Im letzten Sommer der DDR hat im Spremberger Freibad noch ein Sprungturm gestanden. Im Schwimmbad Schwarze Pumpe fanden im Mai 1990 die letzten DDR-Meisterschaften im Wasserball statt. Und mit der Simson knatterten einige junge Spremberger an den Felixsee nach Bohsdorf.
Es gab dort damals zwar noch keinen Aussichtsturm, aber aus den kleinen Nischen der wilden Steilküste konnten die Besucher ins Wasser rennen. Im Spremberger Stausee zu baden, war nicht so angesagt. Die Wasserqualität stimmte nicht: Es reichte mit dem Spreewasser nur für Note 4 mit dem Prädikat „unbrauchbar“.
Viele DDR-Bürger sehnten sich nach dem 1. Juli. An diesem Tag wurde die DDR-Mark in die D-Mark umgewandelt. Der Lohn kam fortan in Westmark und halbierte sich wie das Vermögen größtenteils. Um die starke Abwanderung vieler junger DDR-Bürger zu stoppen, hatten sich die DDR und die Bundesrepublik geeinigt, ab Juli die D-Mark im Osten einzuführen.

DDR-Bürger reisten billig durch Prag

Auch die Spremberger Kaufhallen und Konsummärkte hatten nun das gleiche Angebot wie im Westen des Landes, nur mit teilweise viel höheren Preisen. Umgekehrt war es bei den Reisekosten, wenn die Ostblockländer das Ziel blieben.
Ein Besuch eines DDR-Bürgers in Prag bewirkte vor dem 1. Juli, dass sein DDR-Geld im Verhältnis 1 zu 3 getauscht wurde. Nun nach der Währungsunion hatte das neue Geld plötzlich das Fünf- bis Sechsfache an Wert, sodass die Tour zu einem spottbilligen Ausflug wurde. Doch diese neue Währung war teuer erkauft. Innerhalb weniger Wochen gab es immer mehr Arbeitslose.
Kopfschütteln über die DDR löste eine Pressekonferenz von DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel im Juni 1990 aus. Er präsentierte mehrere festgenommene westdeutsche Terroristen der „Rote Armee Fraktion“ (RAF), die 34 politische Morde in der BRD verübt hatten und die mit Zustimmung der DDR-Regierung mit neuer Identität in der DDR untertauchen konnten.

Für DDR-Schüler gab es zum letzten Mal lange Sommerferien

Die Mindestrente betrug zum 1. Juli 1990 in der DDR 495 D-Mark (rund 250 Euro). Ein moderner West-Computer 386 wurde kurz vor der Geldumstellung noch für 21 000 Ostmarkt verkauft. Nun gab es neue Feiertage wie den Ostermontag und Himmelfahrt. Und die Sommerferien der DDR-Schüler waren letztmalig acht Wochen lang.
Nachdem Energie Cottbus im letzten Spiel 3:0 gegen Magdeburg gewonnen hatte, blieb der Verein in der DDR-Oberliga immerhin auf Platz 7. Ein spektakuläres ost-west-deutsches Länderspiel gab es auch in Cottbus. Für die DDR spielten unter anderem Wolfgang Seguin, Dixi Dörner, Hartmut Schade und Reinhard Häfner, für die Westdeutschen Uwe Seeler, Paul Breitner, Karl-Heinz Rummenigge, Klaus Fischer und Wolfgang Overath. Die „Wessis“ gewannen mit 5:2.

Protest formiert sich vor der russischen Kaserne in Welzow

Im Juni versammelten sich plötzlich vor dem russischen Kasernentor in Welzow wütende Menschen, die sich über den Fluglärm der Kampfflieger beschwerten und auf Plakaten „Russki go home“ forderten. Mehrere Tausend russische Soldaten lebten teils mit ihren Familien in der Welzower Kaserne.

Spremberg

In Spremberg gab es einen neuen Bürgermeister: Nachfolger von Hannelore Neumann wurde Egon Wochatz. Die Position des Landrates übernahm der ehemalige Pfarrer Hartwig Alpermann. Erstmalig berichtete die Zeitung über das Leben im Knast in Schwarze Pumpe.

Alle DDR-Bürger brauchten ein eigenes Konto

Die DDR-Bezirke wurden aufgelöst und Bundesländer gegründet: Nachdem sich Hoyerswerda für Sachsen entschieden hatte, überlegte auch Schwarze Pumpe, mit seinem Kombinat nach Sachsen zu ziehen. Vor der Spremberger Kreissparkasse bildeten sich ab Juni wegen der Währungsunion riesige Schlangen, da jeder Bürger jetzt ein eigenes Konto brauchte. Am ersten Tag im Juli wurden 3,7 Millionen D-Mark an die Spremberger ausgezahlt.
Im Museum wurde eine Sonderausstellung über den in Spremberg geborenen Schriftsteller Erwin Strittmatter eröffnet. Die Autowerkstatt Mahling warb erstmals mit Autos der Marke VW. Gleich nach dem 1. Juli bildeten sich auch Schlangen an der Kfz-Zulassungsstelle in der Karl-Marx-Straße. Über Hundert Autos – meist Westmarken – wurden dort täglich angemeldet. Spitzenreiter war der VW Golf vor dem Opel Kadett und dem Renault 19.
Um 23 Uhr am 8. Juli erlebte Spremberg kurz vor Mitternacht einen Autocorso. Viele fuhren hupend durch die Innenstadt: Deutschland war zum dritten Mal Fußballweltmeister, und das wurde auch mit schwarz-rot-goldenen Fahnen in Spremberg gefeiert.

Aus für die Gaststätte in der Spremberger Turnstraße

Neue Vereine wurden gegründet, wie der Behindertenverband und die Lebenshilfe. Für viele Heimwerker gab es eine neue Anlaufstelle: Im Neudorfer Weg öffnete ein Baumarkt, der alles „über“ dem Ladentisch anbot. Im Gewerbeamt der Stadt gaben sich die Leute die Klinke in die Hand, der Noch-Lehrling Andreas Voigt eröffnete seine Werbefirma.
Die Gaststätte „Stadt Spremberg“ in der hinteren Turnstraße galt als das beste und teuerste Restaurant der Stadt, in dem man auch tanzen konnte. Nach der Neueröffnung blieben die Besucher weg, niemand wollte jetzt viele D-Mark für einen Restaurant-Besuch ausgeben.
Der Leiter der „Hilfsschule“ in Spremberg beklagte, dass viele Ausbildungsplätze für seine Schulabgänger zurückgezogen wurden. So gingen viele mit gemischten Gefühlen in den Sommer – mit der D-Mark in der Tasche, aber mit der Sorge, ob sich dieses neue Geld in seinem oder ihrem Beruf auch noch weiter verdienen lässt.

Sommerkino auf der Freilichtbühne Spremberg fiel 1990 aus

Das Spremberger Heimatfest wurde 1990 auf Anfang September verschoben. Zur neu gegründeten Burgparty ritt Schlagersänger Achim Mentzel hoch zu Ross in Sprembergs Schlosshof ein. Im Trabant und Wartburg ging es nach Italien, Frankreich, Österreich, wie es ein Jahr später die Komödie „Go Trabi Go“ erzählt.
1990 waren im Spremberger Kino in der Heinrichstraße Filme wie „Zurück in die Zukunft“, „Werner – Beinhart!“ und „Die nackte Kanone“ zu sehen. Weil die Freilichtbühne für die Arbeiterfestspiele, die 1990 in Spremberg stattfinden sollten, renoviert wurde, gab es kein Sommerkino und keine Konzerte. Dafür lud das Kulturhaus der NVA auf dem Georgenberg zusätzlich zum Kino ein.
Am 20. Juli fand anlässlich des Hitler-Attentates in der Spremberger Kaserne zum letzten Mal eine Vereidigung von NVA-Soldaten statt. Der Fahneneid hatte bereits einen anderen, kürzen Text als noch 1989, aber er wurde noch auf die Gesetze der DDR geschworen.

Mit Mischkompott aus Bulgarien


Eis kaufen konnten die Spremberger im Sommer 1990 an der Spreebrücke in der Langen Straße, im „Café Expreß“ bei Bierholdts, beim Lauermann-Imbiss neben dem Rathaus und in der „Jalta-Eisbar“ in der Karl-Marx-Straße. Ein einfacher Früchte-Eisbecher kostete vor der Währungsunion im „Café Expreß“ genau 80 Pfennig. erinnert sich die einstige Café-Bierholdt-Inhaberin Sabine Rackel. „Mit zwei Kugeln Eis, Mischkompott und ohne Sahne.“ Das Kompott dafür sei in großen Gläsern aus Bulgarien gekommen. „Das waren Pflaumen und noch ziemlich grün gepflückte Pfirsiche. Das Obst musste beim Vorbereiten immer aufgeschnitten werden – wegen der kleinen Maden und der Kerne. Und in der Saison“, so erinnert sich Sabine Rackel, „hat es mein Opa Walter Bierholdt aufpeppen lassen – mit frischen Erdbeeren und Kirschen.“ mw/ani