser

Aber wie war das nun bei Ernst Opitz? Am 9. November 1989 steht er in der Kirche in Weißwasser, weil ein Diskussionsabend anstand. Einer der Gäste erzählte etwas von der offenen Mauer. Später wurde aus dem Unglauben Gewissheit. Sofort stellt sich die Frage, was das alles bedeuten würde. Klar war Opitz aber schon, dass sich die offene Mauer nicht mehr würde schließen lassen. Hatte man vor der Wende bedauert, wenn Menschen einen Ausreiseantrag gestellt haben, verließen nach der Wende noch mehr Familien Weißwasser und die Region, der Arbeit wegen. Beides sei deprimierend gewesen. „Wer ausreisen wollte, war dann auch mal seine Stelle los“, erklärt Opitz den Schülern.

Im Visier der Stasi

Die Schüler halten mit ihren Fragen nicht hinterm Berg. So wollen sie wissen, ob Opitz im Visier der Staatssicherheit war. „Ich habe immer damit gerechnet“, erklärt er. Das Engagement in der Kirche im Kreis für Erwachsene, dem Arbeitskreis Umwelt/Kohle ab 1987 oder die Arbeit mit Jugendlichen hätte von ihm auch eine gewisse Form der Selbstkontrolle verlangt, „um nicht ins offene Messer zu laufen.“

Und was denkt er heute zuerst, wenn er DDR hört? „Das Zusammengehörigkeitsgefühl war wirklich stärker ausgeprägt als jetzt.“ Das hatte aber auch Gründe. Opitz macht es für die Landauer am Bau einer Gartenlaube fest und dem Besorgen von Zement für denselben. Wenn es den bei der damaligen Bäuerliche Handelsgenossenschaft (BHG) gab, dann sind auch Bekannte mit dem Trabi auf Zementeinkauf gefahren, weil sie wussten, ein Freund braucht den Baustoff. Auf der anderen Seite sei die Gesellschaft nicht so erpicht gewesen, immer nach neuen Anschaffungen zu rennen.

Keine rosarote Brille

Den Westen, so Opitz, habe er nicht durch die rosarote Brille gesehen. Dafür hätten Kirchenkontakte vor dem Mauerfall gesorgt.

Gleiches galt sozusagen auch für die Sowjetunion. Den Einmarsch der Truppen nach Prag hat Opitz als Kind im Ferienlager im Erzgebirge als Ohrenzeuge miterlebt. Später reiste er mit Freunden ins damalige Leningrad. Im Gepäck waren auch Bibeln für die dortigen Gemeinden. Eine verbotene Ware. Aufmerksam haben er und andere 1987 nach Moskau geschaut. Glasnost und Perestroika wollte man auch in der DDR und in Weißwasser. „Schließlich hieß es: Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen.“

An dem Zeitzeugenprojekt haben alle drei zehnten Klassen des Landau-Gymnasiums mit ihren Geschichtslehrerinnen Jana Tzschacksch, Cornelia Frei und Sylvia Gottschall teilgenommen. Neben Ernst Opitz haben sich Pfarrer Martin Zinkernagel, Oberbürgermeister a.D. Dieter Lößner und Andreas Fuhrmann, ehemaliger stellvertretender Leiter des Landau-Gymnasiums von den Schülern „löchern“ lassen.

Die Geschehnisse vor 30 Jahren


Das erste Friedens- und Demokratiegebet fand nach Vorbild der Leipziger Nikolai-Kirche am 30. Oktober 1989 in der Evangelischen Kirche Weißwasser statt. Die Evangelische Kirche hatte in Weißwasser in der Folgezeit einen wesentlichen Anteil an den politischen Veränderungen, im Besonderen durch die Friedensgebete und Gespräche am Runden Tisch. Der Pfarrer Reinhard Müller und andere in seinem näheren Umfeld waren Aktivposten beim friedlichen Ablauf der Friedensgebete.

Anfangs waren es noch Visionen zur Erneuerung des Gesellschaftssystems, später wurden dann schon Forderungen zur deutschen Einheit lauter.

Zum Friedens-und Demokratiegebet am 6. November 1989 hatte das Neue Forum des Kreises Weißwasser aufgerufen, Es waren etwa 3000 Teilnehmer. Alle Gänge, der Altarraum und die ganze Kirchstraße standen voll mit Menschen. Leider regnete es und einer der Außen-Lautsprecher funktionierte nicht.

Pfarrer Reinhard Müller sprach zu den Anwesenden. (Quelle: Karl-Heinz Schmidl, ehemaliger Ortschronist)