NS-Zeitzeugen in Spremberg: Warum der Besuch von Irene Bindel so besonders ist

Es passiert immer wieder, dass „Spurensucher“ wie die Spremberger Pfarrerin Jette Förster Angehörige der Opfer des Nationalsozialismus trifft. Manchmal bringen sie ihr sogar Fotos mit – wie Heidemarie Kummer aus Dresden, die Enkelin der Sprembergerin Martha Tschickert (1888-1975). Zeitzeugen, die von ihren persönlichen Erlebnissen mit dem NS-Regime sprechen können, gibt es immer weniger.
Annett Igel- Zeitzeugin Irene Bindel spricht in Spremberg über ihre Erlebnisse im Nationalsozialismus.
- Das Bündnis Unteilbar und die AG Spurensuche laden zu einer Lesung am 27. Januar 2026 ein.
- Irene Bindel, geboren 1938, verlor ihren Vater, der als Jude vom NS-Regime verfolgt wurde.
- Die AG Spurensuche forscht zu NS-Opfern aus Spremberg; Funde reichen von Dokumenten bis zu Angehörigen.
- Zahl der Zeitzeugen schrumpft: 196 Menschen, geboren 1938, lebten am 2. Januar 2025 noch in Spremberg.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die Berlinerin Irene Bindel kommt nach Spremberg. Sie ist eine der Zeitzeugen, die noch von ihren Erlebnissen während des Nationalsozialismus berichten können. Das Bündnis Unteilbar und die Arbeitsgruppe Spurensuche haben sie eingeladen. Stephanie Nerlich, eine der Spremberger Spurensucherinnen, hat Irene Bindel kontaktiert – unbedingt, jetzt noch. Warum?
„Die Zeitzeugen werden sehr schnell immer weniger“, sagt Stephanie Nerlich. Irene Bindel wurde im Sommer 1938 geboren. Sie ist ein kleines Mädchen im Nationalsozialismus. Ihre Mutter hatte den charmanten Max Bindel Ende der 20er-Jahre beim Tanzen kennengelernt. „Gestatten Sie? Mein Name ist Bindel“, so soll er sich vorgestellt haben. Sie heiraten, sind gespannt auf ihr erstes Kind. Aber die Nationalsozialisten haben etwas gegen ihre Verbindung. Viele Liebende und Ehepaare werden der „Rassenschande“ bezichtigt.
Max Bindel ist Jude – und in einer kleinen Widerstandsgruppe in Berlin. Er wird inhaftiert und er wird nie wieder zurückkehren. Andrea Bindel muss sich mit ihrer kleinen Tochter allein durchschlagen. Im Nationalsozialismus und in der Zeit danach. Sie schreibt Tagebuch und versucht, sich mit Irene doch in dieser Welt einzurichten. Im Jüdischen Museum Berlin werden im Archiv rund 1800 Familiensammlungen aufbewahrt. Seit 2021 gehört eine dicke Mappe zur Familie Bindel dazu. Mit Fotos und Schriftstücken. Auf einem der Bilder guckt die kleine Irene gerade so über den unteren Bildrand. Ein Brief des Vaters zu ihrem 4. Geburtstag liegt dabei.
Was Spremberger über Verfolgte des NS-Regimes finden
Stephanie Nerlich, die Spremberger Pfarrerin Jette Förster, die ehemalige Schulleiterin Regine Branzke und all die anderen Mitstreiter der AG Spurensuche kennen solche Mappen. Die „Spurensucher“ forschen seit einigen Jahren zu Schicksalen von Sprembergern im Nationalsozialismus. Fündig werden sie in Kirchenbüchern, im Kreismuseum, im Zentralarchiv des Landes Brandenburg in Potsdam, in Berlin. Manchmal endet ihre Suche vor einem Grab. Manchmal aber finden sie Angehörige, die noch erzählen, was sie mitbekommen haben. Und das ist dann nicht nur traurig.
Mehrere Zeitzeugen werden in diesen Tagen vor Spremberger Schülern sitzen. Irene Bindel ist es wichtig, die Fragen der jungen Leute zu beantworten. Auch Manfred Hüllen vom Zeitzeugen-Projekt in Hamburg kommt nach Spremberg – „Solange es geht. Sind Sie dabei?“, so Hüllen am Telefon.
Das Bündnis Unteilbar hat mit der AG Spurensuche zudem eine Lesung für alle, für die Öffentlichkeit organisiert. Sie beginnt am 27. Januar, um 18.30 Uhr. Der Verein der Arbeiterwohlfahrt Bezirksverband Brandenburg Süd und das Aktionsbündnis Brandenburg unterstützen das Vorhaben. Michael Apel von der Spremberger Kino und Kultur GmbH gibt Unteilbar wieder einen Kinosaal. Im November 2025 hatte das Unteilbar-Team gestaunt, wie viele Menschen inzwischen ihrer Einladung folgen. Der Journalist Jo Goll riet den Sprembergern an jenem Abend, etwas zu tun, damit sich die extreme Rechte in der Stadt nicht „so pudelwohl“ fühlt und hier ihren Nachwuchs rekrutiert.
So geht die Zahl der Zeitzeugen zurück
Die Lesung mit der Berlinerin Irene Bindel beginnt am Dienstagabend, 27. Januar 2026, um 18.30 Uhr im Spreekino am Markt in Spremberg.
Zeitzeugen, die noch über Nationalsozialismus sprechen können, gibt es immer weniger. Von Menschen, die wie Irene Bindel im Jahr 1938 geboren wurden, gab es zum Stichtag 31. Dezember 2023 noch 214 in Spremberg. Ein Jahr später (Stichtag 2. Januar 2025) leben davon noch 196.
Einwohner, die 1937 und noch früher geboren sind, hatte Spremberg zum 2. Januar 2025 noch 761 – 230 Männer und 531 Frauen. Doch übers Jahr ging diese Zahl weiter zurück. An der Aktualisierung der Einwohnerzahlen zum 1. Januar 2026 arbeitet die Stadt.

