Sucht in Familien
: Blaues Kreuz startet neues Hilfsangebot in Spremberg

Kinder leiden besonders, wenn eine Sucht der Eltern das Familienleben bestimmt. In Spremberg soll dafür erstmals in Brandenburg ein bemerkenswertes Hilfsangebot aufgebaut werden. Warum ausgerechnet dort?
Von
Stefanie Krautz
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Sophie Zehner baut derzeit die Beratungssstelle "Drachenherz" in Spremberg auf, das Kinder aus suchtkranken Familien helfen soll. Das Projekt gehört zum Blauen Kreuz, eine Organisation im Bereich Prävention und Suchthilfe.

Stefanie Krautz

Jedes sechste Kind im Land lebt in einem von einer Sucht belasteten Haushalt, sagt die Brandenburgische Landesstelle für Suchtfragen (BLS). Um zu helfen, gibt es zwar zahlreiche Konzepte, Tagungen und aber Fachleute. Aber konkrete und praktische Hilfe finden Betroffene kaum.

In Spremberg ändert sich das gerade: In der Stadt an der Spree wird gerade ein Hilfsangebot aufgebaut, das sich speziell an Kinder in suchtbelasteten Familien richtet. Es heißt „Drachenherz“. Dahinter steht, wie in anderen deutschen Städten auch, das Blaue Kreuz, eine traditionsreiche Organisation zur Selbsthilfe bei Suchtkrankheiten.

Das neue Angebot braucht auch Spenden

In Spremberg arbeitet seit einigen Monaten Sophie Zehner, in einem hellen Büro, das auch Spielzeug und Kuscheltiere für Kinder bereithält. Zehner ist gelernte Erzieherin, Traumapädagogin und Kinderschutzfachkraft. Die meiste Zeit ihres Arbeitslebens hat sie in einer Jugendhilfeeinrichtung für schwerst traumatisierte Kinder gearbeitet – und – Sophie Zehner hat Erfahrung mit suchtkranken Eltern. Derzeit leistet sie vor allem mit Netzwerkarbeit und sagt: „Ich erfahre viel positives Feedback. Den Aufbau der Arbeit hätte ich mir nirgends besser vorstellen können als hier.“

Die Personalkosten werden in den nächsten fünf Jahren von der Aktion Mensch teilfinanziert. Für weiteres ist das Drachenherz-Projekt auf Spenden angewiesen – für Spielsachen, Bastelmaterial, Kosten für warme Mahlzeiten und für einen Fahrdienst. Auch Ehrenamtler zur Unterstützung der Arbeit werden gesucht.

Was soll in Spremberg gemacht werden?

Im Drachenherz sollen Kinder und Jugendliche Halt und Unterstützung finden und in pädagogischer Gruppenarbeit lernen, sich zu öffnen, ihre Sorgen, Wünsche und Gefühle mitzuteilen. In einem großen Altbau gibt es Zimmer für Kindergruppen, Räume zum Spielen, für Gespräche, und einen Sportraum. Zwei Gruppen soll es in Spremberg in Zukunft geben, eine für kleinere Kinder von sechs bis zwölf Jahren, und eine für Kinder und Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren. Für Besucher von außerhalb soll ein Fahrdienst vom Bahnhof möglich sein.

Und auch wenn die Gruppen erst im Sommer starten – wer Gesprächsbedarf hat, kann auch jetzt schon anrufen, eine E-Mail schreiben oder sich über Instagram melden.

Was bedeuten süchtige Eltern für Kinder?

Bei Suchtmitteln steht Alkohol an oberster Stelle, auch in Familien. Die Suchterkrankung wirkt sich auch auf die Kinder aus. Oft übernehmen diese Aufgaben, die ihrem Entwicklungsstand nicht angemessen sind, wecken die Eltern, versorgen die Geschwister, kaufen ein, kümmern sich um Arzttermine. Sophie Zehner erzählt, wie schwierig nicht eingehaltene Absprachen sind, also „Morgen bringe ich dich zur Schule, ganz bestimmt“ – und dann passiert es doch nicht. Ein ewiges Wechselspiel zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Auch Gewalt ist ein großes Thema in solchen Familien, und Missbrauch. Das Stresslevel dieser Kinder ist hoch. Sophie Zehner sagt, dass viele Kinder denken: Ich bin schuld und fühlen sich hilflos.

Eine Suchterkrankung führt in Familien zu eigenen Regeln, um den Konsum ungestört fortsetzen zu können. Die Probleme, die daraus für Kinder erwachsen, erledigen sich nicht von allein, ein Drittel der Kinder suchtkranker Eltern wird selbst im Erwachsenenalter alkohol-, drogen- oder medikamentenabhängig. Auch das Risiko für psychische Störungen ist bei ihnen besonders groß. Das muss aber nicht so kommen.

Wie kann institutionelle Hilfe aussehen?

Andrea Hardeling, Sprecherin der BLS in Potsdam sagt: Präventive Spiel- und Freizeitangebot für Kinder und Teenager aus suchtbelasteten Familien sind wichtig, diese Kinder müssen so früh wie möglich unterstützt werden, wenn sie sich gesund entwickeln sollen. Hier sind professionelle Angebote wichtig – und die Unterstützung von Vertrauenspersonen.

Auch süchtige Eltern lieben ihre Kinder

Dabei ist Eltern oft daran gelegen, dass die ganze Angelegenheit nicht an die große Glocke gehängt wird, sagt Sophie Zehner. Aber die Kinder brauchen einen Ort, an dem sie Worte dafür finden können, über die Probleme zu Hause. Viele wollen mit anderen Menschen reden, die wissen, wie es ist. Gleichzeitig müssten die Kinder einfach auch Kind sein dürfen und spielen.

Auch die Eltern sollen mit dem „Drachenherz“-Projekt erreicht werden. Ihnen müsse klargemacht werden: Ihr habt ein Problem – aber das Kind hat auch eins. Und es muss geregelt sein, dass die Eltern zustimmen, damit ihre Kinder bei „Drachenherz“ in Spremberg dabei sein können. Dabei fürchten Mütter und Väter oft das Jugendamt. Zehner sagt: „Auch Eltern, die süchtig sind, lieben ihre Kinder. Nur ist die Sucht eben leider manchmal stärker.“

Warum kommt die neue Stelle ausgerechnet nach Spremberg?

Warum wird ausgerechnet in Spremberg eine solche Stellte eröffnet – ist dort ein besonders großer Bedarf? Nein, sagt Sophie Zehner. Für die Stadt liegen keine gesonderten Zahlen vor, die statistische Hochrechnung geht von etwa 500 betroffenen Kindern aus. Grund für das Engagement in Spremberg ist, dass das Blaue Kreuz schon jetzt in Spremberg arbeitet, in der Justizvollzugsanstalt und mit ehemaligen Häftlingen. Nun sei es an der Zeit gewesen, auch etwas für Kinder zu tun an diesem Ort.

Soviele Kinder leben in Suchtfamilien

Laut der Brandenburgischen Landesstelle für Suchtfragen leben in Brandenbrug schätzungsweise 222.016 minderjährige Kinder in in einem suchtbelasteten Haushalt. Ca 40.000 Menschen in Brandenburg gelten als alkoholabhängig. Ein Drittel der Klientinnen der Brandenburgischen ambulanten Suchthilfe hat minderjährige Kinder, die Hälfte von ihnen versorgt die Kinder im eigenen Haushalt. Etwa neun Prozent sind fremdbetreut in Pflegefamilien oder anderen Einrichtungen.

Kinder können gestärkt werden durch verlässliche Beziehungen zu Vertrauenspersonen, und durch Angebote, die Kreativität, Humor und Wertevermitltung unterstützen.

Die Entwicklung der Kinder wird unterstützt, wenn Fachkräfte wissen, wie sie eine Suchtbelastung in der Familie erkennen und welche Möglichkeiten der Unterstützung bestehen.