In Spremberg wird endlich wieder konzertiert. Der Tenor Björn Casapietra kommt nach 2011 zum zweiten Mal in die Perle der Lausitz. „Halleluja – Die schönsten Himmelslieder“ heißt sein neues Programm, das am 16. August in der Kreuzkirche zu erleben ist. Er ist politischer geworden, wendet sich offen gegen die AfD und den Rechtsruck in der Gesellschaft. Als Sohn einer Italienerin wehrt sich Casapietra mit Sätzen wie „Ich lasse mir mein Deutschland nicht kaputt machen.“ Die RUNDSCHAU hat mit dem Tenor über Politik, die Corona-Krise und über neue Lieder gesprochen.

Herr Casapietra, wie viele Mund-Nase-Schutze haben Sie in der Corona-Pause gesammelt? Tragen Sie sie?

Selbstverständlich trage ich sie. Allein deswegen, weil ich mitbekommen habe, was in meinem Geburtsland Italien los war – auch in der eigenen Familie. Ich habe diese Pandemie von Anfang an sehr ernst genommen. Das Leben meines Publikums ist mir heilig. Es war selbstverständlich, dass wir keine Konzerte gegeben haben. Die lustigste Maske, die ich habe, hat das Gesicht meines Hundes Sir Winston drauf. Die haben mir Fans geschickt.

Für Sie ist der Kontakt zum Publikum verdammt wichtig. Wie konnten Sie das seit März kompensieren?

Ach, ich hatte eine ganze Menge mit dem Homeschooling zu tun. Im Gegensatz zu anderen Eltern blieb mir wirklich genügend Zeit, und das hat mir Spaß gemacht, ich habe gern Wissen vermittelt – an meine Tochter, an meinen Hund.

Sie haben vor einem Konzert in Bautzen im Herbst 2019 für Diskussionen auf Facebook gesorgt, weil Sie Ihr Unverständnis über AfD-Wähler geäußert haben. In Spremberg hat die AfD mehr Stimmen bekommen, als sie Kandidaten für die Sitze hatte. Warum singen Sie trotzdem gern hier?

Ich singe für die riesige überwiegende Mehrheit der Menschen, die ich als Demokraten bezeichne. Denen Humanismus, Mitgefühl, Empathie, Liebe und Mitmenschlichkeit wichtiger sind als Lügen, Fake News oder Hetze. Hätte die AfD irgendetwas in dieser Pandemie zu sagen, wir hätten Zustände wie in den USA. Und vermutlich Hunderttausende Tote. Wissen Sie, ich möchte mit einem italienischen Namen einfach keine Angst haben müssen in meinem Heimatland. Mit Hass und Hetze ist noch nie irgendwas Gutes gelungen auf dieser Welt. Deutschland kann glücklich und dankbar sein, einigermaßen glimpflich durch diese Krise gekommen zu sein. Dank einer aufmerksamen Bevölkerung, einer klugen Bundesregierung, der klugen Virologen. Eine Wissenschaftlerin als Kanzlerin zu haben, scheint mir nicht das Schlechteste in diesem Moment.

Sprembergs neuer junger Pfarrer sah sich auf einem Spaziergang mit Freunden plötzlich von Rechten umzingelt. Ist Ihnen so etwas auch schon passiert, wie gehen Sie damit um?

Bislang kriege ich den Hass nur im Netz ab. Meine Mutter ist Italienerin, mein Vater Sachse. Geboren bin ich in Italien, aufgewachsen in Ost-Berlin. Neulich hat mir so ein Nazi mein Deutschsein abgesprochen. Er schrieb mir: „Du bist kein Deutscher, du kannst da machen was du willst.“ Wissen Sie, ich setze einfach auf das Gute. Denn die große Mehrheit in unserem Land tut das auch. Ich freue mich, diesen Pfarrer kennenzulernen und endlich wieder in Spremberg singen zu dürfen. Im übrigen geht es bei meinen Konzerten um die Musik und um all die Dinge, die uns dorthin gebracht haben, wo wir heute stehen. Wir leben in einem großartigen Land. Und das lassen wir uns von ein paar Schwachköpfen nicht kaputt machen.

Zu einer Meinung zu stehen – wie haben Ihnen das Ihre berühmten Eltern, der Dirigent Herbert Kegel und die Sängerin Celestina Casapietra, beigebracht?

Zuerst haben sie mir beigebracht, dass Musik alles verändern kann – die ganze Welt. Und das stimmt. Ich möchte das auch mit jedem einzelnen meiner Konzerte erreichen. Ich möchte so singen, so musizieren, dass mein Publikum danach nach Hause geht und das Gefühl hat, dass die Sterne am Himmel etwas heller leuchten. Es geht mir nicht nur darum, schöne Lieder zu singen. Ich möchte tiefer rein in den Menschen. In das Herz. In die Seele. Ich möchte Gänsehaut erzeugen. Tränen, ein Lachen.

Ich hoffe, Sie nehmen den „weichen Tenor“ keinem Ihrer Kritiker, Ihrer Kritikerinnen übel. In welchen Situationen ist Ihnen nach Hardrock?

Öfter mal. Neulich habe ich wieder Metallica gehört. Es gibt sogar zwei CDs von AC/DC in meiner Sammlung. Ich bin ein großer Fan von U2, den Beatles, John Lennon. In letzter Zeit höre ich allerdings ziemlich viel Ennio Morricone, den verstorbenen italienische Film-Komponisten. In den Konzerten singe ich auch eine seiner Kompositionen: das Thema von Claudia Cardinale aus dem Film „Spiel mir das Lied vom Tod.“

Ich freue mich auf Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar umgeben“, auf wenigstens ein jiddisches Lied, auf Ihre Interpretation von „Amazing Grace“. Wie finden Sie immer wieder neue Liebeslieder?

Schlimm ist, wenn ich fühle, dass ich mein Publikum langweile. Deswegen suchen wir immer wieder neue Ideen, neue Lieder, Abwechslung. Gerade bei den Himmelsliedern ist uns das ganz gut gelungen. Da singe ich mal einen alten Gospel von Elvis Presley und das „Hallelujah“ von Leonard Cohen. Das „Ave Maria“ von Franz Schubert und das „Wiegenlied“ von Johannes Brahms. Meistens im Duett mit meiner elfjährigen Tochter.
Seine Tochter Stella war schon beim Konzert von Björn Casapietra 2011 in Spremberg dabei. Ob sie auch am 16. August da sein kann, hänge von der Schule ab, sagt Casapietra.
Seine Tochter Stella war schon beim Konzert von Björn Casapietra 2011 in Spremberg dabei. Ob sie auch am 16. August da sein kann, hänge von der Schule ab, sagt Casapietra.
© Foto: Detlef Bogott

Wären Sie im Mittelalter eigentlich Minnesänger geworden? Wenn Sie jetzt Ja sagen, ist das langweilig…

Ich glaub, im Mittelalter wäre ich einer dieser Typen gewesen, die mit ihrem Wägelchen von Dorf zu Dorf reisen und versuchen, den Leuten irgendwas anzudrehen – gegen Fußpilz oder so.

Aber Sie hätten die Leute ganz sicher herbei gesungen statt gerufen. Was denken Sie über eine junge Frau, die peinlich berührt wegläuft, wenn Sie sie in der U-Bahn fasziniert „ansingen“?

Das ist mir noch nie passiert, mag aber daran liegen, dass ich selten U-Bahn fahre. Ich singe oft in der Öffentlichkeit. Und bisher haben alle gelächelt, oder sie fanden das schön. Ich mache das auch am Telefon, um das Eis zu brechen. Ich rufe jemanden an und singe erst mal ein paar Takte.

Habe ich erlebt...

Und ich haben bei Ihnen auf der anderen Seite sofort ein Lächeln gehört. Glauben Sie mir, Musik ist dazu da, die Welt besser zu machen.

Es gibt noch Karten


Beginnen wird das Konzert mit dem Tenor Björn Casapietra am Sonntag, 16. August, um 18.30 Uhr in der Spremberger Kreuzkirche. Karten gibt es im Gemeindebüro der Kreuzkirche, Kirchplatz 5 (Telefon 03563 2032), in der Spremberger Touristinformation, Am Markt 2 im Bürgerhaus (Telefon 03563 4530) sowie deutschlandweit in vielen bekannten Vorverkaufsstellen auch online.

Geplant war das Konzert in Spremberg ursprünglich im Mai, musste dann aber wegen der Corona-Krise verschoben werden.

Mit dem Programm „Hallelujah – Die schönsten Himmelslieder“ tourt er seit 2019 durch Deutschland. Der Pianist Peter Forster wird den Tenor diesmal begleiten.