Wirtschaft in Spremberg: Wie stark gefährdet der Rechtsruck den Strukturwandel?

Zum Weltflüchtlingstag in Cottbus sind geflüchtete Menschen mit Unternehmern aus der Region ins Gespräch gekommen.
Thomas Goethe/IHK Cottbus- Spremberg kämpft mit wachsendem Rechtsextremismus – gefährdet Strukturwandel und Fachkräftegewinnung.
- AfD erzielte in Südbrandenburg teils über 60 % – rechtsextreme Gruppen werben Jugendliche vor Schulen.
- IHK Cottbus fordert Integration und Grundwerte – setzt auf Sprachkurse und Willkommenslotsen.
- Fachkräfte aus Polen kehren zurück – Region verliert im Wettbewerb mit europäischen Großstädten.
- Strukturwandelprojekte wie Biomethanfabrik in Spremberg stoßen auf Misstrauen und Verzögerungen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Christine Herntier (parteilos), Bürgermeisterin in Spremberg, hat eine Debatte über den wachsenden Rechtsextremismus losgetreten. Er ist nicht nur in ihrer Stadt ein Problem. Er trifft die Lausitz. Wie gefährden die extrem Rechten den Strukturwandel? Rückkehrer und Fachkräfte aus dem Ausland werden gebraucht, das sagt André Fritsche, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus.
Die AfD hat zur Bundestagswahl 2025 im Süden Brandenburgs viele Stimmen eingesammelt. Über 40, über 50, vereinzelt sogar über 60 Prozent der Wähler. Nach solchen Zahlen fühlen sich rechtsextreme Gruppierungen willkommen. Sie stecken ihr Feld ab und werben junge Menschen direkt vor den Schulen.
Migrationsquote liegt in der Lausitz unterm Bundesdurchschnitt
Es helfe der Wirtschaft, dass die Bürgermeisterin über den Rechtsextremismus spricht. „Die IHK muss politisch neutral sein. Wir vertreten die Interessen von mehr als 37.000 Mitgliedsunternehmen. Im Gebiet von der Metropolregion am Flughafen bis in die südliche Elbe-Elster-Region ist die Stimmungslage sehr unterschiedlich“, sagt André Fritsche. Aber die zunehmende politische Polarisierung an den Rändern mache es schwieriger, einen Konsens zu finden. „Als ich Cottbus nach dem Abitur vor mehr als 20 Jahren verlassen habe, lag die Migrationsquote hier bei drei Prozent“, erinnert er sich. Jetzt sind es über zehn Prozent.
Bundesweit liegt die Migrationsquote bei 30 Prozent. „Aber viele Menschen wissen nicht, wie sie mit den sprachlichen und kulturellen Unterschieden umgehen sollen“, so Fritsche, „es fehlt der Begegnungsraum mit fremden Menschen. Auch in den regionalen Unternehmen, wo Angestellte über viele Jahre arbeiten, ist die Migrationsquote noch gering.“
Fremdenfeindliche Vorfälle können Fachkräfte abschrecken. Das sei so, sagt Fritsche, wenn der Vorfall Menschen passiert, die zu einer Community gehören. Zum Beispiel Studenten – da spricht es sich schnell herum. Es gebe auch Stellenbewerber, die googeln, mit welchen Themen die Region in Verbindung gebracht wird. „Wir haben keine Kenntnis von Bewerbern in Unternehmen, die sich wegen eines extremen Images der Region zurückziehen. Aber wir wissen auch nicht, wie viele kommen würden, wenn es kein Thema wäre“, sagt er.

André Fritsche, der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus: „Dass sich Jugend wieder radikalisiert, sich vereinnahmen lässt, beobachtet man auch in der Unternehmerschaft mit großer Sorge.“
Thomas Goethe/IHK CottbusDie Menschen sehen den Wandel und kommen, weil sie in der Lausitz gestalten können. Es gibt spannende Jobs – in der Uniklinik, in der BTU Cottbus-Senftenberg und in vielen Unternehmen, zählt Fritsche auf. „Wir sind in den Löhnen wettbewerbsfähig, in Cottbus wie in Schwarze Pumpe“, so Fritsche. Wohnraum und soziale Infrastruktur seien jedoch ebenso wichtig. Weichen Menschen in die Fläche aus – nach Spremberg, Guben, Forst, Calau, braucht es dort mehr soziale Infrastruktur von der Versorgung bis zu Kulturangeboten. „Integration bedeutet ja keine Assimilation. Menschen können sich integrieren, ohne ihre Herkunft aufzugeben. Integration bedeutet Sprache, Verständnis für das Gegenüber und sich auf unsere Grundwerte einzustellen“, sagt André Fritsche.
Lange Debatten um Strukturwandel-Projekte in Spremberg
Was Herntier anspricht, sei nicht neu – „aber eine Erscheinung, die viele Jahre in den Hintergrund getreten war“, so der IHK-Chef. Das Korrektiv, die Grenze des Unsagbaren, sei weg. „Da, wo Straftaten geschehen, bringen das Geschäftsführer zur Anzeige. Wenige Unternehmen können es sich leisten, eine Politik der Ausgrenzung zu akzeptieren. Auch weil sie ausländische Arbeitskräfte haben“, so André Fritsche, „dass sich Jugend wieder radikalisiert, sich vereinnahmen lässt, beobachtet man auch in der Unternehmerschaft mit großer Sorge.“
Der Strukturwandel hat es nicht einfach in Spremberg. Mehrere Vorhaben werden kontrovers diskutiert. Eine Biomethanfabrik, der Kupferbergbau, die Industriepark-Erweiterung. „Proaktiv in den Austausch zu gehen, das hilft den Unternehmen“, sagt André Fritsche. Aber da sei ein Grundmisstrauen gegenüber Projekten und Veränderungen. „Entscheidungen können nicht ständig infrage gestellt werden. Wir ziehen alles in die Länge“, so der IHK-Chef. Das könne sich die Region nicht mehr leisten. „In einigen Bereichen überholt uns unser Nachbarland Polen. Bei Projekten und auch bei Gehältern. Polnische Fachkräfte ziehen zurück“, sagt Fritsche. Aber was wird hier, wenn der Busfahrer und die Pflegekraft in ihre Heimat zurückgehen?
Fachkräfte aus Polen kehren in die Heimat zurück
Ein Problem, das er sieht: Es gehe alles zu schnell für die Gesellschaft. „Wir beobachten, problematisieren und diskutieren“, sagt er, „in anderen Ländern ist man viel schneller dabei zu handeln.“ Die polnischen Grenzkontrollen seien so ein Beispiel: „Wir diskutieren über eine europäische Integration, und die Antwort der Bundesregierung seit anderthalb Jahren – auch unter der SPD-geführten Bundesregierung – ist die Grenzkontrolle innerhalb der Schengen-Grenzen.“
Dabei ist es höchste Zeit, die Beziehungen zum Nachbarn zu verbessern. Zum Beispiel mit Polnisch-Unterricht in den Schulen der Grenzregion und einem regen Schulaustausch. „Wir müssen die gegenseitige Empathie von Jugendlichen in der Grenzregion stärken. Wenn wir in der Kindheit und Jugend nicht die Grundlagen dafür legen, können wir von den Unternehmen nach 20 Jahren nicht erwarten, dass sie das Ruder herumreißen“, sagt Fritsche.
Auch mit der BTU sind die IHK und die Unternehmen im Austausch. Nur unzureichend gelinge es, die vielen ausländischen Studierenden nach ihrem Abschluss in der Region zu halten. „Dafür ist unsere Region im Wettbewerb mit den europäischen Großstädten noch nicht interessant genug“, so Fritsche. Die BTU mache vieles richtig, sonst würden die jungen Leute nicht zum Studieren herkommen. „Absolvierende des Studienprogramms Cyber-Security zum Beispiel sind Goldstaub“, so der IHK-Chef, „wir brauchen mehr unternehmerischen Mut, um den Studierenden mit ihren Kompetenzen eine Chance zu geben.“
IHK setzt auf die Grundwerte des Kaufmanns
► Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus setzt auf die Grundwerte des ehrbaren Kaufmanns. Er tritt unter anderem für Freiheit, soziale Sicherheit und Wahrung der Menschenwürde ein.
►Zu den Grundwerten gehören unter anderem Anstand, Ehrlichkeit, Fleiß, Entschlossenheit, Weltoffenheit und Gerechtigkeit. Demnach sollen Unternehmen rechtsstaatlich, weitsichtig und verantwortungsvoll handeln.
►Die IHK Cottbus hilft Mitgliedsunternehmen bei der Integration ausländischer Fachkräfte und Geflüchteter. Sie berät und vermittelt Kontakte. Es gibt eine Willkommenslotsin und im IHK-Bildungszentrum Sprach- und Willkommenskurse.



