2. Weltkrieg in Muskau
: „Long March“ – Bratwurst und Bier sind mehr als eine Geste

Die US-Armee und Angehörige von Veteranen erinnern an den Langen Marsch alliierter Kriegsgefangener. In Bad Muskau werden sie überrascht.
Von
Regina Weiß
Bad Muskau
Jetzt in der App anhören
Susan und ihr Sohn Michael sind aus den USA angereist, um auf dem Langen Marsch, der auch durch Bad Muskau geht, an ihren Vater beziehungsweise Großvater zu erinnern.

Susan und ihr Sohn Michael sind aus den USA angereist, um auf dem Langen Marsch, der auch durch Bad Muskau geht, an ihren Vater beziehungsweise Großvater zu erinnern.

Regina Weiß
  • Gedenkmarsch in Bad Muskau erinnert an den "Long March" alliierter Kriegsgefangener im 2. Weltkrieg.
  • Familienmitglieder reisen aus den USA an, um der Vorfahren zu gedenken.
  • Historiker betonen Freundschaft und Verständigung zwischen Nationen.
  • 140 US-Soldaten nehmen teil, werden mit Bratwurst und Bier empfangen.
  • Marschstrecke von 85 km, Endziel ist Spremberg mit Gedenkstein-Einweihung.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Einigen steht der Schmerz regelrecht ins Gesicht geschrieben. Mit zehn Kilogramm oder noch mehr auf dem Rücken und nicht gerade den besten Straßen unter den Füßen – da können die Blasen schon wachsen. Deshalb muss so mancher Soldat, so manche Soldatin von der Straße auf das Auto umsatteln, um die nächste Zwischenetappe in Bad Muskau zu erreichen. Die Erinnerung an den Long March fordert Opfer.

Wie mag es da erst vor 80 Jahren gewesen sein, bei teilweise Minus 20 Grad Celsius, Schneetreiben und keiner wirklichen Ahnung, wo die To(rt)ur enden würde. Angefangen hat alles am Abend des 27. Januar 1945. Als das sogenannte Stammlager 3 (Stalag) evakuiert wurde. Abertausende alliierte Kriegsgefangene aus den Luftwaffen der USA und des Britischen Königsreiches machten sich damals auf den Weg gen Westen.

Mit einem Sprechgesang auf den Lippen geht es am 26. Januar 2025 beim Langen Marsch durch Bad Muskau in Richtung Gablenz und weiter nach Schleife

Mit einem Sprechgesang auf den Lippen geht es am 26. Januar 2025 beim Langen Marsch durch Bad Muskau in Richtung Gablenz und weiter nach Schleife

Regina Weiß

Unter ihnen waren Virgil N. Sommers und Richard Butler. Der eine sitzt im Zweiten Weltkrieg in einem Bomber B 24 Liberator, der andere in einer P-38 Lightning– einem Jäger. Der Erstgenannte wird am 13. Oktober 1944 in Ungarn abgeschossen. Glücklicherweise überlebt die gesamte Besatzung und landet im Kriegsgefangenenlager. Der Zweitgenannte wird im Rahmen seiner 50. Mission über Süditalien in einem Luftkampf getroffen und kommt als Gefangener ins schlesische Sagan (heute Zagan).

Auf dem Langen Marsch die Tagebücher gerettet

Beide Männer konnten nach ihrer glücklichen Heimkehr aus diesem schlimmen Krieg Familien gründen. Gesprochen haben sie kaum oder ganz wenig über ihre Erlebnisse. Bei Richard Butler findet sein Sohn gleichen Namens nach seinem Tod fünf sehr vollgeschriebene Tagebücher. Die hat der Kriegsgefangene während des Langen Marsches am Körper getragen. Sein Sohn hat die Geschichte seines Vaters unter dem Titel „P-38 Odyssey Farmboy, Pilot, POW“ (Bauernjunge, Pilot, Kriegsgefangener) herausgegeben. Nun wandelt der Sohn auf den Spuren seines Vaters. Dafür ist er aus Arizona angereist.

Einer der Angehörigen hat ein Bild seiner Vaters mitgebracht. Die Zeichnung vom Marstall hat er im Januar 1945 angefertigt. Im Marstall des Muskauer Parks nehmen die Soldaten 2025 Aufstellung.

Einer der Angehörigen hat ein Bild seiner Vaters mitgebracht. Die Zeichnung vom Marstall hat er im Januar 1945 angefertigt. Im Marstall des Muskauer Parks nehmen die Soldaten 2025 Aufstellung.

Regina Weiß

Susan L. Matheis hat sich aus Missouri auf den Weg gemacht, Sohn Michael aus Georgia. Das Angesicht von Vater und Großvater tragen sie nicht nur im Herzen, sondern auf T-Shirts. Beim Jubiläum des Langen Marsches wollten sie unbedingt dabei sein. Es sei eine tolle Sache, so die Erinnerung wachzuhalten, erzählen sie LR.de. Andere Angehörige – insgesamt über 40 – kommen aus Australien oder Neuseeland.

Es um geht um viel mehr

Für den Historiker Howard de Lestre ist es allerdings noch viel mehr. Es geht nicht nur um den Blick zurück, sondern um den nach vorn. Ein Marsch der Freundschaft und des Verständnisses zwischen den Nationen soll es möglichst werden. Schließlich sei auch vor 80 Jahren die Erkenntnis gewachsen, dass Menschlichkeit die Feindschaft besiegen kann.

Howard de Lestre kann sich an Gespräche mit Veteranen erinnern. So soll in Muskau eine Frau einem der Kriegsgefangenen heißes Wasser gegeben haben, weil der junge Mann sie an ihren in Stalingrad gefallen Sohn erinnert habe. Woanders war es warme Suppe oder mal ein Stück Brot. Oder die Möglichkeit, unter einem Dach, das erste Mal wieder im Warmen – wie in der Glasfabrik in Lugknitz (heute Łeknica) schlafen zu können. So habe Muskau bei den Erzählungen der Veteranen immer einen besonderen Stellenwert gehabt.

Jana Kretschmer von der Stiftung Fürst-Pückler-Park nimmt als Dankeschön ein Logo der Brigadeeinheit von Presseoffizier Samuel Andragachew entgegen.

Jana Kretschmer von der Stiftung Fürst-Pückler-Park nimmt als Dankeschön ein Logo der Brigadeeinheit von Presseoffizier Samuel Andragachew entgegen.

Regina Weiß

Was damals warmes Wasser war, ist heute eine frisch gegrillte Bratwurst und eine Flasche Bier. Die rund 140 amerikanischen Soldaten, die unter anderem in Poznan (Posen), Zagan und Bolesławiec (Bunzlau) stationiert sind, sind hin und weg über diesen Empfang, mit dem sie überhaupt nicht gerechnet haben. Mitarbeiter der Stiftung Fürst-Pückler-Park und Mitglieder des Freundeskreises Muskauer Park sind deshalb vor Ort und bekommen ihren Einsatz mit strahlenden Augen und dem vielfachen Lob zurück. So ist die Bratwurst „amazing“ (toll) oder „delicious“ (köstlich). Na und das „German Beer“ erst – ohne Worte. Es trifft nicht nur den Magen. Es trifft vor allem das Herz.

Langer Marsch: Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen

Genauso wie eine Tüte mit Süßigkeiten, die eine Bad Muskauerin mit lieben Grüßen abgegeben hat. Die Soldatinnen genießen die Schokolade und Kekse besonders. Es ist „powerfood“ (Kraftnahrung) für den nächsten Tag. Schließlich sind von den rund 85 Kilometer Gesamtstrecke noch fast 28 Kilometer nach Spremberg zu absolvieren. Dort soll bei einem Appell ein Gedenkstein eingeweiht werden.

Die Soldatin trägt nicht nur die Fahne ihrer Einheit, sondern mehr als 20 Kilogramm auf dem Rücken. Die Soldaten der US-Army nehmen Aufstellung für die Fortsetzung des Langen Marsches ab Bad Muskau.

Die Soldatin trägt nicht nur die Fahne ihrer Einheit, sondern mehr als 20 Kilogramm auf dem Rücken. Die Soldaten der US-Army nehmen Aufstellung für die Fortsetzung des Langen Marsches ab Bad Muskau.

Regina Weiß

Auf diesem letzten Abschnitt ist freie Kameradschaft „Stolpernde Schildkröte“ (Aufklärer-Fallschirmjäger) dabei, die es seit 1993 gibt. Es sind ehemalige deutsche Armeeangehörige. Bernd-Rüdiger Lehmann ist einer von ihnen. „Wir sind dankbar, dass wir nie in einem Krieg kämpfen mussten“, sagt er. Und für die Zukunft der Kinder soll das auch so bleiben.

„Ich habe von meinem Vater erfahren, dass man aus der Geschichte lernen sollte. Deswegen gehe ich diesen Marsch mit“, sagt Oberstleutnant Joe Richman. Neben ihm sind alle Soldaten freiwillig unterwegs. Für die letzten Kilometer geht es mit einem Sprechgesang ab dem Marstall los. Einige müssen dabei aber ganz schön die Zähne zusammenbeißen. Der Lange Marsch fordert auch heute noch Opfer.