Eva Strittmatter macht sich Anfang März 1965 nicht nur Sorgen um die Gesundheit ihres Mannes – Erwin Strittmatter hatte im November 1964 einen Herzanfall. Sondern sie schreibt auch fürsorglich an Gerd Michael Henneberg. „Ihr Brief hat meinen Mann etwas beunruhigt. Daß Sie sich in Dresden bei Ihrer Arbeit so gar nicht wohl zu fühlen scheinen, bedauert er sehr. Können Sie sich nicht verändern? Sie sprachen ja schon bei Ihrem letzten Besuch von Ihren Sorgen. Wir hatten gehofft, daß sie kleiner werden und daß Sie sich eingewöhnen würden ... Wir kennen Sie aus Ihrer Neustrelitzer Zeit doch ganz anders, und mein Mann war von Ihrer Art zu arbeiten damals sehr begeistert ...“ Hellmuth Henneberg, Moderator und Autor und bekannt geworden als Fernsehgärtner beim rbb, schiebt den Brief über den Küchentisch. Er hat in der Corona-Krise Zeit gefunden, sich weiter durch den Nachlass seines Vaters zu arbeiten – und dabei ist er auf Briefe von den Strittmatters gestoßen.

Erfolg mit „My Fair Lady“

Gerd Michael Henneberg, geboren 1922 in Magdeburg und gestorben am ersten Tag des Jahres 2011 in Berlin, hat am Friedrich-Wolf-Theater in Neustrelitz Erwin Strittmatters Drama „Die Holländerbraut“ inszeniert. Nach seinen Erfolgen als Schauspieler in Leipzig, Aschaffenburg, Weimar und Berlin wollte er Stücke selbst inszenieren. Ab 1960 wirkte Gerd Michael Henneberg als Theaterintendant in Neustrelitz. Neben der „Holländerbraut“ brachte er dort Shakespeares „Hamlet“ auf die Bühne. Seine Inszenierung des Musicals „My Fair Lady“ wurde als großer Erfolg gefeiert.

Bohsdorf

Nach dem Tod des Dresdener Generalintendanten Heinrich Allmeroth folgte er dem Ruf ans Staatstheater Dresden. Doch wie in den Zeilen Eva Strittmatter deutlich wird, hatte er dort Probleme. Nach der Inszenierung zeitgenössischer Stoffe hagelte es Kritik in der Presse. Im Oktober 1965 musste er sich öffentlich erklären und eingestehen, dass das Schauspielhaus unter seiner Generalintendanz „keinen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der sozialistischen Dramatik geleistet“ habe.

Bis zu vier Filme im Jahr

Gerd Michael Henneberg kehrte als Intendant ans Neustrelitzer Theater zurück. 1968 besinnt er sich wieder auf sein zweites Standbein als Schauspieler. Im Berliner Maxim-Gorki-Theater wird er ab Mitte der 70er-Jahre zum festen Ensemble-Mitglied. Ein bis vier Filme bereicherte er im Jahr. Zuletzt zu sehen war er in „Grüne Hochzeit“ (1989), der Polizeiruf-110-Serie „Falscher Jasmin“ (1990) und „Farßmann oder Zu Fuß in die Sackgasse“ (1991).
Was Strittmatter seit der Zusammenarbeit in Neustrelitz veröffentlichte, verfolgte Gerd Michael Henneberg. Sein Sohn Hellmuth, 1958 in Berlin geboren, erinnert sich an einen Besuch in Schulzenhof. „Vater wohnte damals noch in Pälitzhof bei Neustrelitz, 20, 30 Kilometer entfernt von Strittmatters Schulzenhof. Der Schriftsteller selbst ließ sich bei diesem Besuch gar nicht sehen. Aber ich erinnere mich an die Söhne – die waren für mich als Neun- oder Zehnjähriger ohnehin spannender. Mit Erwin Berner habe ich später auch mal darüber sprechen können.“
Gerd Michael Henneberg, Schauspieler und Intendant, hat eine Arbeitsfreundschaft mit Erwin Strittmatter verbunden.  Foto: privat
Gerd Michael Henneberg, Schauspieler und Intendant, hat eine Arbeitsfreundschaft mit Erwin Strittmatter verbunden. Foto: privat
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Eva Strittmatter hat Gerd Michael Henneberg und die nahezu gleichzeitigen Inszenierungen der „Holländerbraut“ in Berlin, Potsdam und Neustrelitz Anfang der 60er-Jahre im Buch „Leib und Leben“ erwähnt. Allerdings vor allem, um von einer Affaire Strittmatters mit der Neustrelitzer „Dramaturgie-Sekretärin“ zu erzählen.

Vater und Sohn

Neben den Briefen und Karten bekam Gerd Michael Henneberg von Strittmatter sämtliche Neuerscheinungen zugeschickt. Sie hat eine Arbeitsfreundschaft verbunden, auch zu Hennerbergs Schreibversuchen äußert sich Strittmatter. Als Kind, so erzählt Hellmuth Hennerberg, habe er „Pony Pedro“ sehr gern gelesen. Obwohl sein Vater fünfmal geheiratet hat, entfremdeten sich Vater und Sohn nicht. „Ich konnte ihn als Schauspieler sehen, und wir haben viel über Theater und Film gesprochen. Das hat mich dann in meiner Arbeit als Journalist sehr geprägt. Er hatte meist die bösen Rollen – aber nicht ohne Grund, die konnte er gut.“ Gerd Michael Henneberg ist im Fernsehmehrteiler „Wege übers Land“ der SS- und Polizeiführer Friedrich Wilhelm Krüger, in „Befreiung“ Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, in „Tilmann Riemenschneider“ der Fürstbischof Konrad von Thüngen. Er war Volkspolizist und Chefarzt, trug Monokel oder gab sich großbürgerlich.

Er war Schatzmeister Gier

In der DEFA-Verfilmung „Das tapfere Schneiderlein“ überzeugte er mit einer deutlichen Nasenverlängerung als Schatzmeister Gier. Die Komik gelang dem hoch gewachsenen Gerd Michael Henneberg mit seinem Ernst. „Es ist schon faszinierend, ihn in alten Filmen immer wieder so in Nebenrollen zu treffen“, sagt Hellmuth Henneberg.
Ganz sortiert habe er den Nachlass seines Vater noch nicht. Tagebücher hat der geschrieben und ein Lustspiel. „Aber zwei, drei Briefe, die über Privates hinausgehen, möchte ich dem Niederlausitzer Heidemuseum jetzt für die Dauerausstellung zu Erwin Strittmatter schenken.“ Museumsleiter Eckbert Kwast freut sich „wie Bolle“: „Es ist schön, so etwas Autografisches zu haben“, sagt Kwast, „etwas, das Strittmatter mit der Hand geschrieben hat.“ Ein kleiner Raum der Strittmatter-Ausstellung widmet sich ohnehin den beiden Stücken des Schriftstellers: Neben der „Holländerbraut“ ist das die Komödie „Katzgraben“ (geschrieben 1953), die noch Bertolt Brecht inszeniert hatte und die 1957 fürs Fernsehen aufgenommen wurde.

Das Lob für den Intendanten


Bis zum 27. Todestag von Erwin Strittmatter am 31. Januar 2021 will der Spremberger Museumsleiter Eckbert Kwast für die Briefe von Erwin und Eva Strittmatter an Gerd Michael Henneberg in der Dauerausstellung einen ansprechenden Platz finden. Auch ein Exemplar des Dramas „Die Holländerbraut“ hat Hellmuth Henneberg dem Niederlausitzer Heidemuseum überlassen – mit einer besonderen Widmung Strittmatters für Henneberg vom 3 Oktober 1961. „Wenn ein Drama geschrieben ist, ist’s erst eine Knospe. Regisseur und Schauspieler können es erblühen lassen. Das Geheimnis ist’s, die Blüte duften zu machen. Das aber hast du mit deinem Kollektiv geschafft.“