Karneval Spremberg: Mit Bürgerhaus und Klima in die Bütt
Immer wieder lauschen die Funken, versuchen in den Saal zu spähen. Sämtliche Plätze an den Tischen sind besetzt. Geht es jetzt los? Die Fans der Elferratssitzung der Kanuten der SG Einheit muss niemand auffordern, sich zu erheben. Nichts hält sie auf den Stühlen, als die Funken in den Saal der Gaststätte Georgenberg marschieren.
Die weißen Stiefelchen fliegen wieder
Endlich fliegen wieder die weißen Stiefelchen in die Luft. Die Barden haben neue Texte für uralte Lieder geschrieben. Eine der Büttenreden wurde erst dreieinhalb Stunden vorm Sitzungsbeginn vollendet. Die Cottbuser Liveband „nAund“ kann blitzschnell entscheiden, welche Spremberger Pointe einen Tusch verdient.
Seit mehr als 40 Jahren, so Steffen Wende, Vorsitzender des Elferrates, gibt es diese öffentlichen Sitzungen. „Es sind zum Teil unsere Väter gewesen, die das im Bootshaus begonnen hatten“, sagt Wende und holt eine Eintrittskarte aus der Karnevalsjackentasche. Beigefarben, aus starkem Papier und mit geschwungenen Schriftarten bedruckt. „Die diesjährigen Karten sind wohl die letzten in dieser Form“, seufzt Wende.
Buchdruckermeister Ulrich Müller hatte sie jedes Jahr zu Hause in Handarbeit angefertigt. Doch im Juni ist er verstorben. Er war Kanute und liebte den Kanufasching ganz besonders. „Ich weiß, dass einige Vereinsmitglieder die Eintrittskarten gesammelt haben“, so Steffen Wende.
Marcus Kossatz schnappt sich das goldene Fernrohr und seine Bütt. „Ich mache das seit meinem 16. Lebensjahr“, sagt der 30–Jährige. Die ersten drei Jahre kletterte er als Fußballfan auf die Bühne, inzwischen ist er Weltenbummler. Funken bringen ihn zur Bühne. „Am 9. November vor 30 Jahren? Da wurde ich 80 Tage alt, und am Abend fiel die Mauer ein. Wenn das nichts bedeutet?“
Margots Auferstehung
Er ist Lehrer geworden, unterrichtet in Löbau. Zug fahre er gern, rechnet in naher Zukunft aber mit der Durchsage: „Sehr geehrte Fahrgäste, wir warten auf Wind“. Und weil die westlichen Bundesländer und Sachsen kein bundesweit einheitliches Bildungssystem mit ihm entwickeln, lässt er DDR–Volksbildungsministerin Margot Honecker auferstehen.
Die „Zwei aus dem Schacht“ — Christoph Kulisch und Mike Töpfer — und haben den Scheich mitgebracht — gespielt von Martin Pusch. Der Mann aus dem Orient wolle den Strukturwandel finanzieren. „Zum Wohle der Kohle!“ Der Spruch wird sofort in den Zuhörerreihen ausprobiert, die Doppeldeutigkeit gefällt.
Großer Auftritt der jungen Funken
Die Juniorfunken geben Gas. Sieben bis acht Stunden in der Woche trainiert Dorit Neumann die Mädchen und jungen Frauen in den drei Gruppen. Die jüngsten sind sieben, die ältesten mehr als 30 Jahre alt. „Ich selbst tanze auch noch mit“, erzählt die 37–Jährige. „Mit 15 Jahren habe ich die Funken für mich entdeckt und nicht nur mitgetanzt, sondern auch gleich als Trainerin geholfen.“
Mit Rosen bedanken sich die Funken bei ihr — „einfach mal so“. Gefreut hat sich die Trainerin auch über ihre Jüngsten: „Die Grünen Funken haben wir nach den Sommerferien zusammengestellt. Sie hatten heute ihren ersten Auftritt.“
Von Klimawandel bis Bundeswehr
„Die Landstreicher“ — Roland Kietzer, Tobias Wende und Carsten Schwarze — haben die Schuldigen für die Dürrejahre 2018 und 2019 gefunden: „Das sind Eltern, die ihre Kinder zwingen, den Teller leer zu essen, damit am nächsten Tag wieder die Sonne scheint: Jetzt haben wir dicke Kinder und den Klimawandel.“ Auch die Situation der Bundeswehr beleuchten sie in einem Lied — aber nicht ohne in der letzten Strophe die Einsätze der Soldaten bei Hochwasser und Großbränden zu loben. „Es ist uns schon wichtig, ein Thema von allen Seiten zu sehen und nicht nur auszuteilen“, sagt Roland Kietzer.
Reimender Frisörmeister
Frisörmeister Franz, hinter dem Sven Kadach steckt, unterwirft sich dem Reim und Versmaß. Auch beim maroden Spremberger Bürgerhaus. Er bedauert, dass die Stadtverwaltung nicht ins Postgebäude oder in die Sinapius–Villa zieht. Baufachbereichsleiter Schmiedel beim Frühstück auf der Terrasse über der Berliner Kreuzung, das könne sich der Frisörmeister prima vorstellen. Stattdessen gehe es ganz in den Süden, ins Dorf, fern von Burnout: „... nebst Kleintierhaltung sitzt dort Sprembergs Kurverwaltung.“
Gerd Schmiedel, der wie viele Mitarbeiter der Stadtverwaltung, unter den Gäste ist, schmunzelt. „Wir haben vor vielen Jahren wirklich einmal darüber nachgedacht, mit der Verwaltung in die Villa zu ziehen. Aber diese Räumlichkeiten mit dem riesigen Flur eignen sich einfach nicht für die Verwaltung“, sagt er.
„Mariechen von Terpe“ — Ramona Schorg — macht weder die Planer noch die Handwerker verantwortlich für „Pflegestufe 11“ des Bürgerhauses. Sondern in diesem Gebäude „wurde gelogen, bis sich die Balken bogen“.





