Von Annett Igel-Allzeit

Die Sommerabende zu den Hoffesten des Erwin-Strittmatter-Vereins sind schön. Und in diesem Jahr waren so viele Autoren wie noch nie „unter Eechen“ und der Hoflinde. Aber ich kann nicht hin. Ich habe mich festgelesen. In der Anthologie des Erwin-Strittmatter-Vereins „Alltag im Wort“. Drei Stunden vorm Hoffest hat Renate Brucke in der Aula des Erwin-Strittmatter-Gymnasiums Rosen an Schreibende verteilt. Der Literaturwettbewerb „Alltag im Wort“, den Vereinsmitglied Matthias Stark im Jahr 2017 ins Leben gerufen hatte, gipfelt in der Auszeichnungsveranstaltung.

Was Matthias Stark auch am Samstag noch nicht nicht so ganz fassen kann: die große Resonanz. 383 Autoren aus 14 Ländern wie der Schweiz, aus Österreich, Italien, Norwegen, Georgien, aus Dänemark hatten im Alltäglichen die Poesie, höchste Spannung, tiefste Liebe, ach, die große Welt entdeckt. Wie einst Eva und Erwin Strittmatter.

Musiklehrerin Ute Sowa findet mit dem Musikkurs-Chor der Klasse 11, Anna Polyakov, Jeffry Melchrick, Josefine Lüdtke und Friederike Mros die richtigen Töne für das literaturbegeisterte Publikum. Renate Brucke liest aus dem ersten Teil „Der Laden“ vor, wie Erwin Strittmatter einst in der „Hochen Jungsenschule“, in deren Aula nun alle schwitzen, die Aufnahmeprüfung bestand. Bevor Matthias Stark, der selbst viel schreibt, darüber philosophiert, warum er schreibt. Dabei wird er zusehends lockerer und glück­lich über diesen Wettbewerb, seine Idee.

Die Jury, zu der neben Renate Brucke und Stark Heidemarlen Polzin und Michael Gätke gehörten, hatte unheimlich viel zu lesen. Die Debatten im Finale müssen schwierig gewesen sein. „Es hätte auch ganz anders kommen können“, gesteht Matthias Stark.

Renate Brucke, Lehrerin im Ruhestand, will vor allem Schüler ermutigen, weiter zu schreiben.  Immerhin hatten sich 57 Jugendliche am Wettbewerb beteiligt – aus dem Glück­auf-Gymnasium in Altenberg, aus dem Erwin-Strittmatter-Gymnasium in Spremberg, aus einer Arbeitsgemeinschaft des Strittmatter-Gymnasiums Gransee. „Neun Schüler haben es unter die 100 Autoren in der Anthologie geschafft“, sagt Renate Brucke. Als kleines besonderes Geschenk reicht sie den Schülern einen Nachdruck von „Flock“, Strittmatters erste veröffentlichte Geschichte in der Schülerzeitschrift „Kunstblatt der Jugend“ aus dem Jahr 1928.  Drei Schülertexte werden in Auszeichnungsveranstaltung gelesen. Laura Kamprath spielte in ihrem Gedicht unter dem nüchternen Titel „Inventur“ mit unnützen und kostbaren Gedanken. Nach viel Literatur übers Blau in der Epoche der Romatik beweist Marie-Louise Schirmer, dass sich mit dieser Farbe noch immer eine wundersame Spannung aufbauen lässt –  man muss nur Tinte benutzen. Die kleine Anekdote über schlechte Freunde von Yngvar Tiefensee, der nicht selbst lesen will, trägt Renate Brucke vor – die voll besetzte Aula schmunzelte über den letzten Satz „Man merkt, wie dumm man war, aber nie, wie dumm man ist.“

Und die Erwachsenen? Bernd Daschek hat mit seiner Geschichte „Der Wecker“ Matthias Stark im stillen Kämmerlein Tränen in die Augen getrieben. Auch am Samstag, als der Mann mit den breiten Hosenträgern, liest, schlucken wir im Saal. Toll, dass seine Geschichte ins Programm musste, auch wenn der Sieg an drei andere Autoren geht. An Julia de Book aus Berlin, die Theater für Kinder spielt. An Joachim Frank aus Prisdorf bei Pinneberg in Schleswig-Holstein, der mit seinen Erzählungen und Kurzgeschichten schon einige Wettbewerbe gewann. Und an Manuela Efthimiadis aus Weisenheim in Rheinland-Pfalz, die 2018 ihren Debüt-Roman herausbrachte.

Joachim Frank erzählt in „Kartoffeln schälen“, warum eine Frau sich nach 17 Ehejahren auf Reis freut. Manuela Efthimiadis rettet einen schwarzäugigen Hengst für ihre Stute. Und Julia de Boor fasziniert Strittmatters „Zeitchen“ so, dass sie ihn in einem Gedicht als Entdecker einer neuen Zeiteinheit  feiert.

In der Anthologie gibt es Streber, alte Ehepaare, und Paare mitten im Leben, die Frischverliebte beobachten. Es gibt Einsamkeit und Bienenstichkuchen. Katzen, Hunde, Tauben und Kaninchen. Elli Bunt versucht ihre zerrissene Hose mit Reimen zu retten. Sabine Frambach denkt noch einmal über einen Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand, nach. Und Monika Berger hat ein Apfel die Birne zerbeult.

Erwin-Strittmatter-Verein (Hg.):  Anthologie Alltag im Wort, Schütze-Engler-Weber Verlags GbR Dresden. ISBN 978-3-936203-38-7.